# taz.de -- Invasive Arten im Klimawandel: Ein Pilz soll's richten
       
       > Der invasive Götterbaum breitet sich rasant in Berlin aus, schadet
       > anderen Arten und der Infrastruktur. Jetzt gibt es ein Mittel, um ihm
       > zuleibe zu rücken.
       
 (IMG) Bild: Wild wachsende Götterbäumchen hinter einer BVG Haltestelle am Mauerpark
       
       Er wächst einfach überall: an Hauswänden, zwischen Fahrbahnen, auf
       Bahndämmen, in Hinterhöfen. Aus den Pflasterritzen neben Plakatwänden und
       hinter U-Bahn-Eingängen quellen seine Triebe mit ihren gefiederten
       Blättern, auf Brachen, Friedhöfen und in Grünanlagen bilden seine
       Schößlinge gebüschartige Strukturen.
       
       Wer einmal weiß, wie der Götterbaum – wissenschaftlicher Name: Ailanthus
       altissima – aussieht, der sieht ihn plötzlich auf Schritt und Tritt in der
       Stadt. Und ständig kommen neue Exemplare hinzu, die innerhalb weniger Jahre
       rasant in die Höhe streben. Die Ausbreitung der erst vor wenigen hundert
       Jahren in Mitteleuropa eingeführten Art hat explosive Ausmaße angenommen.
       
       Von der EU wird der aus China stammende Baum seit einem guten Jahrzehnt
       [1][zu den „invasiven gebietsfremden Arten“ gezählt], deren weitere
       Einbringung verhindert und deren Ausbreitung kontrolliert werden muss. Nur:
       So einfach ist das nicht. Ailanthus altissima, einst gezielt als Schmuck-
       und Straßenbaum gepflanzt, hat irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten
       beschlossen, dass er gekommen ist, um zu bleiben.
       
       Rund 3.000 Exemplare stehen laut der offiziellen Statistik an den Straßen
       und in den Grünanlagen der Stadt, einige wenige davon schon seit dem 19.
       Jahrhundert. Warum der Götterbaum sich plötzlich so rapide ausbreitet?
       Biologen gehen davon aus, dass die Art ein Klimawandelgewinnler ist. Mehr
       warme und trockene Tage im Jahr begünstigen seine Vermehrung.
       
       Das Problem: Wo seine Sämlinge austreiben, machen sie heimischen Arten und
       Biotopen zu schaffen. So überwuchert er gerne den Trockenrasen, eine
       vielfältige Pflanzengesellschaft, die auf sandigen, mageren Böden gedeiht,
       wie [2][Christian Scheer, der Leiter des Berliner Pflanzenschutzamts],
       erklärt. Gleichzeitig diene die Baumart nur sehr wenigen Insekten als
       ökologische Nische: „Die Eiche etwa hat im Vergleich dazu ein sehr breites
       Wirtsspektrum“, so Scheer. „Da stellt sich die Frage: Muss sich
       ausgerechnet diese Art so stark ausbreiten?“
       
       ## Auf einmal an jeder Ecke
       
       Scheer hat die Amtsleitung 2024 übernommen, zuvor lebte und arbeitete der
       Berliner rund 20 Jahre im Bodenseeraum. „Als ich zurückkam und wieder mehr
       Zeit in der Stadt verbrachte, musste ich feststellen, dass ich offenbar
       etwas verpasst hatte – der Götterbaum wuchs auf einmal an jeder Ecke.“
       
       Aber nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten ist der Baum
       problematisch, er sorgt auch immer häufiger für Schäden an der städtischen
       Infrastruktur, weil seine Samen buchstäblich in jeder Spalte anfangen zu
       keimen. „Wir bekommen immer wieder Bilder von Schäden zugeschickt“, sagt
       Scheer. Die jungen Bäumchen abzusägen oder auszureißen, bringe aber wenig
       Erfolg: „Es ist wie mit der Hydra in der griechischen Mythologie: Wenn man
       ihr einen Kopf abschlägt, wachsen zwei neue nach.“
       
       Dabei will Berlins oberster Pflanzenschützer sich keinesfalls falsch
       verstanden wissen: „Es ist ein wunderbarer Baum, ich finde ihn sehr schön.“
       Deshalb gehe es auch keinesfalls darum, ihn „auszurotten“, nur müsse eben
       ein Management betrieben werden, das seine ungebremste Vermehrung stoppt.
       
       Bis vor Kurzem stand das noch gar nicht zur Debatte, denn kein Mittel
       schien diesem Kraut gewachsen zu sein – zumindest kein akzeptables, denn
       das Pflanzenschutzamt setzt aus guten Gründen nicht auf chemische Keulen.
       Jetzt gibt es aber ein Produkt, das unter anderem in Österreich schon seit
       einiger Zeit erfolgreich eingesetzt wird und äußerst vielversprechend ist.
       
       „Ailantex“ heißt die Suspension, für die aktuell eine zeitlich begrenzte
       Notfallzulassung des Bundesamts für Verbraucherschutz und
       Lebensmittelsicherheit (BVL) gilt. Sie enthält den Pilzstamm Verticillium
       nonalfalfae, dessen Myzele die wasserleitenden Gefäße der Pflanze quasi
       verstopft, den Baum welken lässt und schließlich zum Absterben bringt.
       
       ## Einsatz mit der Impfpistole
       
       An einer stillgelegten Bahnstrecke in der Berliner Innenstadt lässt das
       Pflanzenschutzamt aktuell einen Versuch mit dem Mittel durchführen. An
       etlichen Götterbaumstämmchen hängen hier farbige Schlaufen, die markieren,
       welches Exemplar mit welcher Menge der Substanz „geimpft“ wurde.
       
       Wie Christoph Scheer erklärt, ist die Anwendung denkbar einfach: Entweder
       wird die Borke mit einem Stechbeitel leicht verletzt, anschließend träufelt
       man die Suspension mit einer Pipette auf das Werkzeug, und der Baum saugt
       sie auf. Alternativ lässt sich die Flüssigkeit mit einer Art Impfpistole
       einbringen.
       
       Das war es dann auch schon: Der Pilz erledigt den Rest. Auf der
       Versuchsfläche ist gut zu sehen, wie die drei bis vier Meter hohen Bäumchen
       verkahlen. Die Fiederblätter hängen gelb und schlaff herunter oder sind
       schon abgefallen. Über das Wurzelgeflecht werden die Sporen auch in die
       Ausläufer übertragen, die links und rechts aus dem Boden ragen.
       
       Scheer betont die Vorteile des Präparats: Es werde so gezielt verabreicht,
       dass eine Ausbreitung auf benachbarte Pflanzen praktisch ausgeschlossen
       sei. Zudem bilde der Welkepilz keine Dauersporen und wirke sehr spezifisch
       beim Götterbaum.
       
       Laut BVL gibt es nur sehr wenige Arten, die durch Verticillium nonalfalfae
       in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. In der Notfallzulassung wird die
       Anwendung „im Umkreis von 30 Metern“ zu Spinat, Gurken, Tomaten und
       Petunien untersagt. Für Scheer ist das eher theoretisch, aber die gebotene
       Vorsicht sei völlig in Ordnung: „Unsere Aufgabe ist ja, den Pflanzenschutz
       zu kontrollieren und negative Szenarien auszuschließen.“
       
       ## Letztendlich hängt es am Geld
       
       Auch wenn der Versuch erfolgreich verläuft und in naher Zukunft eine
       reguläre Ausnahmegenehmigung für den Einsatz des Mittels erteilt werden
       könne, geht es laut Scheer nicht um eine großflächige Anwendung, sondern um
       den Einsatz „in sensiblen Bereichen“. Das Pflanzenschutzamt werde dann
       Schulungen durchführen, unter anderem für MitarbeiterInnen der bezirklichen
       Grünflächenämtern oder andere Grundstückseigentümer, die den Götterbaum
       bekämpfen wollen oder müssen.
       
       Bislang stehen die Bezirke dem Problem recht hilflos gegenüber.
       Götterbäume, die sich in Baumscheiben von Straßenbäumen breitmachten,
       würden regelmäßig entfernt, teilt etwa das Bezirksamt Mitte auf Anfrage
       mit. Die Ausbreitung lasse sich aber „ohne eine stadtweite Strategie nicht
       wirksam eindämmen“. Ähnlich äußert sich das Bezirksamt
       Tempelhof-Schöneberg, aus Friedrichshain-Kreuzberg heißt es, für gezielte
       Bekämpfungsmaßnahmen seien „leider keine Ressourcen vorhanden“.
       
       Für Pflanzenschutzamtsleiter Scheer ist klar: Fehlendes Personal darf
       künftig kein Grund zu sein, auf das Götterbaum-Management zu verzichten:
       „Da muss der Gesetzgeber ausreichende Mittel zur Verfügung stellen.“ Ob das
       geschieht, steht in Berlin natürlich auf einem anderen Blatt.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Biologin-ueber-invasive-Arten/!6089839
 (DIR) [2] https://www.berlin.de/pflanzenschutzamt/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
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