# taz.de -- Museumspädagogin über Cap Arcona: „In der Bucht wurden 4.000 Tote angeschwemmt“
       
       > Beim Beschuss der „Cap Arcona“ 1945 starben Tausende KZ-Häftlinge in der
       > Lübecker Bucht. Ein kleines Museum in Neustadt hält die Erinnerung wach.
       
 (IMG) Bild: Die Cap Arcona Anfang der 1930er-Jahre bei der Einfahrt in Hamburg: Zehn Jahre später wird der Luxudampfer zur Todesfalle
       
       taz: Wie viele KZ-Häftlinge starben im Mai 1945 in der Lübecker Bucht, Frau
       Zühlke? 
       
       Melanie Zühlke: Auf den [1][Schiffen Cap Arcona und Thielbek], die die
       britische Luftwaffe irrtümlich bombardierte, starben am 3. Mai 1945
       insgesamt 7.000 Menschen. Die SS hatte sie nach der Räumung des KZ
       Neuengamme und des Auschwitz-Außenlagers Fürstengrube auf „Todesmärsche“
       nach Neustadt in Holstein geschickt. Außerdem wurden über 200 Häftlinge aus
       dem KZ Stutthof, die zunächst an den Strand fliehen konnten, von
       Angehörigen der Kriegsmarine und des „Volkssturms“ erschossen. Ermittlungen
       gegen mögliche Täter wurden 2015 ohne Ergebnis eingestellt.
       
       taz: Wie stark grub sich dieser Tag ins kollektive Gedächtnis? 
       
       Zühlke: Teilweise. In der gesamten Bucht wurden noch wochen-, und
       monatelang rund 4.000 Tote angeschwemmt, 3.000 blieben im Meer. Die ganze
       Küste von Ostholstein bis Nordwest-Mecklenburg war betroffen, so dass noch
       bis 1950 an manchen Stränden in der Lübecker Bucht Badeverbot herrschte.
       Kinder fanden beim Buddeln am Strand und auf Campingplätzen Knochen, denn
       [2][man hatte die Toten damals sehr schnell vor Ort im Sand begraben].
       Viele hat man später in Sammelgräbern bestattet, unter anderem auf
       Ehrenfriedhöfen in Haffkrug in der Gemeinde Scharbeutz und in Neustadt in
       Holstein. Aber alle Orte kennen wir bis heute nicht.
       
       taz: Wie geht die Region mit diesem Trauma um? 
       
       Zühlke: Ein Teil der Aufarbeitung war 1990 die Gründung des Museums Cap
       Arcona in Neustadt in Holstein. Mit zwei Räumen auf 33 Quadratmetern sind
       wir allerdings ein sehr kleines Regionalmuseum und können die Geschichte
       nur kursorisch darstellen. [3][Ausführlicher wird das Dokumentationszentrum
       informieren], das 2028 in einem Neubau eröffnet werden soll.
       
       taz: Was ist derzeit im Museum Cap Arcona zu sehen? 
       
       Zühlke: Neben Erklärtafeln zeigen wir Exponate, die uns ein Taucher zur
       Verfügung gestellt hat: Holzbalken, Teile eines Bullauges, Häftlingsschuhe,
       aber auch edles Besteck und Sektkübel. Die Cap Arcona war ja ein
       Luxusdampfer, bevor die SS die Häftlinge dorthin zwang und das Schiff als
       schwimmendes Konzentrationslager nutzte.
       
       taz: Wer besucht Ihre Führungen? 
       
       Zühlke: Neben Touristen kommen viele Einheimische aus Ostholstein. Denn wir
       zeigen, was hier vor Ort passierte, nicht im fernen Auschwitz oder Berlin,
       und viele Einheimische haben einen Bezug dazu. Der kann zum Beispiel
       familiär sein, weil die Eltern oder Großeltern die Toten mit geborgen
       haben. Einmal hat eine Zeitzeugin erzählt, dass sie als Kind von zuhause
       aus mit angesehen hat, wie erschöpfte überlebende Stutthof-Häftlinge auf
       dem Boden lagen. Diese Bilder wird sie ja nie mehr los. Trotzdem kommt sie
       her und spricht darüber.
       
       taz: Wie erinnern sich die Kinder und Enkel? 
       
       Zühlke: Anhand von Dingen, die sie nach dem Tod von Eltern oder Verwandten
       finden. Machen entdecken bei der Haushaltsauflösung Besteck von der Cap
       Arcona und erzählen: „Wir haben das immer gehabt, aber nie benutzt.“ Und
       dann geben sie es dem Museum. Ein Mann, der hier aufwuchs, hat noch in den
       1960er-, 1970er-Jahren Knochen am Strand gefunden und sich gefragt, warum
       die Menschen so viel Hühnchen gegessen haben. Niemand hat ihm gesagt, was
       wirklich geschehen war. Dabei hatte sein Vater den Beschuss der Cap Arcona
       gesehen. Aber es dauerte 80 Jahre, bis er darüber sprechen konnte.
       Fischerfamilien dagegen sprachen schon damals darüber, weil sie die Toten
       oft in den Netzen hatten. Das zeigt, wie unterschiedlich die Menschen in
       der Region mit den Ereignissen umgegangen sind.
       
       11 Aug 2026
       
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