# taz.de -- Erziehung zwischen Freiheit und Grenzen: Vielleicht erwarten wir von Eltern zu viel
       
       > Nicht alle Familien in Syrien setzen automatisch besser Grenzen als die
       > in Deutschland. Jede Familie ist anders. Aber es gibt einen großen
       > Unterschied.
       
 (IMG) Bild: Wo lernen Kinder eigentlich, dass sie nicht allein auf der Welt sind? In der Gemeinschaft
       
       Seit ich Vater geworden bin, entdecke ich meine Stadt völlig neu. Genauer
       gesagt: Ich entdecke sie durch die Augen meiner Tochter.
       
       Gibt es Bordsteinkanten, die für Kinderwagen zum Hindernis werden? Wo gibt
       es Schatten, wo einen Spielplatz, wo eine Turnhalle? Mit diesem Blick
       begegnet man auch anderen Menschen. Vor allem anderen Eltern. Spielplätze
       und Turnhallen sind für mich deshalb nicht nur Orte, an denen Kinder
       spielen. Sie sind auch Orte, an denen sich beobachten lässt, wie wir unsere
       Kinder erziehen. Und manchmal lernen wir voneinander.
       
       Natürlich sollte man dort vor allem auf das eigene Kind achten. Trotzdem
       beobachte ich auch die Erwachsenen, weil ich neugierig bin. Wie reagieren
       sie, wenn ihr Kind einem anderen das Spielzeug wegnimmt? Wenn es schubst?
       Wenn es die Schaukel besetzt hält, obwohl andere Kinder warten?
       
       ## Nur ein kleiner Ausschnitt
       
       Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht sehe ich nur einen kleinen
       Ausschnitt. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass ein paar Eltern
       Schwierigkeiten haben, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Sie greifen gar
       nicht ein.
       
       Dabei frage ich mich oft, wo Kinder eigentlich lernen, dass sie nicht
       allein auf der Welt sind. Dass Freiheit dort endet, wo die Freiheit anderer
       beginnt. Dass Rücksicht und Geduld keine Strafen sind, sondern
       Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben.
       
       Diese Gedanken führen mich in meine [1][Kindheit in Syrien]. Ich bin mit
       acht älteren Geschwistern aufgewachsen, ich war der Jüngste. Meine vier
       Onkel lebten mit ihren Familien in der Nachbarschaft. Dazu kamen Cousinen
       und Cousins, Nachbarn, Freunde meiner Eltern und Lehrerinnen, die meinen
       Vater oder meine Mutter kannten. Eigentlich kannte jeder jeden.
       
       ## In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich
       
       Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung
       verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht
       in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater eingreifen.
       Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ Ein Onkel konnte mich
       zurechtweisen. Selbst ältere Menschen aus der Nachbarschaft fühlten sich
       verantwortlich. Damals erschien mir das selbstverständlich. Erst heute
       merke ich, wie besonders das eigentlich war.
       
       Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Familien in Syrien gleich erziehen
       oder automatisch besser Grenzen setzen. Genauso wenig gibt es so etwas wie
       „die deutsche Erziehung“. Jede Familie ist anders. Und trotzdem fällt mir
       ein Unterschied auf.
       
       In Deutschland wachsen viele Kinder in deutlich kleineren Familien auf. Die
       Verantwortung liegt fast ausschließlich bei den Eltern. Selbst Großeltern
       halten sich oft bewusst zurück oder werden gebeten, sich nicht
       einzumischen. Erziehung wird zu einer Aufgabe von zwei Menschen – und
       manchmal sogar von nur einem Elternteil.
       
       Ich frage mich oft, ob wir Eltern damit nicht überfordern. Denn früher
       wurden Kinder nicht nur von ihren Eltern begleitet, sondern [2][von einer
       Gemeinschaft]. Interessant ist, dass ich auch die gegenteilige Kritik höre.
       Wenn ich mit meiner Tochter und den Kindern meiner syrischen Verwandten
       zusammen bin, sagen manche scherzhaft: „Den Deutschen liegt das
       Kontrollieren der Kinder im Blut.“ Sie erzählen, deutsche Eltern stellten
       Regeln auf und ihre Kinder gehorchten schnell. Arabische Kinder hingegen
       diskutierten länger – und irgendwann gäben die Eltern nach.
       
       Zwischen diesen beiden Sichtweisen bewege ich mich. Ich möchte keine
       autoritäre Erziehung. Ich möchte aber auch keine Erziehung, in der Kinder
       nie lernen, dass es Grenzen gibt. Denn Grenzen bedeuten nicht automatisch
       Unfreiheit. Sie sind oft die Voraussetzung dafür, dass viele Menschen
       gemeinsam frei leben können. Vielleicht ist deshalb gar nicht die
       entscheidende Frage, ob deutsche oder syrische Eltern besser erziehen.
       
       Vielleicht lautet die eigentliche Frage: Wer erzieht unsere Kinder
       überhaupt noch? Früher war die Antwort für mich einfach: Eltern, Verwandte,
       Nachbarn, Lehrer*innen – eine ganze Gemeinschaft. Heute scheinen wir
       diese Verantwortung immer stärker auf zwei Menschen zu übertragen.
       Vielleicht erwarten wir von Eltern inzwischen zu viel. Und vielleicht
       brauchen Kinder nicht nur mehr Freiheit, sondern auch wieder mehr
       Gemeinschaft.
       
       8 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Familien-in-Syrien/!6118759
 (DIR) [2] /Ueber-die-Erziehung-fremder-Kinder/!5777077
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hussam Al Zaher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Hamburger, aber halal
 (DIR) Gewalt gegen Kinder
 (DIR) Kinder
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Erziehung
 (DIR) nord-kolumnen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Syrischer Bürgerkrieg
 (DIR) Fachkräftemangel
 (DIR) Flüchtlinge
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rückkehr ins syrische Bildungssystem: „Manche Schüler können keinen Satz auf Arabisch lesen“
       
       Etwa 1,2 Millionen SyrerInnen sind bislang in ihre Heimat zurückgekehrt.
       Manche Kinder stellt das vor große Herausforderungen.
       
 (DIR) Fachkräftemangel in Deutschland: 80.000 Syrer arbeiten in Engpassberufen
       
       Erstmals ist eine Rückkehr nach Syrien für viele Geflüchtete eine Option.
       Für die deutsche Wirtschaft ist das eine weitere schlechte Nachricht.
       
 (DIR) Scheitern eines deutsch-syrischen Paares: Nicht kompatibel
       
       Ein junger geflüchteter Mann reflektiert, warum eine deutsch-syrische
       Liebesgeschichte scheiterte – obwohl sie so vielversprechend begann.