# taz.de -- Kater in der Großstadt?: Ich glaube, er hatte ein gutes Leben
       
       > Rein oder raus? Die Frage, ob Katzen Freigang brauchen, spaltet die
       > Tierhalter:innen. Vor allem in der Großstadt.
       
 (IMG) Bild: Sollte dringend mal auf die Gasse: Hauskatze
       
       Es gibt ein kurzes Video, auf dem zu sehen ist, wie unser Kater die
       Katzentreppe vom Balkon heruntergeht, misstrauisch, weil sie eine Art
       schwankende Brücke ist. Das Video ist alt und ich sehe es selten an, weil
       der Kater inzwischen tot ist und ich ihn immer noch vermisse. Der Kater
       legte sich wie ein Schal um unsere Schultern, als er klein war, und er tat
       es noch, als er sechs Kilo wog und links und rechts hinausragte.
       
       Die Katzentreppe war die Möglichkeit, den Kater zum Freigänger zu machen,
       obwohl wir damals im ersten Stock mitten in Hamburg wohnten. Freigänger ist
       ein Wort, das ich erst damals kennengelernt habe, es ist ein Fachbegriff,
       den man in Tierarztbögen ankreuzt, aber für mich klingt es nach jemandem,
       der aus dem Gefängnis entkommt.
       
       Das Freigänger- oder Nichtfreigängertum von Katzen wird leidenschaftlich
       diskutiert, etwa auf Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de, und der Ton
       wird so rau, dass man sich fragt: Was fasst die Leute da eigentlich so an?
       Vielleicht ist es schlicht das Wissen, dass man es immer falsch macht. Aber
       nicht bereit ist, auf ein Leben mit Katze zu verzichten. Gibt es ein gutes
       Leben für Katzen in der falschen Großstadt?
       
       Die Katze unserer Nachbarn war eine Wohnungskatze. „Das ist die Rasse“,
       sagten sie und tatsächlich, einmal stand die Tür offen und die Katze blieb
       stocksteif in der Wohnung sitzen. Ich kann nicht beurteilen, [1][ob man
       Freiheitsdrang wegzüchten kann, es scheint ja vieles möglich.] Vielleicht
       züchtet man irgendwann ja auch Kinder, die nicht widersprechen.
       
       ## Nur mit Freigang
       
       Unser Kater war ein Findling, Kind einer verwilderten Hauskatze auf dem
       Land, die überfahren worden war. Es kam mir absurd vor, ihn in eine Wohnung
       zu sperren. Als ich Kind war, liefen unsere Katzen frei durch die Gärten
       und Felder, aber das war nicht in einer Großstadt, sondern in einem
       verschlafenen Vorort.
       
       Die [2][Tierärztin], zu der wir den Findelkater brachten, sagte, dass sie
       ihn an eine Familie vermitteln könne. Meine Kinder flehten, dass sie ihn
       behalten dürfen. „Nur wenn er raus kann“, sagte ich und setzte dabei auf
       den Garten hinter unserem Haus. Doch die Nachbarinnen, die einen Pflegehund
       mit dünnem Nervenkostüm hatten, wollten die Katzentreppe nicht im
       Hintergarten beim Hund, sondern nur vorne. Dort hing sie also, in hundert
       Meter Luftlinie zu einer mehrspurigen Straße.
       
       Es gibt [3][ein Gedicht von Kurt Tucholsky], der darüber schreibt, dass die
       Leute eine Villa im Grünen haben wollen, vorne die Ostsee, hinten die
       Friedrichstraße. Einen Freigängerkater in der Großstadt zu haben, ist ein
       bisschen ähnlich, aber der Vergleich hinkt: Letzten Endes würde er
       überfahren, nicht ich. Aber der Kater wurde nicht überfahren. Er wurde
       groß, ein Kämpfer, der uns, aber auch Fremde gelegentlich anfiel und dann
       wieder sehr zärtlich wurde. Die Gründe blieben sein Geheimnis.
       
       An den Wochenenden reiste er mit uns aufs Land, wo er eine innige
       Freundschaft zu dem roten Nachbarkater pflegte, der vielleicht sein Onkel
       war. Ich glaube, dass er ein schönes Leben führte, bis er sich eines Abends
       mit gelähmter Hinterpfote die Treppen hochschleppte. [4][Wir ließen ein
       paar Tausend Euro in der Tierklinik] und erfuhren, dass sein Herz zu klein
       war für seinen großen Körper. „Wäre er ein Mensch, stünde er auf der
       Transplantationsliste“, sagte die Tierärztin.
       
       Ich ging mit dem Kater zur Krankengymnastik. Krankengymnastik für Tiere
       schien mir nahe an der Dekadenz, aber ich ging trotzdem mit ihm hin und
       irgendwann konnte der Kater wieder laufen. Ein paar Monate später starb er.
       
       Vielleicht war es deswegen so schlimm, weil ich das Gefühl hatte, dass wir
       uns nichts schuldig geblieben sind. Es gab nicht das quälende Hin und Her
       von uneingelösten Erwartungen und Lücken, die man selbst nicht füllt. Er
       war mein Schal, das genügte. Vielleicht ist es trotzdem falsch, eine Katze
       in der Großstadt zu halten.
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kulturwissenschaftler-ueber-Haustiere-Wir-geniessen-dass-wir-ueberlegen-sind/!6131686
 (DIR) [2] /Tieraerztin-fuer-Beduerftige/!6141993
 (DIR) [3] https://www.mumag.de/gedichte/tuc_k02.html
 (DIR) [4] /Hohe-Kosten-fuer-Haustiere/!5969285
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kater
 (DIR) Artgerechte Tierhaltung
 (DIR) Großstadt
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Hundegesetz
 (DIR) Kolumne über leben
 (DIR) Schwerpunkt Artenschutz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bremen führt Hundeführerschein ein: Mehr Kopfarbeit für Zweibeiner
       
       Wer sich in Bremen nun erstmals einen Hund anschafft, muss seine Kompetenz
       dafür nachweisen. Tierschützer*innen freuen sich. Bürokraten auch.
       
 (DIR) 1.513 Tage Krieg in der Ukraine: Wo jedes Bärenleben zählt
       
       Im Krieg leiden auch Tiere unter dem Beschuss und sterben durch
       Luftangriffe. Freiwillige retten sie sogar von der Frontlinie – darunter
       auch Großwild.
       
 (DIR) Schlangen als Haustiere: Özdemirs Exoten-Bann
       
       Der grüne Agrarminister will Tiere wie Schlangen oder Chamäleons aus
       Haushalten verbannen. Dabei sind Katzen aus Tierschutzsicht viel schlimmer.