# taz.de -- Spielfilm „Bitteres Fest“: Von sich selbst in der dritten Person sprechen
       
       > Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar spielt mit seinem neuen Film
       > „Bitteres Fest“ das Regisseur-erzählt-von-Regisseur-Modell auf drei
       > Ebenen durch.
       
 (IMG) Bild: Die Assistentin und der Autor: Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) und Raúl Durán (Leonardo Sbaraglia) in „Bitteres Fest“
       
       Wie ein Filmemacher ein Drehbuch darüber schreibt, wie eine Filmemacherin
       ein Drehbuch schreibt: Davon handelt der neue Film von Pedro Almodóvar.
       Film-im-Film sagt man dazu üblicherweise, aber in „Bitteres Fest“ nehmen
       die Spiegelungen zwischen Kunst und Leben, Fiktion und Wahrheit eher schon
       matrjoschkahafte Züge an. Fast zu gut ist der fiktive Filmemacher Raúl
       (Leonardo Sbaraglia) als Alter Ego von Almodóvar selbst erkennbar, womit
       wir eine dritte Ebene hätten: Ein Regisseur inszeniert eine Geschichte, in
       der ein Regisseur sich eine Geschichte darüber ausdenkt, dass eine
       Regisseurin über Dinge schreibt, die ihren Freundinnen widerfahren sind.
       
       „Bitteres Fest“ ist nicht der erste Film, in dem der mittlerweile
       76-jährige spanische Regiemeister von sich selbst erzählt. [1][Vor sieben
       Jahren gelang ihm mit „Leid und Herrlichkeit“ („Pain and Glory“)] ein
       berührendes Porträt des Alterns, das auf recht persönliche Weise von
       Freundschaft, Fragilität und Reue handelte. Vertreten ließ sich Almodóvar
       darin durch keinen Geringeren als Antonio Banderas, der für seinen Auftritt
       zahlreiche Preise gewann, darunter in Cannes eine Palme als bester
       Darsteller.
       
       Solche Erfolge blieben im Fall von „Bitteres Fest“, der nun ebenfalls von
       den Hürden für Kreativität im Alter erzählt, bislang aus. Sowohl beim
       Filmstart in Spanien als auch bei der internationalen Premiere in Cannes
       waren die Reaktionen eher verhalten. Der Film kommt weniger extravagant,
       weniger melodramatisch daher, als man es von Almodóvar gewöhnt ist.
       
       Gleichzeitig sind da immer noch die exakt gerahmten Bilder und vor allem
       der Umgang mit Farben, an dem man den „typischen Almodóvar“ erkennt: die
       elaborierten Kompositionen von Pullovern und Interieurs mit ihren flächigen
       Rot-Grün-Blau-Tönen, das Spiel mit Flächen und auffälligen Mustern im
       Kontrast dazu, das immer wieder für visuelle Überraschungen sorgt. Und
       nirgendwo kommt dieser Sinn für Farbgebung so gut zur Geltung wie bei
       Aufnahmen mit dem [2][schwarzen Sand der Insel Lanzarote, den Almodóvar
       schon in „Zerrissene Umarmungen“ (2009)] so wirkungsvoll inszenierte.
       
       ## Mit dem Schicksal seiner Freunde spielen?
       
       Die gefällige Oberfläche und das gemächliche, redelastige Erzähltempo von
       „Bitteres Fest“ verführen dazu, den Film zu unterschätzen. Aber wer genauer
       hinsieht und zuhört, entdeckt eine ungewöhnlich vertrackte Geschichte über
       die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Wahrheit.
       
       Almodóvar als Autor stellt sich recht unbequemen Fragen wie etwa: Spielt
       man als Autor mit dem Schicksal seiner Freunde? Erlaubt man sich Urteile,
       die man im wahren Leben aus Rücksicht nie aussprechen würde? Ist man ein
       Vampir, der die Erfahrung anderer aussaugt? Oder ist das Verwerten auch
       intimer Details aus dem Bekanntenkreis völlig legitim und sogar Bedingung
       für künstlerische Freiheit?
       
       „Autofiktion“ fungiert in diesem Kontext oft als neues Zauberwort. Sei es
       in der Literatur, auf dem Theater oder im Film, steigert es anscheinend die
       Anziehungskraft einer Erzählung, weil damit signalisiert wird, dass etwas
       eben nicht einfach nur „erfunden“ ist. Dabei wird geschickt in der Schwebe
       gehalten, wo nun genau die Grenze zwischen wahr und fiktiv verläuft.
       
       Wenn der Filmemacher Raúl, in „Bitteres Fest“ besagtes Alter Ego des
       spanischen Kultregisseurs, „Autofiktion“ ruft, klingt es bezeichnenderweise
       eher wie eine Ausrede, sogar wie eine Entschuldigung. Denn Raúls
       Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) hat ihm gerade vorgeworfen, auf
       unlautere Weise Dinge aus ihrem Privatleben in seinem neuesten Drehbuch
       benutzt zu haben. Mit Mónica verbindet Raúl mehr als nur eine
       Arbeitsbeziehung, sie ist Freundin und Vertraute seit mehr als 20 Jahren.
       Ein Verhältnis, wie man es sich in Almodóvars eigenem Umfeld gut vorstellen
       kann.
       
       ## Vom Leben inspirierte Fiktion
       
       Das könnte alles auch schnell sehr plump wirken, diese
       „Film-im-Film“-Reflexion über Realität und Fiktion. Aber Almodóvar führt
       die Umwandlung von Leben in Kunst nicht chronologisch vor, sondern
       präsentiert den Prozess auf raffinierte Weise andersherum. Man sieht zuerst
       die Ebene der Fiktion – und danach erst Ausschnitte aus dem Leben, das
       diese inspiriert hat.
       
       Die Filmemacherin Elsa (Bárbara Lennie) also erleidet einen schweren
       Migräneanfall, wird aber von ihrem Freund Bonifacio (Patrick Criado),
       genannt Beau, auf hingebungsvolle Weise betreut. Und während Elsa um
       Linderung kämpft, blendet der Film in die Zeit zurück, in der sie Beau
       kennenlernte. Die Begegnung mit ihm fiel zusammen mit dem traumatischen
       Erlebnis, dass ihre Mutter verstarb, ohne dass sie dabei sein konnte. Nun,
       ein Jahr später beschließt sie, statt Werbeclips doch wieder einen
       Spielfilm zu drehen und zieht sich zum Schreiben des Drehbuchs mit einer
       Freundin nach Lanzarote zurück.
       
       Eigentlich sind die Hinweise darauf, dass wir es hier mit „Fiktion“ zu tun
       haben, recht offensichtlich. Die Handlung ist ins Jahr 2004 gesetzt, was
       man vor allem an aufklappbaren Handys, Computerschrift-SMS und noch sehr
       verpixelter Fotoübertragung erkennt. Beau gibt als treusorgender
       Feuerwehrmann und Freizeit-Stripper einen eher unwahrscheinlichen
       „Traummann“ ab, wie er ganz offenbar der Fantasie, zumal eines schwulen
       Mannes, entsprungen sein muss. Dennoch überrascht es auch, wenn der Film
       zwischendurch in die Gegenwart springt, wo der bereits erwähnte Raúl hinter
       dem Laptop sitzt und Elsas Geschichte als Drehbuch gerade „erfindet“.
       
       ## Intimität und Integrität verraten
       
       Auf Lanzarote zerstreitet sich Elsa mit der sie begleitenden Freundin
       Patricia (Victoria Luengo), als diese sich selbst und ihre Eheprobleme im
       neuen Drehbuch entdeckt. Im Madrid der Gegenwart überwirft Raúl sich mit
       Mónica über die Frage, ob er den Selbstmordversuch einer nahen Freundin
       Mónicas so einfach in seinen Stoff hätte einbauen dürfen. Aber die
       Auseinandersetzungen sind keinesfalls deckungsgleich, sondern bringen
       verschiedene Aspekte hervor.
       
       Patricia fühlt sich ausgenutzt, weil Elsa ihr ein Schicksal „vorschreibt“.
       Mónica dagegen sieht ihre Intimität und Integrität verraten: Es gibt Dinge,
       die man einfach nicht weitererzählt. Und Raúl verteidigt gegen beide
       Stimmen, sozusagen als Sprachrohr Almodóvars, den schöpferischen Freiraum,
       der solche Beschränkungen ablehnt, weil sie seine Inspiration und
       Kreativität bremsen. Worüber soll man den sonst schreiben als über das
       wahre Leben, das einen umgibt? Die ungewöhnliche Verkettung von
       Film-im-Film-im-Film führt dabei zu manchem Aha-Erlebnis, das über den oft
       diskutierten Konflikt des Verrats an der Privatsphäre hinausgeht.
       
       So wirft Mónica dem alten Vertrauten an einer Stelle auch an den Kopf: „In
       deinen Drehbüchern bist du ehrlicher als im Leben.“ Sie hat bei der Lektüre
       des Drehbuchs nämlich entdeckt, dass Raúl die Figur von Traummann Beau, dem
       Mann an Elsas Seite, ganz aus den Augen verliert. Nun sagt sie dem
       Regisseur auf die Nase zu, dass sich darin sein wahres Desinteresse am
       eigenen, ihn selbstlos umsorgenden Lebensgefährten Santi (Quim Gutiérrez)
       auf bezeichnende Weise offenbare.
       
       Die Kunst ist keine Einbahnstraße. Sie bedient sich eben nicht nur
       ausbeuterisch an der Realität, nein, sie schlägt zurück und kann im
       wahrsten Sinn des Wortes auch etwas über ihren Autor, ihre Autorin
       verraten, was diese(r) gar nicht wahrhaben will.
       
       29 Jul 2026
       
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