# taz.de -- Russisch okkupierte Krim: Krieg zum Start der Touristensaison
> Auf der Krim muss Benzin rationiert werden, Strom fällt aus und
> Ferienlager werden abgesagt. Die Ukraine will die von Russland besetzte
> Halbinsel isolieren – zur Hauptreisezeit.
(IMG) Bild: Immer mehr Tankstellen in Russland und besetzten Gebieten müssen wegen Benzinmangel schließen, wie in Saky auf der Krim, 22. Juni
Kein Benzin, Stromausfälle und erste Defizite bei der Grundversorgung mit
Lebensmitteln: So haben sich die Menschen auf der Krim den Sommeranfang
nicht vorgestellt. Und all das ist nur ein erster Vorgeschmack, denn die
ukrainischen Streitkräfte peilen die vollständige Isolierung der von
Russland annektierten Halbinsel an – mit Erfolg. Am Dienstag meldeten sie
die Zerstörung der Eisenbahnbrücke über den Nord-Krim-Kanal. Damit fällt
eine der zentralen Transportstrecken weg.
Noch steht einer Reise vom russischen Festland auf die Krim nichts im Weg.
Zumindest über die 2018 fertiggestellte 18 Kilometer lange Brücke, die über
eine Meerenge zwischen dem Asowschen und dem Schwarzen Meer führt, der
Straße von Kertsch, fließt der Straßen- und Schienenverkehr.
Für die kommenden Tage sind die Passagierzüge weitgehend ausgebucht, aber
mit einigen Tagen Vorlauf gibt es Tickets zum moderaten Preis. Am ganz im
Osten der Krim gelegenen Bahnhof in Kertsch ist dann allerdings Endstation.
Weitere Ziele auf der Halbinsel fährt die Bahn seit Mitte Juni nicht mehr
an, nachdem bei einem Drohnenangriff auf die Lokomotive eines Personenzugs
auf der Strecke Moskau–Simferopol ein Triebfahrzeugbegleiter ums Leben
gekommen war.
## Immer mehr Menschen verlassen die Krim
Pkw haben, abgesehen von der obligatorischen Fahrzeugkontrolle, von der
russischen Seite kommend freie Fahrt. In der entgegengesetzten Richtung
hingegen staut sich der Verkehr vor der Brückenauffahrt. Am Mittwoch betrug
die Wartezeit für die dort stehenden über 900 Autos mindestens drei
Stunden. Tatsache ist, dass derzeit weitaus mehr Menschen die Krim
verlassen, als sie ansteuern.
Trotzdem fahren nach wie vor Urlauber*innen auf die Krim. Allerdings
nur die ganz Hartgesottenen oder jene, die schlicht ausblenden oder immer
noch nicht realisiert haben, was kriegsbedingt dort auf sie zukommen wird.
Ob sie überhaupt wie geplant mit Bus oder Bahn wieder nach Hause
zurückfahren können, ist ungewiss.
## Freier Verkauf von Benzin auf der Krim seit Mai eingestellt
„Auf der Krim handeln Privatleute mit Benzin für 250 Rubel den Liter“,
erzählt ein Barista in einem Kaffeekiosk im Moskauer Zentrum. Das habe ihm
sein Freund, der auf der Krim lebt, vor ein paar Tagen berichtet. Das sind
umgerechnet stolze drei Euro. Aber damit, so mutmaßt er, sei es sicher bald
vorbei, denn lange dürften deren Vorräte nicht anhalten. Genauso wenig wie
an kleinen Tankstellen in der russischen Provinz, die keiner großen Kette
angehörten und wo die Fahrzeuge, anders als noch vor einigen Wochen,
plötzlich Schlange stünden. „Es ist wie es ist“, beendet er stoisch seinen
Monolog.
In weit über der Hälfte der russischen Regionen [1][ist die Ausgabe von
Sprit mittlerweile rationiert]. Auf die Krim traf dies schon seit Ende Mai
zu, am 21. Juni wurde, per Verfügung des Regionaloberhaupts Sergei
Aksjonow, [2][der freie Verkauf von Kraftstoff an den Tankstellen dann ganz
eingestellt]. Anspruch auf Benzin haben nur noch staatliche Stellen, die
für das Funktionieren und die Sicherheit der Republik Sorge tragen.
Gleiches gilt für die als Marinestützpunkt mit einem Sonderstatus
ausgestattete Hafenstadt Sewastopol – aufgrund von Verzögerungen bei den
Brennstofflieferungen in die Stadt, so die offizielle Begründung.
## Land- und Seewege unter ukrainischem Beschuss
Nachschub in ausreichendem Umfang zu organisieren stellt die Behörden vor
unlösbare logistische Herausforderungen. Über den Landweg vom Norden her
laufen Benzintransporter Gefahr, ins Visier ukrainischer Drohnen zu
geraten, die Tankwagen und Militärfahrzeuge konsequent unter Beschuss
nehmen. Längst trägt [3][die vom russisch besetzten Melitopol] auf die Krim
führende Route die Bezeichnung „Straße des Todes“.
Auch der Seeweg ist riskant. In der Nacht zum 21. Juni brach nach einem
Angriff Feuer auf drei Krim-Autofähren aus. Inzwischen lockerten die
Behörden die geltenden Beschränkungen für Transporte über die Krim-Brücke,
so dass Privat-Pkw nun statt bislang 100 Liter Flüssigkeit bis zu 200 Liter
mitführen dürfen – das kann Wasser, aber auch Treibstoff sein. Eine
Notlösung, mehr nicht.
## Stromausfälle und abgesagte Ferienlager
Seit Mitte Mai steht die Krim unter Dauerbeschuss. Ziel sind, neben der
Energieinfrastruktur, Militärflughäfen und die Flugabwehr.
Kinderferienlager wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Infolge von
Drohnenattacken fiel in der Nacht auf Mittwoch die Stromversorgung in
Sewastopol komplett aus, auch in Jalta und anderen Küstenorten sowie im
Nordteil brach das Netz stellenweise zusammen.
Durchhalteparolen finden sich auf Social Media trotzdem zur Genüge. Iwan
Schilin, Korrespondent der Moskauer Novaya Gazeta, erlebte bei seiner
jüngsten Krim-Reise aber auch eine andere Stimmung: Eine müde Sehnsucht
nach Ruhe.
25 Jun 2026
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