# taz.de -- Billardtalent Ruth McGinnis: Die mit dem Queue
> Ruth McGinnis war ein unglaubliches Billardtalent, dabei galten
> Spielhallen als rein männliche Spelunken. Durchgesetzt hat sie sich
> dennoch.
(IMG) Bild: Ruth „Lefty“ McGinnis am Billardtisch, vermutlich 1924
Dass die Karriere der Frau, die später als inoffizielle
Billardweltmeisterin galt, in einem Barbershop begann, lag nur daran, dass
der Vater von Ruth McGinnis seiner männlichen Kundschaft die Wartezeit so
angenehm wie möglich machen wollte. Der ehemalige Schiffskapitän Thomas
McGinnis hatte Anfang des letzten Jahrhunderts in Honesdale, Pennsylvania
einen Barbershop eröffnet und dort irgendwann zwei Billardtische
aufgestellt. An denen wurde bald auch seine 1910 geborene Tochter Ruth
aktiv, obwohl sie anfangs auf eine Seifenkiste steigen musste, um überhaupt
spielen zu können.
Schon mit sieben galt Ruth als sehr talentiert, bereits drei Jahre später
gelang ihr laut dem Billardhistoriker R. A. Dyer ein Lauf von 47 Kugeln.
McGinnis spielte das damals in den USA verbreitete Straight Pool, deutsch:
[1][14/1 endlos]. Das ist die Billardvariante, die Paul Newman und Jackie
Gleason in dem 1961 erschienenen Filmklassiker [2][„Haie der Großstadt“]
spielen. Dabei wird angesagt, welche Kugel man in welche Tasche versenken
möchte, unterschieden zwischen vollen und halben Kugeln wird nicht. Sobald
14 versenkt wurden, kann mit der verbliebenen 15. das nächste Rack eröffnet
und die Serie weitergespielt werden.
Straight Pool war bis weit in die 1940er-Jahre äußerst beliebt, Zeitungen
wie die New York Times brachten regelmäßig Reportagen und Geschichten über
die Spieler. Auf die Idee, mit Billard Geld zu verdienen, kam Ruth McGinnis
jedoch zunächst nicht. Die Sportart war Männersache, und Billardhallen
galten zunehmend als Orte, an denen sich zwielichtige Gestalten
herumtrieben.
So begann sie eine Ausbildung zur Sportlehrerin am East Stroudsburg State
Teachers College, die sie 1932 erfolgreich beendete. Arbeit fand Ruth
jedoch nicht, und so nahm sie ein Angebot des Billardverbandes an, im
Rahmen der Imagekampagne „Better Billiards“ Vorträge zu halten, Kunststöße
vorzuführen und anschließend gegen lokale Meister zu spielen.
## Den Weltmeister geschlagen
Ruth McGinnis machte ihre Sache offenkundig gut, mancherorts wurden sogar
Extratribünen für das Publikum aufgebaut. Dass sie die lokale
Billardprominenz regelmäßig besiegte, führte laut zeitgenössischen
Berichten besonders bei den Zuschauerinnen zu großer Begeisterung. 1933
trat sie in einem sechstägigen Match gegen die damals erfolgreichste
US-Sportlerin [3][Babe Didrikson Zaharias] an, das Ruth mit 400 zu 62 klar
für sich entscheiden konnte. 1937 schlug die „Königin des Billards“ auch
noch den damaligen Weltmeister Ralph Greenleaf.
An offiziellen Wettkämpfen und Turnieren, bei denen es viel Geld zu
verdienen gab, durfte McGinnis nicht teilnehmen. Das war Frauen untersagt.
Zudem musste sie immer darauf achten, sich sittsam zu verhalten. Etwa mal
ein Bein auf den Tisch zu legen, wie ihre männlichen Kontrahenten es gern
taten, kam für sie nicht infrage.
Nicht alle Sportreporter mochten sich damit abfinden, dass eine Frau
Spitzenleistungen zeigte. Einer schrieb, dass sich alte Spieler „im Grabe
umdrehen würden, wenn sie wüssten, dass Billard jetzt Unterröcke trägt“.
Ein anderer erklärte, dass McGinnis sicher unverheiratet sei, weil „die
meisten sich zwar einem Nudelholz stellen würden, aber nur wenige den
Reichweitenvorteil eines Queues in Kauf nähmen“.
Ruth selber sagte 1940, dass es ihr riesigen Spaß mache, Männer zu
schlagen, „weil sie immer so wild darauf sind, ihre Überlegenheit zu
demonstrieren. Die meisten spielen, als gehe es um Leben und Tod. Wenn ich
mich so benehmen würde, wäre ich ein Fall für die Nervenheilanstalt.“
Zwei Jahre später nahm sie als erste Frau an einem großen Turnier teil, den
Meisterschaften des Bundesstaates New York. Dort gewann sie mehrere Partien
gegen Männer. Der reguläre Zugang zu renommierten, gut dotierten Turnieren
blieb ihr jedoch weiterhin verschlossen.
Ruth eröffnete in Rhode Island eine eigene Billardakademie und pitchte im
Sommer halbprofessionell [4][Baseball]. 1954 beendete sie ihre sportliche
Karriere, später arbeitete sie als Lehrerin an einer Schule für Kinder mit
Entwicklungsverzögerungen und verschwand weitgehend aus der
Billardöffentlichkeit. Über ihr weiteres Privatleben ist kaum etwas
bekannt. Im Mai 1974 starb Ruth McGinnis mit 64 Jahren an Krebs, zwei Jahre
später wurde sie in die Hall of Fame der Women’s Professional Billiard
Association aufgenommen.
22 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Elke Wittich
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