# taz.de -- Sparzwang für Krankenhäuser: Kinder heilen lohnt sich nicht
       
       > Das Krankenhaus in Bremerhaven muss sparen – besonders defizitär ist die
       > Kinderklinik. Doch mit Kinderärzt*innen ist die Stadt ohnehin schon
       > unterversorgt.
       
 (IMG) Bild: Hat massive Geldprobleme: Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide
       
       Das gemeinnützige Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven hat im vergangenen
       Jahr ein Defizit von zehn Millionen Euro erwirtschaftet. Jetzt muss gespart
       werden – in Gefahr ist damit unter anderem die stark defizitäre
       Kinderklinik des Krankenhauses.
       
       Die Nordsee-Zeitung hatte am vergangenen Freitag als erste über Gerüchte
       berichtet, wonach das Krankenhaus seinem Aufsichtsrat die Schließung der
       Kinderklinik vorschlagen wolle. Die Klinikgesellschaft hat dies bis heute
       weder bestätigt noch dementiert, sondern erklärt, man arbeite an einem
       „umfassenden Sanierungskonzept“ und beziehe dabei „alle möglichen
       Überlegungen mit ein, mit Blick auf alle medizinischen und weiteren
       Bereiche“.
       
       Es gebe weder einen Beschluss zur Schließung einzelner Fachbereiche noch
       eine Garantie für irgendjemanden. Welche anderen klinischen Fachbereiche
       nicht rentabel sind, möchte das Klinikum nicht öffentlich kommunizieren, da
       dies „bei betroffenen Patientinnen und Patienten eine Verunsicherung
       hervorrufen“ könne. Nur das Defizit der Kinderklinik ist öffentlich
       bekannt.
       
       Dass gerade Kinderkliniken bei Sparmaßnahmen ins Visier geraten, ist nichts
       Ungewöhnliches: Der Bereich der Kinder- und Jugendmedizin rechnet sich in
       Krankenhäusern fast nirgends. Zwischen 1991 und 2023 wurde etwa ein Drittel
       der Kinderbetten in Krankenhäusern abgebaut, und dieser Trend hält weiter
       an.
       
       ## Medizin für Kinder rechnet sich kaum
       
       Kinderstationen sind besonders personalintensiv und überdurchschnittlich
       komplex: Während in der Erwachsenenmedizin nur 200 verschiedene
       Fallpauschalen abgerechnet werden, sind es in der Kindermedizin etwa 500 –
       das Spektrum an Krankheiten und Behandlungen ist größer, es braucht mehr
       Spezialist*innen und Spezialgeräte.
       
       Bei etwa 80 Prozent der Fälle geht es zudem um akute Notfälle. Saisonal ist
       die Belegung damit sehr unterschiedlich, vor allem im Winter sind viele
       Kinderstationen überlastet – während im Sommer Betten leer stehen und
       Defizite entstehen.
       
       [1][Lauterbachs Krankenhausreform] sollte das Problem angehen: Vorgesehen
       sind dort neben den Leistungspauschalen auch „Vorhaltepauschalen“, damit
       die Grundversorgung mit einem soliden Sockelbetrag finanziert wird, auch
       wenn Betten leer bleiben. Die ersten Schritte dazu werden erst ab nächstem
       Jahr umgesetzt, erst 2030 soll das Konzept komplett umgestellt sein.
       
       Die Abkehr vom reinen Fallpauschalensystem sei „grundsätzlich ein guter
       Schritt“, so ein Sprecher des Reinkenheide-Klinikums. Ob mit den geplanten
       Entwicklungen auch eine auskömmliche Finanzierung der Kinderkliniken
       gewährleistet sein wird, bleibe abzuwarten.
       
       Tatsächlich hatte die [2][Deutsche Gesellschaft für Kinder- und
       Jugendmedizin] gewarnt, dass die künftig veranschlagten Pauschalen falsch
       berechnet sind und bestimmte Leistungsgruppen für Kinder gar nicht mehr
       berücksichtigt würden. Für die Kinderkliniken, so die Prognose, werde sich
       deshalb nichts zum Besseren wenden.
       
       ## Kinder in Bremerhaven medizinisch offiziell unterversorgt
       
       Überlegungen zu einer möglichen Schließung sind in Bremerhaven besonders
       brisant, [3][weil Kinder in der Stadt ohnehin nicht gut medizinisch
       versorgt sind]: Neun Kinderärzt*innen gibt es noch in der
       118.000-Einwohner*innen-Stadt, nicht alle davon arbeiten Vollzeit. Seit
       diesem Juli gilt die Stadt mit einem Versorgungsgrad von 67 Prozent
       offiziell als unterversorgt.
       
       Die Kinderklinik war [4][erst 2020 nach Reinkenheide verlegt worden], weil
       die privaten Ameos-Kliniken das defizitäre Geschäft mit Kindern aufgeben
       wollten. Erst 2024 wurde mit etwa zwölf Millionen Euro Investitionsmitteln
       aus Land und Kommune in Reinkenheide ein Neubau für die Pädiatrie
       errichtet. Aktuell hat die Klinik 32 Betten, 1.700 Behandlungen gab es im
       vergangenen Kalenderjahr.
       
       Würde die Klinik geschlossen, müssten Kinder zur Behandlung ins 45
       Kilometer entfernte Cuxhaven oder ins etwa 50 Kilometer entfernte Klinikum
       Bremen-Nord. Ein Problem unter anderem deshalb, weil ein Großteil der
       Behandlungsfälle in der Kinder- und Jugendmedizin Notfälle sind. Auch
       Besuche von Eltern und anderen Angehörigen würden deutlich erschwert.
       
       Die Fallhöhe für den Sparvorschlag ist also besonders hoch. Im Laufe des
       Dienstags machen denn auch mehrere Mitglieder des Bremerhavener Magistrats
       deutlich, dass ein Aus im Aufsichtsrat nicht so leicht besiegelt wäre: Als
       gemeinnütziges Klinikum habe Reinkenheide einen klaren Versorgungsauftrag,
       die Schließung einzelner Abteilungen sei „grundsätzlich nicht durch den
       Gesellschaftszweck abgedeckt“, so der Bürgermeister und Kämmerer der Stadt,
       Torsten Neuhoff (CDU). „Seitens der politischen Gremien besteht derzeit
       kein Interesse an der Schließung der Pädiatrie.“
       
       Neuhoff steht eigentlich für eine klare Sparvorgabe an das Krankenhaus: Bis
       April war er Vorsitzender des Aufsichtsrats und dort nach einem Streit mit
       dem kaufmännischen Geschäftsführer des Klinikums zurückgetreten. Diesem
       hatte er vorgeworfen, nicht genug für eine Verringerung des Defizits getan
       zu haben. Das finanzielle Risiko habe er stattdessen der Stadt aufgebürdet.
       Die ist stark verschuldet und hatte zuletzt große Schwierigkeiten, einen
       ausgeglichenen Haushalt zu planen.
       
       ## Das Land kann eine Kündigung ablehnen
       
       Zum bestehenden Defizit und den unsicheren Aussichten zur Wirkung des
       Krankenhausreformgesetzes kommt nun noch [5][das Sparpaket der neuen
       Bundesregierung], mit dem den Kliniken wohl noch weniger Einnahmen zur
       Verfügung stehen werden. Das Krankenhaus sieht noch Sparpotenzial „in der
       weiteren Reduzierung unserer durchschnittlichen Verweildauer“, so ein
       Sprecher. Außerdem versuche man, Marktanteile zu steigern, in Bereichen, in
       denen noch Erlöse erzielt werden können.
       
       Sollte es am Ende doch die Kinderklinik treffen, müsste der entsprechende
       Versorgungsvertrag mit dem Land gekündigt werden, dafür gibt es eine
       zwölfmonatige Frist. Im Prinzip kann das Land so eine Kündigung auch
       ablehnen – allerdings nur, wenn eine Abteilung für die Grundversorgung
       unverzichtbar ist. Das ist Auslegungssache – tatsächlich müssen in dünn
       besiedelten Flächenländern Kinder und Eltern teils noch weitere Wege auf
       sich nehmen.
       
       Es gibt aber noch andere Hebel für das Land: Gerade erst haben Land und
       Kommune zusammen zwölf Millionen in einen Neubau für die Kinderklinik in
       Reinkenheide investiert. Die letzte Rate wurde erst 2025 ausgezahlt. Die
       Investition war zweckgebunden – bis sie komplett abgeschrieben ist, könnte
       das Land Bremen das Geld vom Klinikum zurückfordern, heißt es aus der
       Gesundheitsbehörde.
       
       22 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krankenhaus-Reform/!6016317
 (DIR) [2] https://www.dgkj.de/unsere-arbeit/politik/faqs-finanzierung-kinderkliniken
 (DIR) [3] https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/faq-kinderaerzte-mangel-in-bremerhaven-drohende-unterversorgung-100.html
 (DIR) [4] /Alle-wollen-keiner-kann/!5704164/
 (DIR) [5] /Sparkurs-in-der-Pflege/!6192525
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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