# taz.de -- Krebs besiegen: Neuer Kampfmodus freigeschaltet
> Die eine Therapie, die Heilung gegen Krebs verspricht, gibt es nicht –
> aber Hoffnung, dass Immuntherapien uns ein gutes Stück nach vorn
> katapultieren.
Krebszellen sind Meister der Tarnung. Alles, was sie vom gesunden Gewebe
abheben könnte, verbergen sie. Sie verstecken die winzigen Moleküle, die
sie als Krebszellen markieren, oder schalten schlicht den Alarm stumm, der
sie verraten würde. Und so entgehen sie ihrer größten Bedrohung: den
Suchern des Immunsystems. Ohne Pause sucht das Abwehrsystem des Körpers
nach fremden Gefahren, nach Viren und Bakterien oder eben mutierten Zellen.
Doch Krebszellen sind für das System quasi unsichtbar, sie können sich
vermehren – und das Immunsystem schaut untätig zu.
Niels Halama will die Sucher wieder scharf stellen. Der Arzt forscht am
deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zur Immuntherapie. „Vor 20
Jahren wurde man ausgelacht, wenn man etwas mit dem Immunsystem in der
Krebstherapie machen wollte“, sagt er. Doch der Ansatz sollte sich als
revolutionär erweisen. Die destruktiven Zellen sollen wieder sichtbar
werden, sodass der Körper sie von alleine aufspüren und bekämpfen kann.
Liegt in der Therapie der entscheidende Durchbruch im Kampf gegen Krebs?
Bis heute bleibt eine Krebsdiagnose für Betroffene eine Zäsur im Leben.
Über eine halbe Million Menschen erkranken jährlich in Deutschland und mehr
als 200.000 Menschen starben im Jahr 2024 an Krebs. Damit ist es die
[1][zweithäufigste Todesursache] nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das eine
Gegenmittel fehlt, zu unterschiedlich und wandelbar verhält sich Krebs.
Doch in der Entwicklung neuer Therapien liegt für Betroffene enorme
Hoffnung.
## Ein fieser Leberfleck
Mariana Bagci bemerkte ihn vor fünf Jahren, einer ihrer Leberflecken hatte
sich verändert. Er war schon immer da gewesen, groß wie eine
Ein-Euro-Münze, aber nun sah er anders aus. Ihre Hautärztin erkannte
sofort, was sich im Labor bestätigte: Hautkrebs. Bagci bräunte sich gern,
war dafür früher oft im Solarium und hat von Natur aus einen hellen
Hauttyp. Alles Risikofaktoren für Hautkrebs.
„Ich hatte Angst, wichtige Dinge im Leben nicht mehr zu schaffen“, erzählt
Mariana Bagci am Telefon. Als der Krebs entdeckt wurde, arbeitete Bagci in
der Gastronomie, ritt nach Feierabend mit ihrem Pferd aus oder verbrachte
Zeit mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Heute ist die 39-Jährige mehrere
Stunden pro Woche im Krankenhaus. Bagci ist sich sicher: „Ohne die
Immuntherapie wäre ich heute nicht mehr hier.“
Die Immuntherapie ist einer der Durchbrüche, die Krebsforschende gerade in
Aufbruchstimmung versetzt. „Man erlebt in der Onkologie gerade so etwas wie
im IT-Bereich in den Neunzigerjahren. Es läuft eine Art gigantisches
Wettrennen“, beschreibt Niels Halama sein Forschungsfeld. Nahezu alle vier
Wochen gebe es neue Forschungsergebnisse. Wo ÄrztInnen vorher mit leeren
Händen dastanden, tragen sie [2][nun einen vollen Werkzeugkasten] vor sich.
Heute könnten viele PatientInnen langfristig geheilt werden, die früher
gestorben wären.
Lange Zeit basierte die klassische Krebsbehandlung vor allem auf drei
Säulen: Operation, Strahlen- und Chemotherapien. Angenehm ist keine der
Behandlungen. Letztere greift alle sich schnell teilenden Zellen an und
trifft damit neben Tumorzellen auch gesunde. Die Nebenwirkungen sind schwer
und vielfältig. Haarausfall, starke Übelkeit und eine erhöhte
Infektanfälligkeit können auftreten.
## Die vierte Säule der Krebstherapie
Mittlerweile stellt die Immuntherapie laut dem Deutschen
Krebsforschungszentrum die vierte Säule der Krebsmedizin. Wenn andere
Therapien nicht mehr wirken oder sich der Krebs ausgebreitet hat, setzen
ÄrztInnen und PatientInnen ihre Hoffnung in die Wirkung von Immuntherapien.
Als Mariana Bagci ihre Diagnose erhielt, war die Therapie noch nicht die
erste Wahl. Heute sind Immuntherapien Standard für PatientInnen mit
metastasiertem Hautkrebs, also für Hautkrebs, der sich bereits im Körper
ausgebreitet hat. Damals, im Jahr 2020, war die Behandlung für ihr Stadium
allerdings noch nicht zugelassen und damit auch nicht von den Krankenkassen
gedeckt.
Zwar hätte Bagci einen Antrag für die Therapie stellen können, doch dafür
blieb keine Zeit. Ihre Operation stand unmittelbar bevor und die
Immuntherapie hätte direkt darauf folgen müssen. Erst als der Krebs erneut
ausbrach, erhielt sie eine Immuntherapie.
Eine Infusion dauerte anderthalb Stunden, alle drei Wochen erhielt sie eine
– über zweieinhalb Jahre. „Direkt nach der Infusion habe ich nichts
gespürt“, sagt Bagci. Die Nebenwirkungen kamen schleichend: Fieber, starker
Juckreiz und ausgetrocknete Schleimhäute. Der Krebs war unter der Therapie
nicht mehr sichtbar, ein krasser Erfolg.
Aber die Therapie war nicht folgenlos. Ihre Hormone gerieten aus dem
Gleichgewicht, Mariana Bagci kam in vorzeitige Wechseljahre und leidet
seither an einer Autoimmunerkrankung. „Doch ich würde jede Nebenwirkung in
Kauf nehmen, solange der Krebs nicht wiederkommt“, sagt sie.
## Wie erkennt das Immunsystem seine Gegner?
Der Entwicklung von Immuntherapien ging eine ganz grundsätzliche Frage
voraus: Woran erkennt das Immunsystem eigentlich, was es bekämpfen soll?
Das wollte der amerikanische Immunologe James P. Allison bereits in den
80ern verstehen. Ihn interessierten die hochkomplexen Kreisläufe, die das
Abwehrsystem regulieren sollen. Denn einerseits soll es rechtzeitig auf
Gefahren reagieren, aber auch nicht gegen die Falschen Alarm schlagen oder
überreagieren.
In seinen Versuchen [3][an Mäusen entdeckte Allison CTLA-4], einen
sogenannten Immuncheckpoint. Als Moleküle auf der Oberfläche von
Immunzellen entscheiden sie, ob die Immunabwehr aktiviert oder gebremst
wird. CTLA-4 ist ein Bremser im Immunsystem. Krebszellen nutzen ihn für ihr
Versteckspiel und schalten so das Immunsystem vermehrt ab. Daraus wuchs die
Idee, diesen Mechanismus und Checkpoint zu blockieren, sodass die
Immunzellen wieder auf die Krebszellen reagieren.
2001 begann Allison die ersten Untersuchungen an HautkrebspatientInnen. 17
Jahre später erhielt Allison gemeinsam mit dem Japaner Tasuku Honjo [4][den
Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Forschung im Feld der
Tumorimmunologie]. Honjo hat die Funktion eines weiteren wichtigen
Immuncheckpoints erforscht. Basierend auf den Entdeckungen der
Wissenschaftler wurden 2011 die ersten Checkpoint-Inhibitoren zugelassen.
Drei Jahre später brachte der US-Pharmariese MSD dann auch Keytruda auf den
Markt. Es wurde ein Mega-Blockbuster, wie die umsatzstärksten Medikamente
der Pharmaindustrie genannt werden. Und der Zusatznutzen von Keytruda
gegenüber den damals vorhandenen Therapien war deutlich. Menschen mit
fortgeschrittenem Hautkrebs, die Keytruda erhalten hatten, lebten länger.
2015 konnte es in Deutschland und der EU zugelassen werden – mittlerweile
wird Keytruda bei mehr als zehn Krebsformen eingesetzt, darunter Formen von
Brust- und Lungenkrebs.
## Nicht immer funktioniert die neue Therapie
Mariana Bagci hat durch ihre Krankheit viele weitere an Krebs Erkrankte
kennengelernt. Sie weiß, wie vielen die Therapie geholfen hat. Zum Beispiel
einer jungen Frau, die bereits viele Lymphknotenmetastasen hatte und nach
der Immuntherapie bis heute krebsfrei ist. Dennoch gibt es Menschen, die
auf eine Immuntherapie nicht ansprechen.
Bagci kennt das Gefühl, wenn man mit einer Person auf Whatsapp schreibt,
sich über die Erkrankung austauscht und gegenseitig unterstützt und dann
nur noch das schwarze Profilbild im Messenger sieht. In diesem Moment wird
Bagci klar: Bei dieser Person hat die Therapie nicht funktioniert.
Gleichzeitig sagt sie sich selbst: „Das bedeutet nicht, dass es bei mir
auch so sein muss“.
Die Diagnose hat ihr Leben verändert. Statt großer Ziele freut sie sich
inzwischen, wenn sie morgens ohne Bauchkrämpfe aufwacht. „Mittlerweile
reicht es mir, um glücklich zu sein“, sagt sie.
Obwohl ihre Therapie zuerst erfolgreich war, musste Bagci im Februar 2026
erfahren, dass sie neue Metastasen hat. Warum die Therapie bei ihr
langfristig nicht wirksam war, kann bis heute niemand beantworten. Aktuell
hat sie wieder wöchentliche Termine im Krankenhaus – PET-CT, eine
Krebsröntgenuntersuchung, Blutabnahmen, Hautscreening – und wird mit einer
neuen, auf ihre Genmutation abgestimmten Therapie behandelt.
Trotzdem will sie nicht den Mut verlieren. Auf ihrem Instagram-Kanal klärt
sie über Sonnenschutz auf, nennt sich „Sonnenbrand Polizei“ und erzählt von
ihren Erfahrungen mit der Krebstherapie. Sie hat sogar eine
Selbsthilfegruppe gegründet. Ihre Community macht ihr Mut. „Ich denke an
dich“, „Du tapfere Maus“, schreiben ihr fremde Menschen in den Kommentaren.
Ihr Instagram-Profil heißt nicht ohne Grund „[5][hau_p_tsache glücklich]“ –
trotz der Erkrankung führt Bagci ihr Leben weiter.
Die große Hoffnung, Krebs allein durch innovative neue Medikamente ganz zu
besiegen, bleibt weiter unerfüllt. So bahnbrechend die Verbesserungen in
manchen Bereichen durch Immuntherapien sind – sie wirken leider nicht bei
allen PatientInnen. Trotzdem sind in den vergangenen 15 Jahren die
Überlebenschancen für HautkrebspatientInnen stark gestiegen, auch in
fortgeschrittenen Stadien. Das zeigt sich im 10-Jahres-Überleben, einem
Prognosewert, der beschreibt, wie viele Menschen 10 Jahre nach der
ursprünglichen Diagnose noch leben. Mittlerweile liegt er [6][für Hautkrebs
bei über 95 Prozent].
## Krebs, ein wehrhafter Gegner
ÄrztInnen wissen bisher nicht, wer von der Immuntherapie profitiert und wer
nicht. Wie groß der Nutzen ist, variiert je nach Krebsform. Der Grund
hierfür liegt in der Komplexität jedes Tumors selbst. Krebszellen haben ein
großes Arsenal an Abwehrmechanismen. Auch wie lange eine Therapie
fortgeführt werden sollte und welche Langzeitfolgen es gibt, wird
diskutiert. Manche PatientInnen bekommen eine Immuntherapie bereits seit
Jahren, ohne zu wissen, wann sie beendet werden soll.
„Es ist die Ära der Kombinationstherapien“, resümiert der Krebsforscher
Halama. Die besten Erfolge lieferten Ansätze, in denen die verschiedenen
Therapiebausteine der Krebsmedizin bestmöglich kombiniert würden.
Doch muss man sich auch leisten können, das Alte mit dem Neuen zu
kombinieren, denn Immuntherapien kosten gigantische Summen. Ein
internationales [7][Rechercheprojekt, an dem der Spiegel und das ZDF
beteiligt waren,] konnte zeigen, dass allein die Erstattung des Medikaments
Keytruda die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland im Jahr 2025
mehr als zwei Milliarden Euro kostete. Eine einzelne Dosis kostet mehr als
5.000 Euro.
Die Kosten für die Versichertengemeinschaft explodieren, bei zunehmend
speziellen und individualisierten Krebstherapien. Aktuell werden in
Deutschland selbst die teuersten Medikamente für gesetzlich Versicherte
erstattet. Aber auch Krebsforscher Halama fragt sich: „Wie können wir diese
Kosten auf den Schultern verteilen, damit eine Finanzierung auch in Zukunft
noch gelingt?“
Der CDU-Politiker Hendrik Streeck provozierte 2025 eine ethische Debatte,
als er andersherum fragte, ob weiterhin teure Krebsmedikamente für
Hochaltrige finanziert werden sollten. Die Frage bleibt: Wie viel darf eine
Behandlung kosten und wer bekommt sie?
Unterdessen profitiert die Pharmaindustrie reichlich. Der US-Pharmariese
MSD generierte im letzten Jahr [8][fast die Hälfte] seines Umsatzes allein
mit Keytruda. Es war mit 31 Milliarden Euro im Jahr 2025 das
[9][umsatzstärkste verschreibungspflichtige Medikament weltweit.]
Gleichzeitig wurde das Medikament 2019 von der WHO auf die Liste der
unentbehrlichen Arzneimittel gesetzt.
Aktuell sichern Patente den Pharmafirmen ihre Gewinne und das Monopol auf
die Wirkstoffe. Doch das wird sich ändern. 2028 läuft in den USA das Patent
für Keytruda und weitere Immuncheckpoint-Inhibitoren aus. Damit können auch
günstigere Nachahmepräparate auf den Markt kommen, sodass mehr Menschen
Zugang zu den Mitteln ermöglicht werden kann. Auch in Studien können die
Präparate dann noch breiter untersucht und kombiniert werden, was dem
Wettrennen in der Krebstherapie einen weiteren Schwung gäbe.
Immerhin haben Menschen wie Mariana Bagci heute eine Chance auf das
krebsfreie Leben. „Früher war meine Diagnose eine tickende Zeitbombe. Heute
bin ich eher chronisch krank statt sterbenskrank“, sagt sie. Bagci hat in
den letzten Jahren vor allem gelernt, ihre Träume nicht länger
aufzuschieben. Vor einem Jahr hat sie eine Ausbildung zur Pflegefachkraft
begonnen, etwas, das sie schon immer machen wollte. Ihre Wunschabteilung:
Onkologie.
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_N008_231.html
(DIR) [2] /Neue-Behandlungsmethoden/!6039287
(DIR) [3] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6889239/
(DIR) [4] /Vergabe-des-Medizin-Nobelpreises/!5541438
(DIR) [5] https://www.instagram.com/hau_p_tsache_gluecklich/
(DIR) [6] https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Melanom/melanom_node.html
(DIR) [7] https://www.icij.org/investigations/cancer-calculus/about-keytruda-cancer-calculus/
(DIR) [8] https://www.privatbank.at/resources/boerse-live/boerse-live/kurse-maerkte/firmenanalysen/international/Merck+Co_AA.pdf
(DIR) [9] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/die-umsatzstaerksten-unternehmen-und-medikamente-des-jahres-2025-163829/
## AUTOREN
(DIR) Judith Rieping
(DIR) Sofia Zharinova
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