# taz.de -- Siegfried-Lenz-Stück in Wilhelmshaven: Ein autoritärer Käptn ist auch keine Lösung
       
       > Mit Siegfried Lenz' Erzählung „Das Feuerschiff“ analysiert die
       > Landesbühne Nord kühl die Möglichkeit von Widerstand. Hinter den Kulissen
       > brennt's.
       
 (IMG) Bild: Kapitän Freytag ist ein Zweifler, der Bandit Caspary glänzt in selbstsicherer Arroganz: Ihre Konfrontation wird zum Kammerspiel
       
       Es rumort in Wilhelmshaven. Verantwortungsvolles Handeln in
       Führungspositionen wird unterschiedlich interpretiert. Auf und hinter der
       Bühne. Aber erst mal geht es auf das Feuerschiff „Norderney“, das in
       „Wilhelmshaven“ ungetauft wurde, weil es dort seit 2025 als Museumsschiff
       [1][am immer noch nach dem Kriegsverbrecher Friedrich Bonte benannten Kai]
       liegt.
       
       [2][Der NS-Kommodore] war als Mitglied eines rechtsextremen Freikorps 1919
       an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik beteiligt. Als „Führer
       der Zerstörer“ war er in der deutschen Kriegsmarine für die
       völkerrechtswidrige Besetzung Norwegens zuständig. Das Theaterpublikum
       groovt sich ohne solche Hinweise auf die Lebensbedingungen an Bord eines
       Feuerschiffs ein.
       
       Anschließend bekommt es schräg gegenüber in der kleinen Spielstätte der
       Landesbühne Niedersachsen Nord die dramatisierte Novelle „Das Feuerschiff“
       von Siegfried Lenz vorgeführt. Ausstatter Thomas Rump hat auf die Bühne
       eine Tribüne aus Stühlen bauen lassen.
       
       Den ähnlich platzierten Zuschauer*innen auf der Gegenseite vermittelt
       das: Hier wird etwas aus ihrem Leben gespiegelt. Zentral ist die zeitlose
       Auseinandersetzung, wann in einem Rechtsstaat mit Gewalt auf Gewalt
       geantwortet, wann Gewalt zur Konfliktlösung gerechtfertigt werden darf.
       Auslöser der Fragen sind an Bord geholte Schiffbrüchige.
       
       Sie erweisen sich als schwer bewaffnete Kriminelle auf der Flucht. Sie
       wollen fix weiterziehen. Da aber ihr Kahn wie auch das Rettungsboot des
       Feuerschiffs defekt sind, soll dieses die Anker lichten. Die Mannschaft
       propagiert aktiven Widerstand. Kapitän Freytag fürchtet, dabei könnte von
       Waffen tödlicher Gebrauch gemacht werden.
       
       Außerdem will er verhindern, dass das Schiff seine Position verlässt, da
       sonst die sichere Fahrt anderer Schiffe nicht mehr garantiert sei. Die zu
       gewährleisten, ist seine Pflicht. Wenn aber Freytag weder den Verbrechern
       noch der Besatzung nachgibt, macht sich Caspary, Chef der Terror-Clique,
       die Tatsache zunutze, dass jede:r bestechlich ist. Er prahlt mit Unmengen
       von Geld und holt die rebellische Crew auf seine Seite. Freytag verliert
       die Kontrolle. Die Wasserschutzpolizei wird Tote auf dem Schiff vorfinden.
       
       Die Textfassung und Inszenierung von Michael Uhl kommen wie die Vorlage
       daher: klar, ruhig, sachlich, konkret, verständlich laufen die Szenen auf
       gewichtige Aussage zu. Die Aufführung widmet sich ganz dem inneren Konflikt
       des Kapitäns in der Kammerspielform eines Psychokrimis.
       
       Die Figuren bleiben Typen. Nur fürs zentrale Duell werden lebensnahe
       Charaktere angedeutet. Andreas Möckel spielt die Zerrissenheit des Kapitäns
       überzeugend, gibt den erfahrenen Seemann unbeirrbar anständig zwischen
       Zaudern, verbaler Selbstbehauptung und körperlicher Auflehnung.
       
       ## Intellektuelle Eleganz des Bösen
       
       Reizvoller ist wie immer die Inkarnation des Bösen. Simon Ahlborns Caspary
       glänzt in selbstsicherer Arroganz, ist gebildet und eloquent. Seine
       intellektuelle Eleganz kommt absolut gefühls- und daher ungehindert
       rücksichtlos daher.
       
       Im Gegensatz zu dieser in geordneter Unordnung so präzise gelungenen
       Inszenierung herrschen hinter den Kulissen Unordnung und Empörung.
       [3][Intendant Olaf Strieb] habe dem Förderverein der Landesbühne
       mitgeteilt, dieser würde seiner Aufgabe, Mitglieder und Geld zu
       akquirieren, nicht mehr nachkommen, berichtet der Vorstandsvorsitzende
       Hans-Wilhelm Berner. Deswegen würde Strieb ab sofort den Vorstandssitzungen
       und Vereinstreffen fernbleiben und den Austausch meiden.
       
       Laut Berner entbehren die Vorwürfe jedweden Realitätsgehalts. Der vor 13
       Jahren gegründete Verein hat nach eigener Angabe inzwischen 360 Mitglieder.
       Bis Sommer 2026 seien rund 300.000 Euro ans Theater gespendet worden für
       technische Geräte, Projekte des Kinder- und Jugendtheaters sowie ermäßigte
       Schülertickets und den Jade-Ring-Preis.
       
       ## Der Intendant schweigt
       
       Ein Gespräch mit dem Intendanten darüber sei aber gescheitert und in der
       Folge sei der komplette Vorstand zurückgetreten. Deshalb lägen nun alle
       Förderanträge auf Eis. Es droht konkret die Auflösung des Vereins und damit
       das Ende der finanziellen und ideellen Unterstützung durch die gut
       vernetzte Theaterfreund:innenszene.
       
       Wie kann ein Intendant das wollen? Berner vermutet einen Zusammenhang
       zwischen Striebs Konfrontationsstrategie und der Vereinsentscheidung, 200
       Euro für den Grillabend zum Saisonabschluss gespendet zu haben. Eine
       Lapalie, aber Strieb habe sich gegen Unterstützung von
       Mitarbeiter:innen-„Bespaßungen“ ausgesprochen. Das Verhalten des
       Intendanten führte bereits zu Austritten aus dem Förderverein, so Berner.
       
       Strieb möchte laut Theaterpressestelle den Vorwürfen und Vermutungen nicht
       entgegentreten, nichts richtigstellen, sondern vollumfänglich schweigen. In
       einer außerordentlichen Mitgliederversammlung fand sich vergangene Woche
       niemand bereit, für einen neuen Vorstand zu kandidieren und sich mit Strieb
       auseinanderzusetzen. Wird auf einer von einem Notvorstand einberufenen
       erneuten Mitgliederversammlung wieder kein Vorstand gewählt, muss der
       Förderverein abgewickelt werden.
       
       31 Aug 2026
       
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