# taz.de -- Reinigungskraft im Portrait: „Ich bin stolz auf meinen Weg“
       
       > Gebäudereinigung ist eine der prekärsten Branchen auf dem Arbeitsmarkt.
       > Trotzdem will sie ihren Job nicht missen, erzählt Reinigungskraft Sevilay
       > Bedir.
       
 (IMG) Bild: Hat den Aufstieg geschafft: Sevilay Bedir
       
       Donnerstagmorgen, 10 Uhr. Die geräumige Gemeinschaftsküche eines
       mittelgroßen IT-Unternehmens in Moabit füllt sich langsam. Ein Mitarbeiter
       zieht sich gerade einen Kaffee am Vollautomaten, plauscht mit einer
       Kollegin, die gerade in einer Tupperdose ihr Müsli vorbereitet. Während für
       die meisten Beschäftigten der Arbeitstag gerade erst anfängt, geht er für
       Sevilay Bedir bereits zu Ende.
       
       „Leider müssen wir früh anfangen, bis 8 Uhr muss die Reinigung fertig
       sein“, erklärt Bedir, während sie an einem der Tische in der Küche sitzt.
       Früh, das ist 4 Uhr morgens, manchmal schon 3.30 Uhr. Als Objektleiterin
       ist Bedir für die Reinigung aller vier Gebäude des IT-Unternehmens
       verantwortlich. Müdigkeit ist ihr nicht anzumerken, stattdessen wirkt sie
       vor dem taz-Interview aufgeregt „Das frühe Aufstehen ist das Schwierigste
       an dem Job. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.“
       
       Rund 38.200 Menschen arbeiten laut der Gewerkschaft IG Bau in Berlin in der
       Gebäudereinigung. Während ihre Arbeit unersetzlich ist, geschieht sie
       größtenteils unsichtbar, bevor oder nachdem die
       Büromitarbeiter:innen an ihren Arbeitsplätzen sind. Die Branche gilt
       als Anlaufstelle für die, [1][die auf dem Arbeitsmarkt eher schlechte
       Chancen haben: aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder in Deutschland
       nicht anerkannter Bildungsabschlüsse.]
       
       Auch Sevilay Bedir war in einer ähnlichen Situation, als sie vor elf Jahren
       bei ihrem Arbeitgeber, dem Berliner Reinigungsunternehmen Wodara, anfing.
       Vor 26 Jahren kam sie aus der Türkei nach Berlin. Lange war sie als
       Hausfrau tätig, doch durch die Trennung von ihrem Mann musste sie Arbeit
       finden, um ihre drei Kinder zu versorgen. Deutsch sprach Bedir damals nur
       schlecht, einen Berufsabschluss hatte sie nicht. Zunächst arbeitete sie in
       einer Restaurantküche, dann fand sie über eine Bekannte eine Stelle bei
       Wodara.
       
       ## Alleinerziehend mit drei Kindern
       
       Allein in der IT-Firma, die Bedir reinigt, ist der Aufwand beachtlich. Zehn
       Küchen und 30 Toiletten müssen täglich gereinigt werden, Tassen und Teller
       gespült, dazu die Treppenhäuser gefegt. Die unzähligen Büros werden nur
       wöchentlich nach einem bestimmten Putzplan geputzt. Das alles vor 8 Uhr,
       abends steht dann nur noch die Reinigung der Kaffeemaschinen an.
       
       Das frühe Aufstehen war damals ein größeres Problem als heute. Als Bedir
       bei Wodara anfing, war ihr jüngster Sohn gerade einmal elf Jahre alt, ihre
       älteste Tochter 15. Gemeinsam mit den Kindern aufstehen oder sie zur Schule
       bringen war nicht drin. Das Essen konnte sie abends noch vorbereiten, doch
       für den Schulweg musste sie sich auf ihre älteste Tochter verlassen. „Ich
       musste ihr eine ganze Menge Verantwortung geben. Es war eine sehr
       schwierige Zeit in meinem Leben.“ Zum Glück wohne sie direkt neben ihrer
       Arbeitsstelle und ihr Vorgesetzter war immer verständnisvoll, falls die
       Kinder während der Arbeitszeit Unterstützung brauchten.
       
       Das mit dem Schlaf sei so eine Sache, auch heute noch geht Bedir selten vor
       12 Uhr ins Bett. Bei drei Kindern und zwei Katern gebe es viel Arbeit zu
       Hause, lacht sie. Aber nach der Arbeit versuche sie noch ein paar Stunden
       zu schlafen.
       
       Trotz der Strapazen gefiel Bedir der Job, aus einer Zwei-Stunden-Schicht
       wurde mehr. „Mein Chef hat mich immer motiviert, mehr Verantwortung zu
       übernehmen“, erzählt Bedir. Sie stieg zur Objektleiterin auf, arbeitet
       Vollzeit und koordiniert ein Team aus 21 Mitarbeiter:innen.
       
       ## Wertschätzung zählt
       
       Als Vorarbeiterin kümmert sie sich heute vor allem um die organisatorischen
       Seiten der Gebäudereinigung, den Wischmopp hat sie nur noch selten in der
       Hand. „Ich begehe jedes Haus, mache Dienstpläne, Urlaubspläne, wasche
       Lappen, bestelle Material und verteile es“, zählt Bedir auf. „Ich hab
       eigentlich immer zu tun.“
       
       Von ihrem Kunden, den Beschäftigten des IT-Unternehmens, fühlt sie sich
       wertgeschätzt. „Unsere Ansprechpersonen sind sehr zufrieden. Wenn ich im
       Urlaub bin, sind sie sehr besorgt“, scherzt Bedir. Das mit der
       Wertschätzung sei ihr sehr wichtig, sagt Bedir. „Wenn es nicht so wäre,
       würde ich woanders arbeiten.“ Nur manchmal käme es vor, dass sie Fotos von
       nicht ordentlich geputzten Toiletten oder Kaffeemaschinen erreiche, die die
       Beschäftigten dem Haustechniker schicken.
       
       Mit einer Vollzeitstelle ist Bedir in der Branche eher die Ausnahme. 71
       Prozent der Beschäftigten arbeiten nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit
       Teilzeit. Bei dem gesetzlich festgelegten Branchenmindestlohn von 15 Euro
       die Stunde verdienen die wenigsten Reinigungskräfte genug, um ihren
       Lebensunterhalt zu bestreiten. 603 Euro verdient eine Minijobberin mit
       täglich zwei Arbeitsstunden im Monat.
       
       Für viele Kolleg:innen sei die Reinigung nur ein Nebenjob, sagt auch
       Bedir. „Manche kommen hierher, arbeiten zwei bis vier Stunden und gehen
       dann zur nächsten Arbeit.“ Eine Kollegin, erzählt Bedir, würde noch bei
       einem anderen Standort in der Abendschicht bis 3 Uhr arbeiten und dann um 4
       Uhr wieder bei dem IT-Unternehmen anfangen. „Manche Leute arbeiten zu
       hart“, sagt Bedir mit einem Lachen und lässt dabei offen, ob sie sich dabei
       nicht auch sich selbst meint.
       
       ## Vorbild Tagesreinigung
       
       Die Randarbeitszeiten in Verbindung mit der hohen Teilzeitquote kritisieren
       Gewerkschaften seit Jahren. Das Land Berlin will daher auf das Modell der
       Tagesreinigung setzen. Hier werden Gebäude im laufenden Bürobetrieb
       gereinigt und nicht davor oder danach. Dadurch sollen die Arbeitszeiten
       familienfreundlicher gestaltet und die Teilzeitquote verringert werden.
       Auch werde somit die Arbeit der Reinigungskräfte sichtbarer. [2][Doch
       selbst bei landeseigenen Unternehmen und Verwaltungen läuft die Umstellung
       nur schleppend.] Bei dem IT-Unternehmen, das Bedir betreut, ist
       Tagesreinigung keine Option.
       
       Sevilay Bedir stört das nicht allzu sehr, ihren Job macht sie gerne. „Ich
       verdiene Geld, es macht mir Spaß und ich lerne jeden Tag etwas Neues.“ In
       ihrer Position als Vorarbeiterin verdiene sie einige Euro mehr pro Stunde
       als die einfachen Reinigungskräfte, mit ihrer Vollzeitstelle komme sie
       finanziell gut zurecht. Bedir wirkt zufrieden mit der Verantwortung in
       ihrer Position, auch wenn sie sich häufig außerhalb der Arbeitszeit um
       Notfälle kümmern muss. „Ich bin stolz auf meinen Weg, das muss ich ehrlich
       sagen.“
       
       Stolz ist sie auch auf ihre Kinder. Ihre älteste Tochter ist jetzt 25, hat
       ihr Studium abgeschlossen und arbeitet beim Land Berlin, ihre mittlere
       Tochter studiert Bauingenieurwesen, der jüngste Sohn macht eine Ausbildung
       bei der Deutschen Bahn. Wenn sie darüber nachdenkt, welche beruflichen
       Möglichkeiten ihre Kinder haben, wird sie doch ein bisschen wehmütig.
       „Manchmal frage ich mich, warum habe ich das damals nicht auch gemacht?“
       
       3 Aug 2026
       
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