# taz.de -- Spaniens überragender Defensivspieler: Der neue Kaiser
       
       > Die spanische Überlegenheit beginnt mit dem 19-jährigen Verteidiger Pau
       > Cubarsí. Seine Sicherheit und sein elegantes Zuspiel versprechen ein
       > großes Finale.
       
 (IMG) Bild: Vollendete Verteidigereleganz: An Cubarsí gibt es auch für Kylian Mbappé kein Vorbeikommen
       
       Wann immer im iberoamerikanischen Sprachraum ein spielerisch überragender
       Innenverteidiger auftaucht, wird er mit Franz Beckenbauer verglichen. Der
       Mexikaner Rafael Márquez machte als „Káiser“ Karriere, der Spanier Gerard
       Piqué als „Piquenbauer“. Doch wohl kaum einer hatte den Vergleich bisher so
       verdient wie der Mann, den ein Mitspieler beim FC Barcelona, João Cancelo,
       schon vor über zwei Jahren umtaufte in „Franz Beckenbauer Cubarsí“.
       
       Der neueste Imperator der Abwehrreihen, Pau mit Vornamen, kommt zwar nicht
       aus München-Giesing, sondern aus dem katalanischen Dort Estanyol, 187
       Einwohner, wo sein Vater in vierter Generation eine Schreinerwerkstatt
       führt. Aber er spielt halt grad so souverän wie der Franz. Und ist mit 19
       Jahren sogar noch jünger als der damals knapp 21-jährige Beckenbauer bei
       seinem WM-Debüt 1966 in England.
       
       „Cu-Cu-Cubarsí“, rufen die Fans in Barcelonas Camp Nou schon seit seinem
       Profidebüt mit 16 Jahren, und am Dienstag meinte man die Rufe aus Dallas,
       Texas, herüberwehen zu hören. Der Rechtsfuß war einer der wichtigsten
       Bestandteile der überragenden Teamleistung, die Frankreichs Traumsturm mit
       Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, [1][Michael Olise] oder Désiré Doué so
       gewöhnlich aussehen ließ wie vorher schon Saudis oder Österreicher. Die
       zuvor 16-mal treffsicheren Franzosen schossen nicht nur kein Tor, sie
       hatten nicht mal nennenswerte Torchancen. Mit 0,31 „expected goals“
       erreichten sie exakt denselben Wert wie die vorigen sechs WM-Gegner
       Spaniens im Schnitt.
       
       Cubarsís persönliche Statistiken bisher bei diesem Turnier: 85 Prozent
       gewonnene Zweikämpfe, 97 Prozent angekommene Pässe. So ein Double gibt es
       selten, es spricht für den seltenen Fall eines gleichermaßen in seinem
       Kerngeschäft Torverhinderung wie in seiner Zusatzqualifikation Spielaufbau
       überragenden Abwehrmann. Die spanische Überlegenheit im Mittelfeld, der
       Schlüssel für die Dominanz gegen Frankreich, beginnt mit seinem eleganten
       Zuspiel aus der Abwehr, mit seiner Sicherheit im Aufbau, für den er sich
       mit dem Sechser Rodri, Weltfußballer des Jahres 2024, verbündet.
       
       ## Schon mit 17 Jahren überragend
       
       In jenem Sommer wurde der 17-jährige Cubarsí noch nicht in den EM-Kader
       berufen, obwohl er auch damals schon Stammspieler in Barcelona war. Dafür
       gewann er mit Spanien die Olympischen Spiele durch einen Finalsieg in Paris
       gegen ein Frankreich mit Olise und Doué. Nationaltrainer Luis de la Fuente
       zögerte dennoch erstaunlich lange mit seiner Beförderung und zog ihm noch
       bei den Nations-League-Finals 2025 mit dem zwei Jahre älteren Dean Huijsen
       (damals Bournemouth, inzwischen Real Madrid) einen Innenverteidiger vor, zu
       dessen Profil nicht die für das spanische Spiel so fundamentale
       Passsicherheit gehört. Erst seit den letzten Zügen der WM-Qualifikation
       avancierte Cubarsí zur Stammkraft.
       
       Vielleicht hielt es de la Fuente einfach für unmöglich, dass aus demselben
       Barça-Jahrgang wie Lamine Yamal noch ein zweites Wunderkind kommen sollte.
       Doch die Nachwuchsschule La Masia, die schon die Hälfte von Spaniens bisher
       einziger Weltmeisterelf 2010 ausgebildet hatte (darunter die
       Innenverteidiger Piqué und Carles Puyol) verblüfft immer wieder. Cubarsí
       trat mit elf in sie ein. Im Alltag bei Barça leidet er als Verteidiger
       manchmal unter der [2][ultraoffensiven Spielweise von Trainer Hansi Flick]
       und daher vielen Gegentoren. Oft verhindert er dabei auch Schlimmeres. Nun
       ist er eine entscheidende Neuerung gegenüber Spaniens Europameisterelf von
       vor zwei Jahren, als der kantige Robin Le Normand den Partner von Aymeric
       Laporte gab.
       
       Seine Wurzeln ehrt der Kaiser aus dem Dorf dabei weiterhin, durch seinen
       bodenständigen und geradlinigen Charakter. Als Flick bei Barça mal spontan
       ein Training für den frühen Morgen anberaumte und Cubarsí zur Vermeidung
       der Fahrt nach Estanyol eine Hotelsuite reserviert bekam, ließ er den
       Verein wissen, er werde wie früher im Klubinternat schlafen. Dieser Tage
       nun gehörte der Teenager zu den wenigen spanischen Spielern, die deutliche
       Worte gegen die rassistischen Beleidigungen französischer Spieler durch
       [3][Spaniens Ex-Ministerpräsident Rajoy] in einer Zeitungskolumne fanden:
       „Wenn sie für Frankreich spielen, dann sind sie Franzosen“, erklärte
       Cubarsí. Menschen aller Hautfarben würden denselben Respekt verdienen.
       
       Rajoy hat sich in seiner nächsten Kolumne nach dem Halbfinale übrigens
       nicht nur nicht entschuldigt, sondern sich gar noch selbstherrlich
       verteidigt. So kleingeistig kann Spanien sein. Es kann aber auch so sein
       wie Cubarsí. Am Sonntag spielt der 19-Jährige das WM-Finale, wenn es gut
       läuft gegen sein Kindheitsidol: Lionel Messi schoss schon Tore im Camp Nou,
       da war Pau Cubarsí noch gar nicht geboren.
       
       15 Jul 2026
       
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