# taz.de -- Frankreich vor den Wahlen: Den Schuss nicht gehört
> Vor dem Nationalfeiertag am 14. Juli steckt Frankreich in einer
> politischen Krise. Dazu beigetragen hat eine Justiz, die sich im Fall der
> Populistin Marine Le Pen verzwergt.
(IMG) Bild: Machen schonmal weiter Wahlkampf: Die Rechtsextremen Marine Le Pen und Jordan Bardella vor Pressevertreter:innen in La Flèche
Vielleicht landet sie ja [1][im Finale der laufenden Weltmeisterschaft],
die französische Fußballnationalmannschaft. Coole Ablenkung von der zurzeit
im Land grassierenden, bereits dritten dystopischen [2][Hitzewelle dieses
Sommers mit bis zu 40 Grad]. „Didier Deschamps président!“, ruft es im Netz
– der Trainer solle doch Frankreich vorstehen.
Hinter der Ironie steht eine Sehnsucht: So funktional wie bei den Les Bleus
könnte doch auch die Politik aufgestellt sein. Doch die ist rund neun
Monate vor den Präsidentschaftswahlen maximal unübersichtlich geworden –
plus ihr Personal vielfach verzankt.
Und Marine Le Pen vom rechtsextremen Rassemblement National (RN) geht
dreist über i[3][hre Verurteilung wegen der Veruntreuung] von Millionen
durch Scheinbeschäftigung von Mitarbeitern im EU-Parlament hinweg. Sie will
weiter Staatspräsidentin werden. Was machen vor diesem Hintergrund die
gemäßigteren, linkeren Kräfte [4][jenseits des 74-jährigen Jean-Luc
Mélenchon] von La France Insoumise (LFI)? Sie müssten sich, um ihn und Le
Pen final aus dem Rennen zu werfen, auf eine Kandidat:in einigen.
Danach sieht nichts aus, niemand will den Schuss hören. Man ist zerrissen,
längst perdu die [5][kurze Einheit des linken Nouveau Front Populaire]
unter Führung der Sozialisten (PS). Der hatte im Juli 2024, nach der
halsbrecherischen Auflösung der Nationalversammlung durch Präsident Macron,
überraschend bei den Wahlen gesiegt. Und sich danach im Parlament erneut in
Fraktionen wie Friktionen gespalten.
## Viele Kandidaten mit wenig Chancen
Zu viele aus diesem Lager halten sich nun für präsidiabel, unter anderem
[6][die Grünen-Chefin Marine Tondelier] und auch Ex-Staatspräsident
François Hollande sowie dessen Ex-Frau Ségolène Royal, beide vom PS. Die
besten unter den kleinen Chancen hat noch Raphaël Glucksmann von der der PS
nahestehenden Partei Place Publique. Doch ist Glucksmann ein Pariser
Politgewächs durch und durch, was in der weiten französischen Provinz nicht
goutiert wird.
Sein Wahlkonkurrent, der junge Ex-Premierminister Gabriel Attal von Macrons
Regierungspartei Renaissance will die Politik „deparisinieren“. Ein frommer
Wunsch verkörpert doch Attal selbst zu 100 Prozent diese Politblase. Und
für ihn ist es fast unmöglich, sich von der besonders innenpolitisch
weitgehend [7][negativ bewerteten Regierungsbilanz Macrons] zu lösen.
Da hat es Ex-Premierminister Édouard Philippe von der Mitte-rechts-Partei
Horizons leichter, obwohl die Teil der aktuellen Regierungskoalition ist.
Macron hatte ihn einst geschasst, weil er ihm in der Bevölkerung zu beliebt
geworden war. Der smarte Bürgermeister von Le Havre kommt als
Provinzversteher herüber und ist der einzige aus dem liberalkonservativen
Lager mit Chance auf den zweiten Wahlgang. Allerdings prüft auch bei ihm
momentan die Justiz, ob er als Bürgermeister Gelder veruntreut hat. Und an
[8][die Reichweiten des zum vierten Mal kandidierenden Mélenchon] kommt
Philippe in sozialen Medien nicht heran.
Dort gibt sich Mélenchon gerne bräsig und oberlehrerhaft. Ein Phänomen,
warum ausgerechnet ihm so viele junge Menschen folgen. In Anbetracht der
geopolitisch verfahrenen Lage macht er es nicht unter einem Nato-Austritt
von Frankreich. Wenigstens hat Mélenchon, der die meisten
Journalist:innen nach Gutsherrenart behandelt, zurzeit ein Herz für
Geflüchtete und Migrant:innen. Das reicht aber nicht aus, um Frankreich
krisenfester und sozialer für Abgehängte zu machen. Das reicht auch nicht
gegen die Bedrohung durch die Rechtsextremen.
## Selbstverzwergung einer politisierten Justiz
Mélenchon interessiert sich nach eigenem Bekunden für keine andere
Mitkandidatin als Marine Le Pen. Die tritt, [9][zwei Mal verurteilt wegen
nachgewiesener EU-Gelderveruntreuung], auch zum vierten Mal an. Sie fordert
dadurch den Rechtsstaat schamlos heraus. Ihrer Anhängerschaft ist es egal,
ob sie sich schuldig gemacht hat: „Das System“ ist natürlich schuld, nicht
Le Pen.
Die gibt sich, Verurteilung oder immer noch drohende Fußfessel hin oder
her, als Mutter der Nation, als Frau, die mit den „einfachen Leuten“ kann
und mit der Provinz sowieso. Und hat außer Hetze gegen Migrant:innen und
Geflüchtete, die für den RN pauschal für Kriminalität und Sozialbetrug
stehen, sowie das mantrahafte Skandieren, dass „das System“ kaputt und böse
sei, nichts mehr zu bieten, als dass die vermeintliche Lösung das
vermeintlich gute alte Frankreich ist.
Als wäre das alles nicht bitter genug, beginnt die Justiz sich im Fall von
Marine Le Pen selbst zu verzwergen. Und das nach zwei früheren Urteilen,
qua derer die 57-Jährige ob nachgewiesener Veruntreuung von EU-Geldern das
passive Wahlrecht für fünf Jahre verloren, sprich, nicht hätte antreten
dürfen zur Präsidentschaftswahl 2027. [10][Der junge RN-Chef Jordan
Bardella], der vielfach schon als gesetzter Kandidat galt, wäre dann
nominiert worden.
Doch was tat das Pariser Berufungsgericht nun im Fall der notorischen
Weiße-Weste-Heuchlerin? Nachdem das Verdikt über sie vom März 2025 einen
unsäglichen Shitstorm von rechts gegen die Justiz entfacht hatte, entschied
die jetzt vermeintlich salomonisch, dass für Le Pen die Zeit in der sie
nicht wählbar war, bereits um ist. Die Strafe wurde reduziert – „le peuple“
soll nun das Wort haben im Frühling 2027. Das Volk?
## Ein Urteil mit Folgen
Das Volk, das sind in einer Demokratie auch die Vertreter:innen der
Gerichte, also der Judikative. Und wenn diese, wie im Fall von Le Pen,
feststellen, dass ein Straftatbestand vorliegt, dann sollten sie als
Jurist:innen und als Bürger:innen konsequent handeln. Was jetzt
passiert, ist der offenkundige und gefährliche Beginn einer politisierten
Justiz, so sehen es auch viele französische Expert:innen.
Bekanntlich geht Le Pen nochmal in die letztmögliche Berufung.
[11][Frankreichs Kassationsgericht, die höchste Rechtsinstanz], kündigt ein
Urteil wohl kurz vor dem ersten Wahlgang im April an. Mon dieu, Frankreich,
bau kein Mist! Wir brauchen dich. Für ein freies Europa, das sich leider
zunehmend selbst zerstört.
13 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Harriet Wolff
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