# taz.de -- Bequeme Möbel: Ein Sofa für sich allein
> Richtig erwachsen ist erst, wer sich Autos oder Eheringe kauft? Für
> unsere Autorin reicht ein Sitzmöbel, das sie bittet zu bleiben.
(IMG) Bild: „Nach dem Tanz“ von Ramon Casas (Ausschnitt), 1895
Letztes Jahr haben meine Freundinnen angefangen, große Dinge zu tun. Sie
haben Kredite aufgenommen und Häuser ausgebaut. Sie haben sich für
Parkettarten entschieden, Hochbeete angelegt, Autos gekauft, geheiratet,
sich scheiden lassen, die Pille abgesetzt. So Dinge, [1][die wir am Telefon
Erwachsenendinge nennen].
Ich bin stolz auf sie alle, ich finde sie mutig. Und doch kam es mir ganz
kurz so vor, als machte ich etwas falsch. Als sei das Leben eine Aschenbahn
und ich auf halber Strecke orientierungslos stehen geblieben. Dann habe ich
mich erinnert, dass die meisten Metaphern für das Leben völliger Quatsch
sind. Und dass jede von uns ihre ganz eigenen Wünsche haben kann.
Ich habe von einem Sofa geträumt. Das klingt erst mal weniger erwachsen als
eine Scheidung, aber wer sich zum ersten Mal ein eigenes Sofa kaufen will,
lernt schnell, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Die meisten Sofas
sind nämlich hässlich, unbequem und exorbitant teuer. Die Auswahl ist viel
zu groß.
Und außerdem muss man heutzutage erst einmal herausfinden, was man wirklich
mag und was man bloß glaubt zu mögen, weil Dutzende Influencer*innen
es mit einem Rabattcode bewerben.
Ein wenig bewundere ich Menschen, für die ein Ding nur ein Ding ist. Auf
einem Sofa muss man eben sitzen können, und vielleicht schlafen. Manche
Leute werfen gemusterte Tagesdecken über eine schon leicht durchgesessene
Couch [2][und leben dann einfach mit diesem Möbel]. Leider kann ich das
nicht.
Ich mag Funktionalität nur dann, wenn sie auch gut aussieht. Sieben Monate
habe ich recherchiert, welches Sofa zu mir passt. Polsterhärte, Sitztiefe,
Farbe, Lehnenhöhe, Materialzusammensetzung. Brauche ich waschbare Bezüge?
Ein Schlafsofa? Modulare Sitzelemente? Wo ist der sweet spot zwischen zu
billig und zu teuer? Ich habe Rezensionen gelesen, Stoffmuster verglichen
und mit einem 3-D-Raumplanungstool Möbelgrößen visualisiert.
Dann habe ich alles aussortiert, was man vor dem Kauf nicht besichtigen
kann, und bin einen Tag lang zum Probesitzen durch Berlin gefahren.
Natürlich habe ich mich in das teuerste Modell verliebt. Ich habe meiner
Mutter ein Foto aus dem Laden geschickt und sie hat geschrieben: „Darf ich
raten, bestimmt sehr teuer, zwischen 1.000 und 2.000?“ Ich habe sie nicht
korrigiert.
Das Sofa meiner Eltern ist aus schwarzem Leder. Ich kann es nicht
ausstehen. Mama sagt, es sei italienisches Design. Auf dem Sofa gibt es
ungeschriebene Gesetze, zum Beispiel sitzen meistens nur wir Frauen darauf.
Man muss ein Kissen unterlegen, weil das Leder zu kühl ist, und wenn wir
einen Film gucken, muss ich meine Beine ausstrecken, „streck doch aus“,
befiehlt Mama, und ich lege meine Beine auf ihre. Es ist das erste
Möbelstück, dass sie sich von ihrem eigens verdienten Geld in Deutschland
gekauft hat.
Mein Sofa sieht ganz anders aus, aber es ist ebenfalls das erste Möbel,
dass ich von meinem eigens verdienten Geld gekauft habe. Seit es da ist,
verbringe ich weniger Zeit am Küchentisch und im Bett. Eigentlich dachte
ich, wenn ich nur endlich ein Sofa hätte, würde ich Leute einladen, die
sich auf das Sofa setzen können. Die Wahrheit ist aber, dass ich hier am
liebsten allein bin. Ein neues Möbelstück macht keinen neuen Menschen.
Auf dem Sofa für mich allein schreibe ich im Schneidersitz mit dem Laptop
im Schoß, ich lese ausgestreckt in der Diagonalen, ich rolle mich auf die
Seite und gucke Nachrichten und „Grey’s Anatomy“. Manchmal nicke ich kurz
ein, obwohl ich tagsüber gar nicht schlafen kann.
Abends streiche ich den sandfarbenen Boucléstoff mit den Händen glatt,
schüttele das Kissen auf und dann schließe ich die Tür zur Nacht. Ich frage
mich, ob das eine temporäre Sorgsamkeit ist, so wie mit einem neuen
Notizbuch, in das man erst ganz ordentlich schreibt, bis es alltäglich
genug für Gekritzel geworden ist?
In den ersten Tagen nach der Lieferung habe ich mir vorgestellt, im Haus
würde ein Brand ausbrechen. Ich habe mir schon oft ausgemalt, wie ich meine
wertvollsten Sachen in eine Tasche stopfen und aus dem Fenster werfen
würde, das Seidenjackett, meinen Lieblingspullover, den Laptop und so.
Bis vor Kurzem waren meine wertvollsten Dinge alle mobil, das hat gut zu
meinem Leben gepasst. Aber ein Sofa ist zu groß, um es aus dem Fenster zu
werfen. Ein Sofa stellst du hin und es sagt: Hier bleibe ich fürs erste,
und du auch. [3][Du bist hier jetzt zuhause]. Erwachsenending eben.
25 Jul 2026
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## AUTOREN
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