# taz.de -- Die Wahrheit: „Warum machen die das immer?“
       
       > Die Wutbürger-Anklage abseits globaler Krisen und Kriege:
       > Fahrradkorbvermüller sind die Allerallerschlimmsten auf der ganzen großen
       > Welt.
       
 (IMG) Bild: Himmel hilf: Nonnen auf der Flucht vor dem Fahrradkorbvermüller Foto: Oliver Feldhaus
       
       Es ist mir eines der größten Rätsel, und zugleich ein gewaltiger Dorn im
       Auge: Bei jedem Fahrrad mit Radkorb, das irgendwo am Straßenrand
       abgeschlossen steht, ist der Korb innerhalb kürzester Zeit bis obenhin
       voller Müll: To-go-Kaffeebecher, Wurstpappen, Brötchentüten,
       Plastikflaschen. Selbst gefüllte Hundekotbeutel habe ich schon gesehen.
       
       Sobald irgendein Arsch das erste Teil hineinwirft, ist das der Startschuss
       – „Müll bekommt Junge“, hat mal ein Hauswart treffend über dieses Phänomen
       gesagt: Nach und nach werfen andere Ärsche anderen Abfall dazu. Jedes Mal,
       wenn ich das sehe, könnte ich kotzen, obwohl es gar nicht mein Fahrradkorb
       ist. Könnte mir also egal sein, wenn mir die Allgemeinheit so egal wäre wie
       offenkundig den Verschmutzern.
       
       Ist sie aber nicht. Ich ärgere mich aus Prinzip. Die müssen doch wissen,
       dass das kein Papierkorb ist, und jemand anderes nun die Arbeit hat, ihren
       Dreck zu entsorgen. Und selbst, wenn man völlig wertneutral beleuchtet,
       dass nun mal einfach gnadenlose Dreckschweine existieren, die sich nicht um
       ihren eigenen Müll kümmern, so what, weil solche Leute muss es ja
       anscheinend geben, wie die Natur auch die Wespe, die Ratte und die
       Bettwanze mitschleppt, hegt, und für ihre Übeltaten obendrein mit
       Pflaumenkuchen und multiplen Orgasmen belohnt: Selbst dann also, nach deren
       inneren Logik, wäre es doch weitaus bequemer, den Abfall einfach fallen zu
       lassen oder so zufällig wie random in die Gegend zu pfeffern. Da verwittert
       er dann, oder eine Kehrmaschine der BSR, der Berliner Stadtreinigung, nimmt
       ihn irgendwann mit.
       
       ## Sonntagsspaziergang in Rage
       
       Aber nein, sie drücken das Zeug lieber anonymen Mitmenschen auf. Auf
       unserem Sonntagsspaziergang gerate ich zunehmend in Rage. „Nee, ehrlich.
       Wer denkt hier denn bloß im Ernst, er räumt so seinen Müll auf“, predige
       ich meiner Frau, um dann unvermittelt in einen Tonfall weinerlicher Anklage
       umzuswitchen: „KANN MIR DAS BITTE MAL JEMAND ERKLÄREN: ICH MÖCHTE DOCH
       EINFACH NUR VERSTEHEN, WARUM DIE DAS IMMER MACHEN?“
       
       Ebendieser Ton in Verbindung mit dem steinhart mahlenden Unterkiefer und
       der hervortretenden Halsschlagader, konterkariert die Wörter „bitte“ und
       „einfach“, und entlarvt die Frage als rein rhetorisch, denn die Antwort
       steht ja längst fest: Nur ein komplett bescheuertes, mieses,
       scheißverficktes Schweinearschloch macht so etwas, und zwar aus dem
       einzigen Grund, damit vor aller Augen das Hochamt seiner unfassbaren
       Niedertracht und Rücksichtslosigkeit zelebrieren zu können.
       
       Doch auch wenn ich, in einer weiteren Nuance aus der beispiellos
       schillernden Palette meiner Sprachmodulationstools, stattdessen mit jener
       unnachahmlich seidig-erotischen Stimme, die mich seit jeher zum angebeteten
       Schwarm aller älteren Damen kürt, säuseln würde, „ach, ihr Lieben, hättet
       ihr vielleicht die Güte, mich über die Hintergründe dieses Rätsels
       aufzuklären. Ich sehne mich doch einfach nur so sehr danach, mich in eure
       armen kleinen Köpfchen einzufühlen: Was mag einen gewiss vom Schicksal
       geprügelten Menschen wohl dazu bewegen, sich so zu verhalten? Sind es
       vielleicht seine ureigensten Enttäuschungen, seine tief verborgenen Wunden
       und seine unerfüllten Wünsche?“, könnte ich die passive Aggressivität
       dahinter nicht verbergen.
       
       Und auch meine Frau hat mich längst durchschaut. „Du bist manchmal so ein
       Wutbürger“, sagt sie. Und dann noch irgendwas mit Gaza, Iran, Ukraine und
       irgendwelchen wirklichen Problemen. So genau habe ich es nicht verstanden,
       und ehrlich gesagt auch nicht hingehört. Was hat denn das bitteschön auch
       mit dem Fahrradkorb zu tun? Das ist doch jetzt gerade wieder dieser
       Whataboutism, von dem sie immer alle reden, oder?
       
       „Wutbürger“ hat ja leider einen ähnlich negativen Bedeutungswandel
       vollzogen wie „Gutmensch“ oder „woke“. Da hat man sich ja anfangs auch erst
       mal gewundert: „Hä?, ein Schlechtmensch ist euch also lieber?“ Oder: „Was
       soll denn jetzt eigentlich so schlimm daran sein, wenn jemand wach ist –
       findet ihr Schläfer etwa besser?“
       
       Und ebenso der Wutbürger. Das war ja auch mal was Gutes. Er erfreute sich
       höchster Anerkennung. Wenn im Mittelalter deine Stadt überfallen wurde,
       konntest du dich nicht allein auf eine Handvoll bezahlter Söldner
       verlassen, sondern musstest dich als Bürger mit dem Spieß (Spießbürger)
       bewaffnen.
       
       Und manchen Verteidigern blieb sogar nichts als ihre Wut. Das war die
       Holzklasse unter den Bürgerwehren. Schreiend, spuckend und nur mit der
       bloßen Faust bewaffnet, sind diese Wutbürger auf den Feind zugerannt. Der
       konnte sein Glück gar nicht fassen und hat ihm als erstes gleich mal mit
       der Streitaxt das Maul gestopft. Aber das Wutbürgertum leistete auf diese
       Weise natürlich einen aufopferungsvollen Dienst an der Gemeinschaft. So
       wurde in Zorneding bei München 1641 erstmals eine offizielle Wutbürgerwürde
       verliehen, kenntlich an dem kleinen Rohrspatzen aus Zinn, den der Geehrte
       fortan an einer Kette um den Hals trug.
       
       Doch seitdem ist der Stern des Wutbürgers am Sinken. Heute wird der Begriff
       nur noch mit Internettrollen, Stauhupern, Schwurblern, sowie Straßen-,
       Block-, Wald-, Feld- und Wiesenwarten in Verbindung gebracht.
       
       Dafür kann ich aber nichts. Und das sage ich ihr auch. „Dann bin ich halt
       einer“, sage ich. „Im guten alten Sinn. Ein aufrechter Kämpfer gegen das
       Böse, wie einsam und chancenlos ich auch sein mag. Ein edler Ritter von der
       traurigen Gestalt.“ Und mache Anstalten, den Müll aus dem Korb zu klauben,
       um ihn mitzunehmen.
       
       „Wirfst du den jetzt etwa bei uns zu Hause weg?“, fragt sie. „Das kann
       jetzt nicht sein, oder?“
       
       Nein, das ist auch nicht so. Selbstverständlich nicht. Ich nehme ihn
       nämlich mit zur Polizei. Als Beweisstücke, wenn ich das Schwein nachher
       anzeige. Beziehungsweise die Schweine. Die Serientäter, Mitläufer und
       Trittbrettfahrer, dieses Quasi-Pogrom gegen unschuldige Radfahrerinnen.
       Aber vorher mache ich noch ein Foto vom Tatort. Ich mach’ die so fertig.
       
       13 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
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