# taz.de -- Vereinigte Staaten von Europa: Verschiebung des Möglichen
> Über die Vereinigten Staaten von Europa wird schon lange nachgedacht –
> heute sind sie nötiger als je zuvor. Hier sind ein paar konkrete
> Vorschläge.
(IMG) Bild: Los geht’s mit der Utopie!
Stellen Sie sich einfach mal vor: Ein Rentner in Bukarest kann vor
demselben Gericht klagen wie eine Unternehmerin in Lyon. In Warschau,
Lissabon und Wien gilt dieselbe Verfassung – und sie schützt jeden Menschen
gleich, unabhängig davon, wo er geboren wurde, was er glaubt und wen er
liebt. Das ist keine Beschreibung der Gegenwart. Es ist eine Einladung, sie
zu verändern – eine Utopie.
Wir befinden uns in einer dramatischen Phase des Umbruchs. Russland führt
Krieg in Europa; die USA sind als verlässlicher Partner Geschichte; der
Klimawandel erfordert internationale Koordination in einem Maßstab, der die
Möglichkeiten souveräner Nationalstaaten übersteigt. In dieser Lage ist das
Fehlen eines wirklich geeinten Europas kein neutraler Zustand. Es ist eine
politische Entscheidung – für das Verwalten des Unzureichenden. Das
Demokratiedefizit der EU ist strukturell, kein Versehen. Wer wählt den Rat?
Wer kontrolliert die Kommission wirklich? Abstimmungsregeln ermöglichen
[1][wegen des Einstimmigkeitsgebots] systematisch Erpressung. Das Wahlrecht
ist bislang in jedem Mitgliedsstaat anders geregelt.
Los geht’s mit der Utopie: An der Staatsspitze steht keine Einzelperson –
sondern eine Anzahl von Gleichberechtigten, die den Vorsitz jährlich
untereinander weitergeben, so wie in der Schweiz. Europa braucht
Institutionen, die stärker sind als jede Persönlichkeit. Das Parlament hat
zwei Kammern: eine direkt vom Volk gewählte und eine, die die Länder
vertritt – wie der Bundesrat in Deutschland, nur auf europäischer Ebene.
Das Wahlrecht ist überall gleich: verhältnisbasiert, mit offenen Listen,
aktivem Wahlrecht ab sechzehn und der Pflicht, Frauen und Männer gleich auf
den Kandidatenlisten zu verteilen. Die Verwaltungssprachen sind
Französisch, Deutsch und Spanisch – und womöglich langfristig eine
Unionssprache mit romanischen Wurzeln, die keinem Nationalstaat „gehört“
(Englisch wird in der EU nur noch in Irland gesprochen).
## Lehre aus Ungarn
Karl Popper formulierte 1945 die entscheidende Frage: [2][Wie schützt sich
eine Demokratie vor ihrer eigenen Abschaffung durch demokratische Mittel?]
Die Bundesrepublik Europa antwortet mit einem unveränderbaren
Verfassungskern: Menschenwürde, demokratisches Prinzip, Gewaltenteilung,
Unabhängigkeit der Justiz, Pressefreiheit.
Parteien, die die Demokratie abschaffen wollen, können verboten werden –
wenn zwei Drittel beider Kammern zustimmen und das oberste
Verfassungsgericht entschieden hat. Richter werden ebenfalls mit
Zweidrittelmehrheit und für nur eine Amtszeit ernannt, damit keine
Mehrheitspartei die Justiz allein besetzt. Kein Medienkonzern darf mehr als
fünfzehn Prozent der Gesamtreichweite kontrollieren. Das ist die Lehre aus
Ungarn, jenem Land, in dem Demokratie legal demontiert wurde, bis sie sich
endlich wieder durchgesetzt hat.
Schutzlücken entstehen fast nie durch bösen Willen, sondern durch
konzeptionelle Blindheit zum Zeitpunkt der Regelsetzung. Deshalb enthält
die Verfassung eine offene Generalklausel: Diskriminierungsschutz gilt für
jedes Merkmal, das zur Marginalisierung führt – einschließlich jener
Merkmale, die zum Zeitpunkt der Verfassungsgebung noch unbekannt sind. Die
„Rechtspersönlichkeit der Natur“ schließt eine fundamentale Lücke: Bisher
kann in der EU niemand im Namen der Natur klagen. Ecuador hat es 2008
vorgemacht, Neuseeland 2017.
Alle fünfzehn Jahre prüfen ein Bürgerrat und das Verfassungsgericht
gemeinsam, welche Schutzlücken entstanden sind. Ein Bürgerrat ist kein
Parlament und keine Volksabstimmung. Er ist etwas Drittes: eine zufällig
ausgeloste Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern – repräsentativ nach Alter,
Herkunft, Bildung und Wohnort –, die zu einer konkreten Frage gemeinsam
berät, Expertinnen und Experten anhört und am Ende eine Empfehlung
formuliert. Das Prinzip ist so alt wie Athen und so aktuell wie die Krise
der repräsentativen Demokratie: Wer zufällig ausgelost wird, hat kein
Mandat zu verlieren, keinen Wahlkreis zu bedienen, keine Parteilinie zu
halten. Er hat nur die Aufgabe, gut zu urteilen.
## Hoffen auf die Sogwirkung
Eine „Pionierkoalition“ aus Mitgliedsländern schließt einen vertieften
Bundesvertrag. Der Mechanismus entfaltet im Idealfall eine Sogwirkung: Wer
draußen bleibt, verliert Mitgestaltung. Das Verfassungsreferendum erfordert
ein doppeltes Quorum: Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger und Mehrheit der
Bundesstaaten. Kein bevölkerungsreiches Land überstimmt die kleinen. Die
Unionsstreitkräfte ersetzen schrittweise nationale Armeen – unter
kollektivem Oberbefehl, mit parlamentarischem Vorbehalt für jeden Einsatz.
Das größte Risiko für die Europäische Union ist das Festhalten am Status
quo. Mögen die Bürgerinnen und Bürger Polens und Ungarns sich auch von
ihren autokratischen Regierungen emanzipiert haben – gebannt ist die Gefahr
nationalistischer Regierungen damit keineswegs. Die institutionellen
Risiken sind real: Das oberste Gericht könnte in der Übergangsphase nach
alten nationalen Logiken besetzt werden. Die wirtschaftlichen Asymmetrien
zwischen Nord und Süd, Ost und West haben beim Euro bereits fast zum Bruch
geführt. Ein echter Finanzausgleich setzt voraus, dass die Bevölkerungen
der Nettozahler-Länder dauerhaft mitziehen.
Der eigentliche Unsicherheitsfaktor liegt allerdings darin: Die Menschen
stimmen zu, lassen die Verfassung ratifizieren – und entwickeln trotzdem
keine europäische Identität. Eine Verfassung ohne Verfassungspatriotismus
wäre eine leere Hülle.
Die Funktion einer Utopie ist die gedankliche Verschiebung des Möglichen.
Wer sich vorstellt, wie etwas sein könnte, verändert die Maßstäbe, mit
denen er das Bestehende bewertet. Um es mit den Worten Nelson Mandelas zu
sagen: „It always seems impossible, until it is done.“ Die Geschichte
Europas von Karl dem Großen bis zu den Verträgen von Lissabon hat eine
Konstante: die Veränderung.
10 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.consilium.europa.eu/de/council-eu/how-does-the-council-vote/unanimity/
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_offene_Gesellschaft_und_ihre_Feinde
## AUTOREN
(DIR) Klaus Teichert
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