# taz.de -- Superstars im Teamsport Fußball: Alles Kane oder was?
> Der Heldenfußball scheint zurück zu sein. Doch so einfach ist das nicht.
> Wie sich das Spiel dem Zugriff rechtspopulistischer Büchsenspanner
> entzieht.
(IMG) Bild: Einer für alle: Harry Kane, Held in einer funktionierenden Struktur
Der Torschütze ist nur der Spieler, der den letzten Laufweg abgearbeitet
hat. Das war einer der Sätze, mit denen Volker Finke den Fußball in den
90ern neu definierte. Heldenfußball oder Heroenfußball, wie der langjährige
Trainer des SC Freiburg das nennt, war over. Von da an wurde das Spiel als
moderner Systemfußball verstanden und in fachlich aufgeklärten Teilen der
Gesellschaft auch so erzählt.
Und nun ist bei dieser WM der Heldenfußball zurück? Kylian Mbappé, Lionel
Messi, Erling Haaland, Harry Kane – entscheiden sie nicht Spiele ganz
allein? Könnte man denken und auch entsprechend argumentieren. Dann ist man
allerdings schnell in einem voraufklärerischen Denken, an dessen
Verbreitung den rechtspopulistischen Büchsenspannern viel liegt und wofür
sie den Fußball gern missbrauchen würden. Zugespitzt: Der Held, der Führer,
macht den Unterschied und rettet mit seinen übermenschlichen Fähigkeiten
die Mannschaft respektive Volk und Vaterland.
Um zu sehen, wie sich das im Fußball 2026 verhält, muss man zunächst mal
klären, welches Niveau diese WM hat. Es ist niedriger als in der Champions
League, wo – zumindest in den späteren Phasen – der moderne Fußball
definiert wird. Das liegt, zum Beispiel, daran, dass auch die führenden
Nationalauswahlen eben nicht das ganze Jahr zusammenspielen und trainieren.
Wobei man unterscheiden muss, sagen Experten, zwischen Defensive und
Offensive.
[1][Verteidigt wird auch bei der WM von allen auf ordentlichem bis hohen
Niveau], angegriffen dagegen nicht. Insgesamt hat seit längerem eine
Internationalisierung des Spielstils stattgefunden, es gibt praktisch keine
nationalen oder kontinentalen Stile mehr, weder hauen die Engländer nur den
Ball hoch nach vorn, noch sind die Afrikaner verspielt und so weiter.
## Elende Tugenddebatten
Es gibt übrigens auch keine „deutschen Tugenden“, wonach die deutsche
„Kampfkraft“ und „Disziplin“ den Unterschied mache oder gemacht habe.
Beides gehört zur Grundausstattung aller Fußballteams aller Länder und
Ligen. Ohne Engagement und Laufbereitschaft für den Job gegen den Ball
schafft es kein Spieler auch nur in die Regionalliga, geschweige denn in
die Nationalmannschaft. Selbstverständlich gibt es Spieler, die weniger
laufen als andere und manchmal beim Zurücklaufen zu lange brauchen, aber
mit den Händen in den Hüften bleibt keiner mehr vorn stehen (von Cristiano
vielleicht mal abgesehen).
Wenn man nun darauf hinweist, dass Messi, Haaland, Kane jede Menge Tore
schießen und die Spiele zugunsten ihres Teams entscheiden? Ja, richtig. Und
gleichzeitig zeigen gerade diese Stars auf unterschiedliche Art und Weise,
dass es keinen erfolgreichen Fußball gibt, der nicht als Mannschaftssport
angelegt und von einer strukturierten und leidenschaftlichen Zusammenarbeit
geprägt ist. Das Team schafft die Struktur, in der der Star glänzen kann.
Und der Spieler, der dann den Unterschied sichtbar macht durch seine
besondere Offensiv- oder Abschlussqualität, ist ein totaler Teamplayer.
An vorderster Stelle zu nennen ist [2][Englands Mittelstürmer Harry Kane],
der extraordinär beim Abschluss ist, aber auch auf der 10er oder sogar der
6er Position Bälle spielt, die andere nicht spielen und bei all dem nie die
Rückwärtsbewegung vergisst. Und: nie so tut, als sei er jetzt was ganz
Besonderes, was er zweifelsfrei ist.
[3][Lionel Messi, Argentiniens Kapitän und Zehner], hat nicht die
Kompetenzen von Kane gegen den Ball; das kompensierte 2022 die Mannschaft,
das war die Grundlage für den Gewinn der WM. Auch wenn es beim aktuellen
Turnier holpert, ist der herausragende Spieler des letzten Jahrzehnts der
beste Beleg, wie moderner Fußball funktioniert: als Gemeinschaftsprojekt,
in dem alle auf Augenhöhe sind, jeder seine Stärken einbringt und das es
jedem ermöglicht, besser zu sein als ohne die anderen.
## Die Arbeit der anderen
Die Qualität entsteht durch die Struktur und durch die Kultur. Die Kultur
wiederum entsteht, weil die unterschiedliche Arbeit getragen wird von
gegenseitiger Wertschätzung. Es sind eben nicht alle gleich, aber es gibt
auch kein Oben und Unten. Der Star wertschätzt die Arbeit der anderen. Und
die anderen laufen manchmal dann doch für ihn mit, weil sie seinen Anteil
schätzen und brauchen und weil sie sich von ihm wertgeschätzt fühlen und
wertgeschätzt wissen.
Der moderne Fußball ist ein flachhierarchisches Spiel. Ausnahme ist der
Trainer, aber auch nur solange das Team seine Führung akzeptiert, sprich:
seine Kompetenz, das Spiel zu lesen und seine Ideen, das eigene besser zu
machen. Heißt: weil es davon profitiert. Wie der frühere Bundestrainer
Berti Vogts zu sagen pflegte: „Das Wir-Gefühl ist das Wichtigste im
Fußball“. Sobald das fehlt, sobald Neid aufkommt und Distanzierung vom
Gemeinsamen, wird es schwierig.
Klar gibt es noch ein paar Kreativspieler, die ihre Idiosynkrasien pflegen,
auch ein paar Trainer, die tun, als seien sie ganz besonders. Aber deren
Teams, etwa Brasilien, Portugal oder José Mourinhos Mannschaften gewinnen
genau deshalb keine Titel mehr. Große Turniere gewinnen die Teams, die
herausragende Spieler haben, die aber ganz anders spielen als früher und
auch anders daherkommen. Harry Kane, um das noch mal zu sagen, ist der
Idealtypus eines Special One von heute.
Der moderne Fußball ist also mitnichten leichte Beute für Rechtspopulisten
und durch seine Internationalisierung schon gar nicht für Nationalisten.
Selbst wenn es „deutsche Tugenden“ gäbe, könnte man mit ihnen global nicht
mehr mithalten.
Dazu kommt, selbst wenn die verheerenden infrastrukturellen und politischen
Schäden durch Donald Trump, Gianni Infantino, Autokraten und Unternehmen
nicht zu übersehen sind: Das Spiel selbst bleibt sauber. Es entzieht sich
auch dem Zugriff von rechtspopulistischen – und von linkspopulistischen
Ideologien. Erfolg entsteht weder durch den omnipotenten Führer noch
dadurch, dass alle gleich sind.
Die Botschaft lautet: Wir kriegen es hin, wenn die Unterschiedlichen ihre
unterschiedlichen Qualitäten für eine gemeinsame Sache einbringen auf der
Grundlage einer gemeinsamen Strategie und einer zielgerichteten
Leidenschaft. Ohne jetzt gleich allzu rührselig zu werden: so entzieht sich
der Fußball allen autoritären Arschlöchern. Das ist doch mal eine gute
Nachricht.
8 Jul 2026
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