# taz.de -- Rechtspopulisten in Großbritannien: Nigel Farages Flucht ins Nichts
> Großbritanniens führender Rechter erzwingt eine Nachwahl zum Parlament.
> Aber die etablierten Parteien tun ihm nicht den Gefallen, anzutreten.
(IMG) Bild: Der Vorsitzende der britischen Partei „Reform UK“, Nigel Farage (l.), will sich zur Wiederwahl stellen
Nigel Farage, Chef der britischen Rechtspopulistenpartei Reform UK, hat
sein Parlamentsmandat als Abgeordneter für den südostenglischen
[1][Wahlkreis Clacton] niedergelegt – aber in der sich nun aufzwingenden
Nachwahl wird er auf keine ernsthaften Gegenkandidat:innen stoßen.
Weder die regierende Labour-Partei noch die oppositionellen Konservativen,
Liberaldemokraten oder Grüne und nicht einmal die neue rechtsextreme
Konkurrenzpartei Restore Britain gedenken, sich an der Nachwahl zu
beteiligen, deren Datum noch nicht feststeht.
Die von Farage in einer [2][zornigen Ansprache] am Dienstagnachmittag
ausgerufene „Wahl zwischen dem Volk und dem Establishment“ wird somit zur
Nullnummer – fast. Der bei zahlreichen Nachwahlen antretende Scherzkandidat
mit dem Spitznamen [3][„Count Binface“] – Graf Mülleimergesicht – hat seine
Kandidatur in Clacton angekündigt und ruft sich zum Einheitskandidaten
gegen Farage aus. Das sei die wahre Wahl „Volk gegen Establishment“,
[4][schrieb Count Binface], der auf X immer als Mülleimer verkleidet
auftritt. Möglicherweise werden sich noch andere Splitterparteien anmelden.
Alle etablierten Parteien kritisierten Farages gleichzeitigen Rück- und
Antritt mit scharfen Worten. Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch
sprach von einem Fake-Wahlkampf, den Farage aus Angst vor einer
Untersuchung über ihn anzettele. Labour-Außenministerin Yvette Cooper
nannte es einen politischen Stunt und ein Ablenkungsmanöver. Grünen-Chef
Zack Polanski argumentierte, dass Farage selbst ein Vertreter des
Establishments sei. Restore-Chef Rupert Lowe, der sich 2025 mit Farage
zerstritten und seine eigene Partei gegründet hatte, sprach von einem
Medienzirkus.
In Clacton-on-Sea, einem verarmten Küstenort mit einer überalterten und
abgehängten Bevölkerung, hatte Farage den Wahlkreis [5][bei den
Parlamentswahlen 2024] mit 46,2 Prozent der Stimmen geholt, aktuelle
Umfragen geben Reform UK noch deutlich mehr.
## Parlamentarischer Suspendierung zuvorgekommen
Mit der Niederlegung seines Abgeordnetenmandats hatte Nigel Farage auf eine
Untersuchung der zuständigen parlamentarischen Stelle reagiert. Es ging um
eine Spende von 5 Millionen Pfund des Kryptomilliardärs Christopher
Harborne an Farage vor den Wahlen 2024, die Farage nicht deklariert hatte,
obwohl Abgeordnete alle Spenden melden müssen, die sie in den zwölf Monaten
vor ihrem Einzug ins Parlament empfangen haben.
Die Untersuchung hätte zur Suspendierung Farages im Unterhaus und damit zu
einer erzwungenen Nachwahl führen können. Mit Farages Rücktritt ist dieses
Verfahren ausgesetzt. Doch sollte Farage die Nachwahl gewinnen, wird es
wieder aufgenommen. Das könnte also weiterhin zu einer Suspendierung und
somit zu einer zweiten Nachwahl führen.
Eine weitere Affäre bahnt sich im Zuge von [6][neuen Enthüllungen] über
Geldspenden und Dienstleistungen an, die Farage vor seiner Wahl ins
Parlament von seinem engen Vertrauten George Cottrell erhalten hat, der in
den USA eine Haftstrafe wegen Betrugs abgesessen hat.
Mit seinem Rücktritt will Farage nun sein eigenes Narrativ über diese
Affäre setzen. Es ginge nicht um Spenden, sagte er, die seien alle legal.
Es gehe um Verfolgung seiner Person, weil seine Partei seit um die 18
Monate alle Meinungsumfragen klar anführe. Sein Zorn richte sich nicht nur
auf die Medien, die inzwischen in die Privatsphäre seiner Tochter
eingedrungen seien, sondern auf das Parlament und die dortigen Politiker.
Anders als diese verstehe er etwas vom Geldverdienen, sagte er.
## Wenig Vertrauen selbst bei den eigenen Wählern
Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Meinungsumfrage von YouGov glauben
aber nur 12 Prozent aller Briten, dass Farage bezüglich seiner Finanzen
ehrlich ist – das ist weniger als die Hälfte derjenigen, die Reform UK
wählen würden. Die Partei steht derzeit im [7][Durchschnitt der Umfragen]
bei 25 Prozent, weiterhin klar auf dem ersten Platz, aber wohl nicht genug
für einen Wahlsieg. Bei der Nachwahl in Makerfield bei Manchester im Juni,
die den voraussichtlichen nächsten Labour-Premierminister Andy Burnham ins
Parlament brachte, unterlag Reform UK deutlich.
Am Mittwochmorgen verteidigte zwar Reform-UK-Führungsmitglied Zia Yusuf
seinen Parteichef. „Die Politiker stellen sich nicht auf, weil sie Angst
haben vor Farage“, analysierte er den Boykott der Nachwahl in Clacton durch
die großen Parteien. Doch Kritik an Farage gibt es intern durchaus. Erst im
vergangenen Monat empfahl David Bull, ehemaliger Reform-UK-Geschäftsführer,
Farage eine Auszeit.
8 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Clacton_(constituency)
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=A5moDG2re3M
(DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Count_Binface
(DIR) [4] https://x.com/CountBinface/status/2074513701286162752
(DIR) [5] /Wahlen-in-Grossbritannien/!6011780
(DIR) [6] /Korruptionsvorwuerfe-gegen-Nigel-Farage/!6193561
(DIR) [7] https://www.politico.eu/europe-poll-of-polls/united-kingdom/
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
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