# taz.de -- Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Auffällig unabhängig
       
       > Fifa-Präsident Infantino scheint erschöpft zu sein, doch er schmiedet
       > wieder neue große Pläne. Er denkt an eine Unabhängigkeitskommission.
       
 (IMG) Bild: Ein Freund aller Nationen: Am Dienstag fühlte sich Infantino ägyptisch
       
       Meine vier Töchter haben sich nach Schlusspfiff besorgt nach mir erkundigt,
       völlig unabhängig voneinander. Ich bin gerührt. Sie sorgen sich um mich und
       damit auch um die Zukunft des Fußballs. Das muss einem Vater und
       Fifa-Präsidenten gefallen. So müde und erschöpft hätte ich auf den
       Fernsehbildern aus Vancouver ausgesehen. Nein, es ist natürlich alles
       bestens. Alles läuft nach Plan. [1][Das Spiel war wieder einmal das beste,]
       das ich bisher bei der WM gesehen habe.
       
       Nun, ich gebe zu, dass ich bei dieser Partie versucht habe, noch etwas
       unabhängiger als sonst auszuschauen. Das mag unbeteiligt gewirkt haben,
       aber am Ende wird mir noch vorgehalten, ich hätte wegen meiner Herkunft der
       Schweiz die Daumen gedrückt. Es gibt ja gerade eine gewisse Aufgeregtheit,
       obwohl nichts passiert ist.
       
       [2][In der Trinkpause] habe ich wieder eine fantastische Idee entwickelt.
       Wir sollten die Disziplinarkommission, die diese Rote Karte für den
       US-Spieler zurückgenommen hat, umbenennen. Die Bezeichnung ist viel zu
       technisch, und wie man in diesen Tagen sieht, können sich die Menschen
       keine Vorstellung von ihrer Arbeit machen. Weil die jüngste Entscheidung
       insbesondere auch für mich so überraschend war, sollten wir künftig nur
       noch von der Unabhängigkeitskommission sprechen.
       
       Auf den ersten Blick mag das einigen vielleicht zu plakativ erscheinen,
       weil Unabhängigkeit und Fifa eigentlich als Synonyme verstanden werden
       können. Und die Fifa hat noch viele andere Kommissionen. Aber es braucht
       aus meiner Sicht derzeit klare Botschaften.
       
       ## Wie eine Geschlechtsüberprüfung
       
       Diese Unabhängigkeitskommission soll in Zukunft neben ihren
       disziplinarischen Tätigkeiten mit meiner Zustimmung jederzeit auch meine
       Unabhängigkeit überprüfen können. Meinetwegen könnte der Ausschuss prüfen,
       ob es etwas mit mir zu tun hat, dass die Schweiz erstmals seit Ewigkeiten
       ins Viertelfinale gekommen ist. Freilich wäre das Zeitverschwendung. Eine
       Unabhängigkeitsüberprüfung bei mir wäre wie eine Geschlechtsüberprüfung.
       Das Ergebnis wäre immer das gleiche.
       
       Unabhängiger als ich ist niemand in der Fifa. Das lässt sich schon leicht
       rechnerisch feststellen. Ich besitze die italienische, libanesische und
       schweizerische Staatsbürgerschaft. Von den drei Ländern ist nur eines bei
       der WM dabei. Das muss mir erst einmal jemand nachmachen. Eine größere
       statistische Unabhängigkeitsauffälligkeit kann es gar nicht geben.
       
       Nicht ohne Grund habe ich mich beim Spiel der Schweiz gegen Kolumbien mit
       der ägyptischen Fahne fotografieren lassen. Böse Zungen sagen mir ja nach,
       ich würde alles dafür tun, [3][dass Messi] möglichst lange bei der WM dabei
       ist. Was für einen schweren Turnierbaum sie allerdings erwischt haben, hat
       man in den Spielen gegen Kap Verde und eben Ägypten gesehen. Von den Teams,
       die bislang ausgeschieden sind, haben mir beide am besten gefallen. Und das
       sage ich mal unabhängig davon, dass mir eigentlich alle Teams am besten
       gefallen.
       
       8 Jul 2026
       
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