# taz.de -- Radfahren am Sommermorgen: Um 5.30 Uhr auf dem Elsterradweg
> Wer zu unchristlicher Uhrzeit auf dem Fahrrad unterwegs ist, sieht die
> Welt neu: Lianen in Leipzig, Bienen im Birnbaum und ziellose Zeit
> überall.
„Das ist der Amazonas Sachsens“, denke ich, während ich die dicht
aneinandergereihten Bäume am anderen Ufer der Weißen Elster betrachte. Mir
scheint sogar, als würde ich in der dunkelgrünen Masse Lianen hängen sehen,
und es erinnert mich an eine Fahrt, die ich tatsächlich in Brasilien mit
einem Boot und Blick auf den Dschungel machte. Aber vielleicht ist es die
frühe Stunde, die meine Fantasie in eine träumerische Richtung lenkt.
Um 4.45 Uhr, als meine Freundin wegen der Arbeit das Bett verlassen muss,
entscheide ich mich, mit ihr aufzustehen. Wir trinken Kaffee und reden
nicht viel. Wir bewundern aber die Sonne, die wir durch das
Wohnzimmerfenster aufgehen sehen.
Der Elsterradweg verläuft immer an der Weißen Elster entlang. Sie wird an
manchen Stellen breiter, an anderen schmaler, sie zieht mehr oder weniger
Windungen, begleitet von Blumen hier und da und ein paar Schleierwolken am
Horizont. Eine Handvoll Radfahrer*innen ist an diesem Sommermorgen
irgendwo zwischen Leipzig und Halle unterwegs. Ich bin eine von ihnen, ein
festes Ziel habe ich nicht.
Um 5.30 Uhr fahre ich durch die leeren Straßen von Connewitz. Die Luft ist
frisch, und an manchen Orten, wie an der Rennbahn oder auf der Festwiese
bei der Arena, schwebt eine Nebelschicht über den noch feuchten Boden.
Obwohl es noch sehr früh ist, spazieren bereits einige Menschen mit Hunden
am Auensee. Nach Schkeuditz sehe ich über mehrere Kilometer niemanden mehr.
An der Kirche eines kleinen Dorfs namens Weßmar lege ich eine erste Pause
ein. Ich sitze im Garten neben dem Pfarrhaus, laut Schild aus dem Jahr
1709. Es wird wärmer. Ich trinke eine ganze Flasche Wasser, creme mich ein
und esse eine Banane, um Energie zu haben. Ein Schild warnt: „Bienen im
Birnbaum! Bitte Abstand halten.“
Meine zweite Pause mache ich neben einer alten Brücke. Ich halte meine Füße
ins Wasser und beobachte die Fische. Halle ist nur noch fünf Kilometer
entfernt, also entscheide ich mich, weiterzufahren bis dorthin – dem Ende
der Etappe.
Es ist erst 11 Uhr, als ich in die S5 zurück nach Leipzig steige. Als ich
wenig später meine Freundin beim Feierabend abhole, habe ich das Gefühl,
schon die halbe Welt gesehen zu haben.
11 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
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