# taz.de -- Neue Zuspitzung in Sudans Krieg: Todesfalle in der Wüste
       
       > El Obeid ist die aktuelle Frontstadt in Sudans Krieg. Blutige Angriffe
       > der RSF-Miliz nehmen zu. Die UN warnt vor „Massengräueln an
       > Hunderttausenden.
       
 (IMG) Bild: Zu viele Menschen für zu wenig Essen: Frauen und Kinder warten Ende Juni auf die Essensausgabe in einem Camp in der Nähe von El Obeid
       
       Das Wellblechdach der Tankstelle hängt nach einem Drohnenangriff in Fetzen
       hinunter. Es fahren kaum mehr Autos auf den Straßen. Der Preis pro Liter
       Benzin sei in nur wenigen Tagen von 33.000 sudanesische Pfund auf 150.000
       Pfund gestiegen, umgerechnet knapp 250 Euro: „Das kann sich nun niemand
       mehr leisten“, berichtet ein sudanesischer Journalist, dessen Name aus
       Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann. Er schickt dieser Tage
       regelmäßig Videos und Berichte aus der belagerten Stadt El Obeid in der
       sudanesischen Region Kordofan, wo sich die Lage täglich zuspitzt.
       
       In Videos, die das sudanesische Investigativ-Journalistenteam [1][3Ayin]
       veröffentlicht, sieht man völlig zerstörte Häuser. Wo einmal eine Schule
       stand, liegt jetzt ein Geröllhaufen. Märkte, Stromnetze, Transformer,
       Wasseraufbereitungsanlagen, Krankenhäuser: Die jüngsten Drohnenangriffe der
       paramilitärischen Miliz RSF („Schnelle Eingreiftruppe“), die seit über drei
       Jahren Krieg gegen Sudans Militärregierung führt, zeigen, wie die zivile
       Infrastruktur der Stadt gezielt zerstört wird, erklärt der Journalist im
       Video.
       
       Täglich schlagen weitere Drohnen ein. Doch an Flucht ist nicht zu denken,
       sagt Ahmed Awad aus El Obeid der taz im Onlineinterview. Er ist in der
       Stadt geboren und ist dort heute Projektleiter der Kinderrechtsorganisation
       „Plan International“, die in Kordofan seit 30 Jahren tätig ist. El Obeid
       mit rund einer halben Million Einwohner und mehreren hunderttausend
       Binnenvertriebenen befinde sich in einem Belagerungszustand, sagt er. Es
       kämen kaum mehr Lastwagen durch die Straßensperren. Der letzte Konvoi mit
       Lebensmitteln des UN-Welternährungsprogramms WFP sei bombardiert worden.
       
       „Das Leben ist extrem teuer geworden, es gibt keinen Strom und kaum noch
       Trinkwasser“, erklärt Awad. In El Obeid verteilt Plan International
       Lebensmittel, Seife, Wasserkanister, Eimer und Geschirr an Vertriebene, die
       auf ihrer Flucht aus den umkämpften Gebieten alles zurücklassen mussten.
       Besonders bemüht sich Plan International um das Wohl der Kinder, verteilt
       Mittagessen in Schulen, richtet Safe Spaces ein, wo Kinder spielen können
       und psychosoziale Unterstützung bekommen.
       
       Doch die Arbeit wird nun täglich schwieriger und gefährlicher, berichtet
       Awad. Eine Drohne habe vor wenigen Tagen die Wasseraufbereitungsanlage
       zerstört. „Es gibt nur noch eine Wasserquelle. Um einen Liter Trinkwasser
       zu erhalten, muss man dort fast einen ganzen Tag anstehen“, berichtet Awad.
       Vor wenigen Tagen hätten Drohnen eine Schule getroffen, mehrere Kinder
       seien in den Trümmern gestorben. Cholera sei in einigen Vertriebenenlagern
       am Stadtrand ausgebrochen. „Die Menschen kämpfen ums schiere Überleben“,
       fasst der Sudanese die Lage in der Stadt zusammen, die zum neuesten
       Brennpunkt des Krieges in Sudan geworden ist.
       
       ## Frontstadt in der Wüste
       
       Im April 2023 trat die paramilitärische Miliz RSF unter ihrem Anführer
       Hamdan Daglo Hametti, der zuvor Vizepräsident in Sudans Militärregierung
       gewesen war, in den Aufstand gegen Sudans Staats- und Armeechef Abdelfattah
       al-Burhan, um ihre drohende Eingliederung in die Streitkräfte zu
       verhindern. Der Krieg hat seitdem hunderttausende Tote gefordert und
       zeitweise über zwölf Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Seit die
       RSF vergangenes Jahr die nahezu komplette Kontrolle über Sudans Westregion
       Darfur errungen hat, steht die angrenzende Region Kordofan im Mittelpunkt
       der Kämpfe.
       
       El Obeid, die Hauptstadt der Provinz Nord Kordofan, ist ein strategischer
       Ort, ein Drehkreuz und Handelsumschlagsplatz inmitten der Wüste, auf der
       einzigen Verkehrsachse zwischen Sudans Hauptstadt Khartum, die von Sudans
       Armee (SAF) kontrolliert wird, und der westlichen Region Darfur, die unter
       Kontrolle der RSF steht. Mehrfach wurde der Flughafen der Stadt und
       einzelne Stadtteile seit Kriegsbeginn 2023 von der RSF erobert – und dann
       von der Armee und mit ihr verbündeten Milizen wieder zurückgewonnen.
       
       Jetzt liegt El Obeid an der Frontlinie. Derzeit ist die Stadt unter
       SAF-Kontrolle, rund 13.000 Soldaten seien dort stationiert, so Adam Mousa
       Eshag, Direktor der sudanesischen Organisation Darfur Victims Support
       Organisation (DVS) mit Sitz in Ugandas Haupstadt Kampala. Er ist täglich
       mit Menschen in El Obeid in Kontakt. Auch mit Soldaten der Armee dort hat
       er telefoniert und berichtet: Die SAF rüste sich derzeit für einen
       RSF-Angriff auf El Obeid. Die RSF-Miliz habe rund 30 Kilometer jenseits der
       Stadtgrenze über 10.000 Kämpfer zusammengezogen. Eshag macht sich große
       Sorgen über die Folgen eines Angriffs der Miliz auf die Stadt: „Es gibt die
       Befürchtung, dass die RSF Rache nimmt an der Bevölkerung, die die
       Armeeeinheiten beherbergen.“
       
       ## Düsteres Vorbild: El Fasher in Darfur
       
       Analysten, Hilfswerke und die Vereinten Nationen fürchten in El Obeid ein
       ähnliches Szenario wie in Darfurs größter Stadt El Fasher im Oktober 2025.
       Als die RSF die Stadt nach 18 Monaten Belagerung stürmte, wurden [2][bis zu
       70.000 Menschen in nur drei Tagen] von der Miliz getötet. „Wir warnen
       davor, dass eine Eskalation der Lage dazu führen kann, dass sich die
       grausamen Menschenrechtsverbrechen und Übergriffe auf die Bevölkerung, die
       wir in El Fasher dokumentiert haben, nun wiederholen können“, heißt es in
       einem [3][gemeinsamen Aufruf] von DVS und weiteren
       Menschenrechtsorganisationen.
       
       „Wir haben diesen Aufruf auch an die RSF und die SAF geschickt, um ihnen
       das humanitäre Völkerrecht ins Bewusstsein zu rufen“, so Eshag. „Wir sehen
       seit Tagen, dass gezielt zivile Infrastruktur ins Visier der
       Drohnenangriffe gerät.“ Dass jetzt Schulen von der RSF bombardiert werden,
       liege daran, dass die in El Obeid stationierten Regierungssoldaten sich in
       den Klassenzimmern einquartiert haben. „Sie nutzen die Bevölkerung als
       humanitäre Schutzschilde“, so Eshag. Dies verstoße klar gegen das
       Völkerrecht.
       
       Satellitenaufnahmen, die von erfahrenen Analysten der Universität Yale in
       den USA ausgewertet wurden, zeigen, dass die SAF einen über 50 Kilometer
       langen, mehrere Meter breiten Schützengraben rund um die Stadt ausgehoben
       hat, um die RSF am Vorrücken zu hindern. Genau so sah es vergangenes Jahr
       in El Fasher aus. Damals war es die RSF, die einen solchen Graben rund um
       die Stadt ausgehoben hatte, um die Bevölkerung und die Armeesoldaten an der
       Flucht zu hindern. Als die Miliz die Stadt einnahm, [4][entpuppte sich der
       Graben als Todesfalle.]
       
       Dasselbe Szenario droht nun auch in El Obeid. Sämtliche Straßen aus der
       Stadt hinaus seien abgeriegelt, nur noch eine einzige sei passierbar, so
       Awad von Plan International – die nach Osten Richtung Nil, ins
       Regierungsgebiet hinein. Ohne Fahrzeuge und Benzin sei es fast unmöglich zu
       entkommen, denn rund um El Obeid gebe es nur Wüste. Die nächste Stadt liege
       über 180 Kilometer entfernt. „Zu Fuß, ohne Trinkwasservorräte kann man es
       nicht dorthin schaffen“, so Awad. Zudem hat die SAF und die mit ihnen
       verbündeten Milizen entlang dieser Straße mehr als zehn Straßensperren
       errichtet.
       
       ## „Die internationale Gemeinschaft muss handeln“
       
       Die Lage sei besonders schlimm für die Kinder in El Obeid, so Francesco
       Lanino, Vize-Landesdirektor des Kinderhilfswerks Save the Children in
       Sudan. Drohnenangriffe auf Schulen und Vertriebenenlager führen zu
       schwerwiegenden Traumata, so Lanino. Er berichtet von seinem jüngsten
       Besuch im Vertriebenenlager Tawila in Darfur, wohin sich Einwohner aus El
       Fasher gerettet hatten.
       
       „Man sieht ihnen diese Angst vor Drohnen an, die jederzeit sie oder ihre
       Familienmitglieder töten können“, so Lanino: „Wir haben mehrere Kinder
       getroffen, die danach nicht mehr sprechen wollten.“ Besonders kleine Kinder
       seien nicht in der Lage, zu verstehen, warum das alles passiere. „Unsere
       Sorge ist, dass diese Kinder in Zukunft, wenn diese Traumata nicht
       aufgearbeitet werden, Rache üben könnten“, so Lanino: Dies lege die
       Grundlage für einen neuen Konflikt in Sudan in der Zukunft.
       
       Auf Initiative Großbritanniens tagte am Freitag der UN-Menschenrechtsrat in
       Genf und präsentierte seinen jüngsten Untersuchungsbericht. Laut diesem
       wurden durch Drohnenangriffe im Juni in El Obeid mindestens 45 Zivilisten
       getötet und 41 weitere verletzt. Überlebende, die es aus El Obeid
       hinausgeschafft haben, berichten der UN von standrechtlichen Hinrichtungen,
       Entführungen, Folter und sexueller Gewalt in El Obeid.
       
       „Die Zeichen von El Obeid sind klar und unmissverständlich“, so der
       UN-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk und erklärte die Lage in El
       Obeid zur „Alarmstufe Rot“: „Wir brauchen Maßnahmen auf höchster Ebene, um
       Gräueltaten in El Obeid und anderen Orten in Kordofan zu verhindern“,
       [5][so Turk]. Am Montag beschloss der Menschenrechtsrat eine Untersuchung
       der Lage in El Obeid und rief einstimmig anlässlich des „unmittelbaren
       Risikos von Massengräueltaten durch die RSF, dem Hunderttausende Zivilisten
       ausgesetzt sind“ zu einem sofortigen, bedingungslosen und vollständigen
       Waffenstillstand auf.
       
       „Dies ist ein entscheidender Moment, und die internationale Gemeinschaft
       muss handeln“, [6][erklärten die Außenministerien mehrerer Länder, darunter
       Deutschland], gemeinsam bereits am 25. Juni. „Die Zivilbevölkerung muss
       sicher ausreisen können und alle Parteien müssen einen raschen, sicheren
       und ungehinderten humanitären Zugang gewährleisten“, forderten sie.
       
       Doch all diese Worte helfen wenig, sagt DVS-Direktor Eshag. „Ich fühle mich
       so hilflos, denn die ganze Welt schaut diesen Gräueltaten einfach tatenlos
       zu“, seufzt er. Die UN oder die Afrikanische Union müssten dringend
       eingreifen und die Zivilbevölkerung schützen, fordert er: „Denn wir wissen,
       der Sturm auf die Stadt kann jede Minute losgehen.“
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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