# taz.de -- Philosophie der Niederlage: Stil, Fiasko und Abstimmungsfehler
       
       > Die Art des Ausscheidens der DFB-Elf bei der Fußball-WM der Männer stürzt
       > nicht nur eine Sportart in die Krise, sondern gleich das ganze Land.
       
 (IMG) Bild: Verzweifelte Fußballfans verfolgen das Ausscheiden der deutschen Elf
       
       Schmerz ist kein Medium der Erkenntnis. Vielmehr sei er, so der
       Anthropologe Hans Peter Dreitzel „pures Dagegensein, rein immerwährender
       Krieg“. Erst wenn der Schmerz nachlässt, finden wir charakterisierende
       Beschreibungen wie bohrend, klopfend, stechend, reißend, schneidend,
       ziehend, brennend, nagend, glühend etc.
       
       In diesem Sinne muss man wohl auch das Gerede nach dem unrühmlichen
       Ausscheiden der DFB-Elf bei der Weltmeisterschaft der Männer in Kanada, USA
       und Mexiko als ein Ringen um Worte verstehen – Versuche, den eigenen
       Empfindungen Ausdruck, Sinn und Bedeutung zu verleihen. Weil die Zeiten
       nicht rosig sind, fielen leider manche der nachgereichten Erklärungen
       dürftig aus. Niederlagenprosa.
       
       Nicht wenige haben dabei den Begriff vom Rumpelfußball aufgewärmt, der, so
       glauben [1][Sportetymologen] zu wissen, zuerst von „Kaiser“ Franz
       Beckenbauer in Umlauf gebracht worden sei. Als sogenannter Experte hatte
       der ehemalige Spieler und Trainer in einer Kolumne zum Scheitern der
       deutschen Mannschaft bei der EM im Jahr 2000 deren glanzloses Spiel
       kritisiert. Gegen England und Portugal unterlag die deutsche Mannschaft
       damals, gegen Rumänien wurde ein klägliches Unentschieden erkämpft.
       
       ## Höhnische Klage
       
       Über das sportliche Scheitern hinaus ist Rumpelfußball ein abwertender
       Begriff, der das Fehlen von Schönheit und Eleganz moniert und höhnisch den
       ausbleibenden Erfolg beklagt. Dabei scheint Rumpelfußball eher eine
       defätistische Beschreibung des Moments zu sein.
       
       Blickt man auf die einzelnen Akteure, die ihn Anfang des Jahrtausends unter
       dem glücklosen Trainer Erich Ribbeck hervorgebracht haben sollen, so stehen
       Namen wie Kahn, Matthäus, Ballack und Hamann für eine weithin anerkannte
       Spielkultur. Wer Rumpelfußball sagt, ist denn wohl auch um die Abwehr des
       Eingeständnisses bemüht, mit den enttäuschten Erwartungen nicht recht
       umgehen zu können. Die Schlauschlau-Analyse als Psychotherapie.
       
       Die Absurdität der WM-Niederlage im Sechzehntelfinale gegen Paraguay
       Dienstagnacht schien denn auch darin zu bestehen, dass jegliche
       zwischenzeitlich aufkeimende Hoffnung aufs Abwenden einer schicksalshaften
       Niederlage – der Ausgleich, ein vermeintlicher Führungstreffer, das
       Aufbäumen beim Elfmeterschießen – durch das Spielgeschehen auf comichafte
       Weise zunichtegemacht wurde.
       
       ## Kommunikative Panne
       
       Die DFB-Truppe bot sich gewissermaßen als Prügelknabe für eine Art
       nationalen Fatalismus an, der auf kuriose Weise in einer fehlgeleiteten
       Botschaft von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Spitze getrieben
       wurde. „Was für ein Spiel!“ Selbst Durchhalteparolen und Zuspruch geraten
       zur kommunikativen Panne einer missglückten Digitalisierung.
       
       Es habe Abstimmungsfehler gegeben, hieß es zwei Tage nach dem Spiel aus dem
       Kanzleramt. Auf dem Platz führen Abstimmungsfehler meist binnen Sekunden
       zum Fiasko. Im beliebten Gesellschaftsspiel der Analogiebildungen zwischen
       Fußball und Politik erscheinen Bundestrainer Julian Nagelsmann und
       Bundeskanzler Friedrich Merz nun als tragische Figuren, die ihre Stärken in
       der Analyse nicht so recht durchgecoacht bekommen.
       
       Vielleicht hilft zur Bewältigung der Leiden ein Lied des US-Songwriter
       James Taylor, der in „Secret of Life“ lebensklug reimt, dass niemand weiß,
       wie wir nach oben gekommen sind, weshalb man es demütig genießen solle,
       wenn es abwärts geht: „And since we’re only here for a while / Might as
       well show some style“. Könnte das Bemühen um Stil nicht ein schönes Gebot
       der Stunde abgeben?
       
       4 Jul 2026
       
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