# taz.de -- Algenanbau in der Bretagne: Spaghetti und Spinat aus dem Meer
> Algen sind gesund und ihr Anbau ist gut für die Biodiversität, doch noch
> ist der europäische Markt klein. Zu Besuch bei einem Algenzüchter.
(IMG) Bild: Quentin Verry und Michael Gleeson auf ihrem Algenkutter
Der französische Atlantik präsentiert sich an einem Morgen Ende April von
seiner sonnigen, geradezu harmlosen Seite. Das Boot von Michael Gleeson
liegt startklar im Hafen von Le Guilvinec, einem kleinen Küstenort im
bretonischen Departement Finistère, das von Brest im Norden bis Quimper im
Süden reicht. Gleeson hat sich auf Algenzucht und -ernte spezialisiert.
Sein kleines Boot ist für diesen Zweck umgebaut und hocheffizient. Es
bietet Platz für maximal zwei bis drei Leute und ist ohne Reling, nur mit
Stehkabine, Seilwinden und Abstellfläche für einige Sammelbehälter
ausgestattet.
Algen sind schleimig, glitschig, riechen nach Meer und schmecken salzig. Um
die 700 Arten dieser Pflanzen kennt man an der französischen Atlantikküste,
wo die [1][Bretagne] als Europas größtes Algenfeld gilt. Algen aus dem Meer
sind meist Großalgen, rot, grün oder braun und gut sichtbar. Genutzt werden
sie in der Bretagne seit mehr als 300 Jahren, als der angespülte Seetang
anfangs als natürlicher Dünger auf den Feldern landete.
Seither hat sich herumgesprochen, wie [2][vielseitig Algen sind], man
findet sie in Seifen und Kosmetikprodukten, im Tierfutter oder als Binde-
und Geliermittel in der Lebensmittelproduktion. In verschiedenen
asiatischen Küchen finden sie schon lange Verwendung. Ein Gemüse aus dem
Meer, das wie Pflanzen Licht zum Wachstum braucht, viel Jod enthält und
hohe Werte an mehrfach ungesättigten Fettsäuren und essenziellen Mineralien
aufweist.
Rund zehn Minuten braucht das Boot, bis es Gleesons mit gelben Bojen
markierte Meeresparzelle in Sichtweite des Hafens erreicht. 300 mal 300
Meter ist sie groß, er hat sie vor einigen Jahren von einem Kollegen
übernommen. Das Gebiet liegt im Iroise-Meer, das als Meeresnaturpark
besonderen Schutz genießt.
## Algen brauchen sauberes Wasser
Als Algenfarmer gehört er zu einer Handvoll von Leuten, die seit ein paar
Jahren in das Geschäft mit der Kultivierung von Algen eingestiegen sind. So
wie er es betreibt, nämlich manuell, ist es mehr Handwerk als Geschäft und
harte körperliche Arbeit, wie sich zeigen wird. Nur sieben Algenzüchter
gebe es im Finistère, sagt er, und davon seien vier aktiv.
Dabei bieten die Bretagne und speziell das südliche Finistère ideale
Bedingungen für den Algenanbau. Das Wasser hat hier starke Strömungen und
Gezeitenwechsel, sodass die Sonne bis auf den Meeresgrund durchdringen
kann. Algen brauchen sauberes, nährstoffreiches Wasser. Sie betreiben
Photosynthese und produzieren Sauerstoff, filtern Nähr- und Schadstoffe aus
dem Wasser und bilden ihrerseits den Lebensraum vieler Mikroorganismen.
Diese Charakteristika machen sie allerdings auch anfällig für Schwermetalle
oder andere Giftstoffe, die meist durch [3][Überdüngung in der
Landwirtschaft] über die Flüsse ins Meer gelangen. Die in Frankreich zum
Verzehr zugelassenen 24 Algenarten werden regelmäßig auf Schadstoffe
getestet.
Der Algenanbau in Frankreich unterliegt wie die Fischerei strikten Vorgaben
und Kontrollen – „zu restriktiv“, sagt Gleeson. „Meine Herangehensweise
ist: klein anfangen und herausfinden, was für Europa gut ist.“ Er wünscht
sich mehr Engagement und „politische Weitsicht“ vonseiten der Regierung,
die in Frankreich die maritimen Angelegenheiten regelt. Mit dem regionalen
Fischereiverband setzt er sich dafür ein, dass die verbliebenen vier
Wakame-Züchter in seiner Region ihre Tätigkeit aufrechterhalten können.
„Das Meer gehört dem Staat“, sagt Gleeson und zeigt auf seine Parzelle. Er
zahlt Pacht, muss deklarieren, was er anbaut, erntet, verkauft. Wie kommt
ein Neuseeländer in die Bretagne und zu diesem Beruf? „Meine Frau ist
Französin“, sagt Gleeson in makellosem Französisch mit leichtem Akzent. Der
Ex-Soldat lernte in Frankreich die Fischerei.
Der 42-Jährige ist nicht nur groß, er ist lang, sieht aus wie ein
baumgroßer Mast, so wie er da steht in der gelben Gummihose, dem orangen
Oberteil und dem Käppi gegen die Sonne, über das er die Kapuze seines
Shirts gezogen hat. Rettungsweste und Sonnenbrille fehlen auch nicht. Mit
seinem Helfer Quentin Verry, 26, spricht er Französisch, der Meeresbiologe
ist gerade mit seinem Master fertig. „Das Wetter heute ist perfekt“, sagt
Verry. Die Sonne scheint kräftig, das Meer verhält sich ruhig, es herrscht
Niedrigwasser.
Es sind die letzten Tage in dieser Saison, um die verbliebenen Taue mit den
im Oktober auf dem Meeresboden ausgelegten Algenkulturen abzuernten. Als
das Boot stoppt, legen sich die beiden Männer bäuchlings auf den Boden des
Schiffs und ziehen mit aller Kraft das per Fanghaken hochgeholte Tau hoch,
an dem große, tropfnasse Algenblätter hängen. Es wird über die Seilwinde
hinten in eine zweite Winde am Bug geführt und dort befestigt.
Die Makroalgen glänzen braun und feucht, große viereckige Plastikbehälter
stehen bereit. Nun beginnt die Arbeit des Schneidens, manuell, manche Algen
haben sich festgezurrt. Allmählich füllen sich die Körbe, sind wieder drei
oder vier Meter geschafft, wird die Seilwinde in Bewegung gesetzt, um die
nächsten Meter Algen aufs Boot zu ziehen.
„Es gibt immer noch Leute, die finden, ich sollte das hier nicht tun“,
erklärt Gleeson, während er mit seinem Messer, nicht viel größer als ein
normales Gemüsemesser, Bündel für Bündel abschneidet und in eins der
Behältnisse klatschen lässt. Gleeson baut Wakame an, eine ursprünglich aus
dem Pazifik stammende Algenart. Als es vor bald 40 Jahren ein großes
Austernsterben an der französischen Atlantikküste gab, kamen die Züchter
auf die Idee, Austernkulturen aus dem asiatischen Pazifik zu importieren,
um ihren Bestand zu sichern. Mit ihnen gelangte auch die Wakame-Alge in die
Bretagne. Der Austernimport wurde bald gestoppt, die Wakame blieb.
„Heute ist es ein lokales hochwertiges Produkt“, sagt Gleeson. „Ich bin bei
dem Thema sehr leidenschaftlich. Die Braunalge verhält sich nicht invasiv.“
Die Wakame-Konzessionen gehen noch auf die 1980er Jahre zurück, neue wurden
nicht vergeben. Damals wollte man die einheimischen Arten schützen –
verständlich. Aber seitdem sei ausreichend Zeit vergangen, sagt er, um die
Auswirkungen auch wissenschaftlich zu beobachten. „Es bringt keinerlei
ökologischen Nutzen, die bestehenden Wakame-Farmen zu beseitigen.“
Der Algenexperte Philippe Potin vom wissenschaftlichen Forschungszentrum
(CNRS) im bretonischen Roscoff kommt zu dem gleichen Schluss: „Die
Wakame-Alge hat sich in der Bretagne in der freien Natur vermehrt und nur
kleine Populationen gebildet“, schreibt er der taz in einer E-Mail. Und da
die Algenfarmen noch vor der Zeit der Fortpflanzung abgeerntet werden
müssten, trügen sie auch nicht zur weiteren Ausbreitung bei. Wildwachsendes
Wakame werde mittlerweile durch Freizeit- und Handelsboote über Häfen und
Pontons eingeschleppt. Es siedele an Schiffsrümpfen und habe sich weder als
aggressiv noch als invasiv erwiesen.
Das Thema treibt Gleeson um. Er züchtet hauptsächlich Wakame. Es sei „eine
Ironie der Geschichte“, dass in der Landwirtschaft jede Menge ehemals
exotische Gemüse oder Früchte zu finden sind, die heute als einheimisch
empfunden werden, während man seiner Arbeit mit Misstrauen begegne.
„Algenzucht ist gut für die Umwelt“, sagt er. Algen können als
Biostimulanzien in der Landwirtschaft genutzt oder in geringen Mengen
Tierfutter zugegeben werden. Das Kultivieren von Algen verträgt sich gut
mit nachhaltiger Fischerei.
Geforscht wird in Europa seit ein paar Jahren intensiv [4][in alle
Richtungen], dennoch haben sich bisher wenig Interessensverbände für die
Algenzucht gebildet. Das braucht vermutlich noch ein paar Jahre – und
politischen Willen, wenn es nach Gleeson geht. Seit drei Jahren gibt es in
der Bretagne einen Aktionsplan für die Landwirte zur Umstellung auf
umweltverträglichere Methoden – mit mäßigem Erfolg. Denn nach wie vor trägt
die Einleitung von chemischen Düngemitteln durch die Flüsse ins Meer zur
Verschmutzung der Meere bei. Doch die Bauern haben kein Geld und die
Fischer keine so große Lobby wie die Fleischindustrie.
Nach zweieinhalb Stunden holen Gleeson und Quentin den Anker ein, das Tau
ist abgearbeitet. Vier Körbe à 300 Kilogramm haben sie gefüllt sowie sechs
gelbe Jutesäcke mit Algensporen, die zum Trocknen bestimmt sind. Zwei Möwen
haben sich auf der Führerkabine niedergelassen, Gleeson startet das Boot.
Nach Ankunft im Hafen werden die Algenkisten per Kran an Land gezogen und
entweder sofort von Direktabnehmern abgeholt oder noch vor Ort verarbeitet,
mit hochwertigem Salz vermischt, zur natürlichen Konservierung. Algen sind
eine empfindliche Ware. „Ich liefere in der Regel am gleichen Tag frisch
und nur in der Region aus“, sagt Gleeson.
Für das Ende der Woche wird eine Springflut erwartet, dann beträgt der
Tidenhub acht statt der üblichen fünf Meter. Wenn das Meer zurückweicht,
bleiben besonders viele verschiedene Algensorten zurück. „Dann sammeln wir
wilde Algen“, sagt Gleeson. Das bedeutet ebenfalls Handernte, für die man
aber im Niedrigwasser steht, Geduld und Erfahrung braucht.
Gleeson sammelt wilde Dulse, Kombu, Meeresspaghetti und Irisches Moos. Nori
und Sägetang lassen sich bis zum Winter ernten. Dann ist die See zu rau, um
rauszufahren. Rund 20 Tonnen gezüchtete Algen und 15 Tonnen Wildalgen
erntet Gleeson im Jahr. Ein kleiner Teil wird getrocknet und innerhalb
Europas exportiert.
Wer Algen züchtet, braucht eine Konzession; wer wilde Algen professionell
sammeln will, braucht außerdem eine Erntelizenz, die eine staatliche Stelle
erteilt. Die Zahl der gewerblichen Nutzer ist begrenzt. So auch die Menge,
die man anbauen darf. Der Staat wacht darüber, dass ressourcenschonend
gearbeitet wird. „Es bleibt eine Nische“, sagt Gleeson. Erntegebiete und
Erntemengen, selbst Werkzeuge und Mindestgrößen für den Schnitt sind bis
ins Kleinste definiert. Für den privaten Verbrauch gilt: Eine Handvoll
Algen am Tag sind erlaubt.
„Schmecken wilde Algen besser als gezüchtete?“ – „Nein. Aber wir wissen
erst über eine kleine Anzahl von Algensorten Bescheid.“ – Schmecken
getrocknete Algen besser? – „Anders. Und sie wechseln die Farbe.“
Anderthalb Stunden braucht Gleeson von seinem Wohnort Plouguerneau bis nach
Le Guilvinec, wo seine größte Konzession liegt. Keine Strecke, die man
täglich zurücklegt. „Es ist herausfordernd“, sagt Gleeson. Algenzucht sei
„nicht schwer“, sofern es einem nicht schwer gemacht werde. Er schaut
neidisch Richtung Asien, wo der Algenanbau ein profitabler Wirtschaftszweig
ist. „Bislang wurde in Frankreich kein ernsthaftes Projekt zur Förderung
des Algenanbaus durchgeführt“, beklagt er, „das mit den entsprechenden
Initiativen beispielsweise in Japan, Südkorea oder China vergleichbar
wäre.“
Bisher ist der europäische Markt überschaubar. Frankreich ist in Europa
führend bei der Algenproduktion, vor allem bei Wildalgen, weltweit steht es
an vierter Stelle. [5][36 Millionen Tonnen] Algen aus kommerzieller
Aquakultur werden global pro Jahr geerntet, davon 98 Prozent in Asien. Nur
1 Million Tonnen Algen stammen aus Wildbeständen; davon werden ein Drittel
in Europa geerntet.
## Eine Legende von der Küste
Le Guilvinec, im Frühjahr ein kleiner, verschlafener Ort, ist einer der
größten handwerklichen Fischereihäfen Frankreichs. Am Nachmittag, gegen
halb fünf, sieht man die Küsten- und Kleinfischer mit ihren Booten im Hafen
einlaufen. Der nachmittägliche Schaulauf, bei dem Freiwillige, meist
ehemalige Fischer, körbeweise Kaisergranaten, Tintenfisch, Wolfsbarsch,
Makrelen ausladen, die gleich darauf in der Fischauktionshalle am
Haliotika, der „Cité de la Pêche“, online versteigert und dann verladen
werden. Algen sind nicht dabei. Sie sind kein – oder vielleicht noch nicht
– Teil der Fischvermarktungskette.
Gleeson verkauft einen Teil seiner Ernte an eine Kollegin aus Le Guilvinec,
die selbst Algen züchtet und auch verarbeitet. Scarlette Le Corre ist weit
über ihren Wohnort hinaus bekannt, eine Legende von der Küste, die erste
Fischereikapitänin Frankreichs, die bis heute am frühen Morgen allein mit
ihrem Boot rausfährt. Le Corre stammt aus einer Fischerfamilie. „Ich habe
schon mit vier Jahren mein erstes Kilo nach Hause getragen“, erzählt sie
bei einem Besuch in ihrem Laden.
Die Fischerei als Beruf zu erlernen, war in ihrer Jugend für Frauen nicht
vorgesehen. Eine überalterte Gesetzgebung, die Loi Colbert von 1681, hatte
Frauen bis Mitte der 1960-Jahre untersagt, auf Marine-, Handels- oder
Fischerbooten zu arbeiten.
„Frauen auf Schiffen, das gab es einfach nicht“, erinnert sich Le Corre.
Sie nahm einen Umweg über die Ausbildung zur Schiffsmechanikerin, arbeitete
nebenher als Kosmetikerin und kaufte sich von diesem Gehalt ihr erstes
Boot. „An der Berufsfachschule für Fischereiwirtschaft war ich die erste
Frau“, sagt sie. „Heute arbeiten in allen Häfen Frankreichs einige Frauen.“
In den 1990ern spezialisierte sich die heute 71-Jährige auf das Sammeln,
Züchten und Verarbeiten von Algen. Auch weil das Meer nur noch begrenzt
Fischfang ermöglicht, wie sie sagt. Seither gibt sie Kochkurse und
vertreibt in ihrem Laden die eigenen Fisch- und Algenprodukte, frisch,
getrocknet oder als Brotaufstrich. Auch Wakame befindet sich „frais salé“
(frisch gesalzen) darunter, es gibt sogar eine karamellisierte Variante
davon. Wenn hier keine Ideen für eine [6][Küche der Zukunft] zu finden
sind, wo dann?
„Mer et Saveurs“ heißt Le Corres Geschäft, das in einer kleinen
Seitenstraße von Le Guilvinec liegt. Hinter dem Verkaufsraum befindet sich
eine große Küche, in der an diesem Abend braune und grüne Algen auf die
Verarbeitung warten. Ringsum stapeln sich Kisten mit gesalzenen Algen, in
einem Gestell hängen Tabletts, auf denen Braunalgen bei 15 Grad
Raumtemperatur trocknen. Le Corre hält nichts davon, Heizstrahler
anzuschmeißen.
## Grünalgen können gefährlich werden
„Das ist alles selbst gesammelt“, sagt sie. 20 Tonnen Algen ernte sie im
Jahr. Le Corre, mit kurzen, grauen Haaren, die Schürze umgebunden, redet
schnell, überzeugt, begeistert: „Ich visualisiere Algen gern. Es ist wie
mit unseren Haaren. Die Wurzeln befinden sich unten, in der Kopfhaut, und
wachsen zum Licht. Alle Zellen unseres Wesens sind hier zu finden.“
Sie breitet verschiedene Algenarten auf dem Tisch aus: den Riementang, auch
Meeresspaghetti genannt, aus der Familie der Braunalgen; Wakame, „gut für
die Verdauung“, und der Meeressalat, eine Grünalge, die „viele Proteine
enthält“, aber im Sommer gefährlich werden kann, wenn sie [7][durch
Hitzeperioden zu stark wächst]. Am Strand angespült bildet sie eine feste
Kruste über der Tangmasse, die darunter fermentiert und hohe
Konzentrationen von Schwefelwasserstoff entstehen lässt.
Diese grüne Algenpest sorgt dafür, dass [8][Algen regelmäßig Schlagzeilen
machen]. 2016 gab es einen Todesfall an einem Strand der Bretagne, als ein
Jogger ihre giftigen Gase einatmete. Seither sind die Kommunen
verpflichtet, die Strände bei Algenblüte zu säubern. „Die Grünalge selbst
ist nicht das Problem“, sagt Le Scorre, „aber sie zeigt, dass es Probleme
gibt.“
„Bei uns im Südfinistère haben wir keine Algenplagen“, sagt Le Scorre
stolz, „das Meer hier ist bio. Keine Industrie, nur Fischfang und
Tourismus.“ Und Makroalgen, die an Felsen wachsen und das Meer säubern.
Aber „nichts ist neutral“, gibt sie zu, alles habe Auswirkungen auf seine
Umgebung. „Wir verändern die Dinge durch die Art, wie wir leben. Das
Ökosystem verändert sich.“ Auch die Fischerei muss sich anpassen und
gegebenenfalls umstellen. Scarlette Le Corre hat diesen Schritt rechtzeitig
gemacht.
Um 18 Uhr schließt sie ihr Geschäft und fährt die Besucherin zu ihrer
Algenstelle etwas außerhalb des Ortes. Blau gurgelt das Meer zwischen den
Felsen, die Ebbe hat eingesetzt und auf den noch eben meerüberspülten
Stellen bleibt hellgrün leuchtend oder braun glänzend der Tang zurück – ein
anderes Wort für Meeresalgen. „Guck mal, wie schön das Meer leuchtet“, sagt
sie. Le Scorre entdeckt in den kleinen Pfützen grünen Seespinat, dunklen
Meerespfeffer, die Dulse und eine neu aufgetauchte Algenvariante, die
aussehe wie die Dulse, aber invasiv sei.
Demnächst will sie ihr Geschäft an ihre Schwiegertochter übergeben.
Rausfahren mit ihrem Boot wird sie weiterhin. Morgens ein Algentatar statt
Croissant, das hält fit.
## Kochkurse für Algengerichte
„Ich bewundere Scarlettes Faszination und Leidenschaft für Algen“, sagt
Martin Loss, ein Deutscher, der vor ein paar Jahren mit seiner Familie in
die Nähe von Le Guilvinec gezogen ist und seither versucht, für
Algenprodukte in Europa neue Märkte zu erschließen. „Um [9][alles über
Algen zu lernen]“, ist er bei Le Scorre mehrere Monate „in die Schule
gegangen“, erzählt er bei einem Treffen Anfang Juni in Berlin. Am Vortag
hat Loss in Hamburg einen Workshop beim Ernährungsrat Hamburg geleitet und
mit Betriebs- und Kantinenleiter*innen Algengerichte zubereitet.
Loss betreut für einen Kunden ein „Kantinenprojekt“: Betriebsküchen und
Unimensen zu überzeugen, ihre Gäste probeweise an [10][Algengerichte
heranzuführen]. „Kulturhistorisch sind Algen leider oft negativ besetzt“,
sagt er. Doch sowohl der kulinarische wie der ernährungsphysiologische Wert
von Algen werden immer mehr erkannt. Die Weltbevölkerung wächst, die
Klimakatastrophen nehmen zu, die [11][Meere sind leergefischt] und die
Landwirtschaft kann den Bedarf an Lebensmitteln auf Dauer nicht allein
bedienen.
„Algen können die Menschheit nicht vor ihren Fehlentwicklungen retten“,
erklärt der Meeresbiologe Philippe Potin aus Roscoff, „aber sie können
helfen, Lösungen zu entwickeln, mit denen der Verlust der Artenvielfalt und
der [12][Rückgang der marinen Ökosysteme] eingedämmt werden.“ Insgesamt,
erklärt er, könnten Algen einen wesentlichen Beitrag zur Umgestaltung der
landbasierten Landwirtschaft und zur weltweiten Ernährung leisten.
Auch Martin Loss haben die Algen „erwischt“. Da sind Überzeugung,
Pioniergeist, Geschäftssinn, aber auch Faszination im Spiel. „Algen leben
im Verborgenen“, erklärt er. „Sie brauchen eine Visitenkarte.“ Der
40-Jährige bietet deswegen neben Kochkursen auch Algensafaris im Watt an.
Nach seinem Besuch in Berlin reist Loss weiter Richtung Westdeutschland.
Besuch bei verschiedenen Studierendenwerken. Im Juni fanden zwei Probetage
in der vom Studierendenwerk Gießen betriebenen Mensa der Hochschule Fulda
statt. Eine kleine Umfrage ergab: 56 Prozent der Befragten würden wieder
ein Algengericht bestellen. Auch im Studierendenwerk Niederbayern/
Oberpfalz kamen zwei Aktionstage im Juli gut an. Über sieben Mensastandorte
hinweg gab es von mehr als der Hälfte der Gäste positives Feedback.
Diese Recherche wurde unterstützt von Agence Bretagne. Auf die
Rechercheergebnisse wurde kein Einfluss genommen.
21 Jul 2026
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