# taz.de -- Neue Musik aus Brasilien: Sie stellen dem Leben an sich grundlegende Fragen
       
       > Wenn es heiß ist, kühlt nur die Formenvielfalt brasilianischer Musik. Ein
       > Streifzug durch neue Alben von Cúrio Cúrio, Airto Moreira und Clau Aniz.
       
 (IMG) Bild: Cúrio Cúrio
       
       Die stille Revolution. Ein leichtes Wippen. Wider das Toben des Rock ’n’
       Roll, für die Melancholie des Beobachters, gegen die Unmittelbarkeit von
       Rhythm and Blues. Mit der Bossa nova aus Brasilien begannen die 1960er.
       Auch dies war Musik der Verschleppten, Vertriebenen und nach Glück
       Suchenden, nur klang sie anders: nach Straßencafés, französischen Filmen
       und moderner Lyrik, nach Raffinesse. In ihr tauchte auch ein neuer Typ des
       Außenseiters auf, der die Popmusik veränderte. Pop? Alsbald wurde Bossa
       nova in Europa als jene Variante von Jazz wahrgenommen, zu welcher man ihn
       in den USA formte.
       
       Als sich in den 1990ern diese einseitige Sichtweise differenzierte,
       entstand jedoch umgehend der klischeeträchtige Terminus „Brazil“. Oft
       meinte diese Kategorie federnden Wohlklang oder groovenden Discofunk. Und
       heute? Auch die Musik des brasilianisch-deutschen Duos Curió Curió wird als
       Brazil vermarktet werden. Ein massiver Samba namens „Tô Chegando“, auf
       traditionellen Instrumenten vorgetragen, eröffnet ihr Debütalbum, dann
       drückt der elektrische Bass den Song sanft, aber nachdrücklich hin zu einem
       langsamen Funk, spielerisch beginnt Sängerin Luiza Monteiros Stimme
       jenseits des Sambathemas neuen Grund zu erkunden.
       
       Alles schwebt in ein hymnisches Thema, entliehen der Brasilianischen
       Popmusik (MPB, Música popular brasileira), die gegen Ende der 1960er die
       Bossa nova ablöste und deren melodischer Reichtum und experimentelle
       Offenheit bis heute fasziniert. So auch Curió Curió. Das Problem ist wie
       immer, dass das nachempfundene Experiment in Gefahr ist, keines mehr zu
       sein. [1][Vielmehr schuf Brazil längst ein Paralleluniversum, in dem sich
       leicht leben lässt.]
       
       ## Über Sehnsucht berichten
       
       Aber genau dies geschieht hier nicht! Schon „Tô Chegando“ berichtet von
       Sehnsucht: „Ich möchte mich erinnern / An das Meer / An diese Liebe, die
       mir guttut / Komm, hilf mir, aufzuwachen“ singt die Sängerin und
       Schauspielerin Monteiro und ist da im portugiesischen Wort für Aufwachen
       „despertar“ nicht auch die Verzweiflung? – Luiza Monteiro lebt seit neun
       Jahren in Wien. Von dort ist es weit zur nächsten heilenden Küste, nicht
       nur in Kilometern.
       
       Sehnsucht und Fragen nach dem Bei-sich-Sein prägen auch die Texte der
       anderen Songs, komponiert mit dem Berliner Musiker Dustin Braun, [2][der im
       letzten Herbst mit seinem Dazutun am Album von Peki Momés] auf sich
       aufmerksam machte. Das imaginierte Brasilien von 1970 bis 1980 als
       Spiegelbild einer aktuellen Sehnsucht: Curió Curió gelingt es, diese
       Spannung in ihre Musik aufzunehmen. In „Raiz“ (Wurzel) schwärmt Luiza
       Monteiro: „Ich möchte sehen, wie das Leben zwischen den Welten erblüht“,
       und ein Engelschor geleitet sie in eine psychedelische Traumwelt.
       
       Was an ihrer Musik fasziniert, ist letztlich gar nicht nur ihre immense
       Versiertheit, sondern die Fragen nach Heimat, nach der Zukunft einer
       zweifelhaften, aber intensiven Liebe im funkigen „Amor Doente“ oder einer
       Freundschaft, die zu Liebe wächst wie im stillen Bossa nova „Amizade“. Und
       da, im von einem E-Piano umhegten Outro, fällt dann auch das Zauberwort
       „Saudade“, jener Begriff, der eine einzigartige Mischung aus Sehnsucht und
       Melancholie ist und tief im Herzen der Musik Brasiliens liegt.
       
       ## Wohlklang statt Militärdiktatur
       
       [3][Das reale Brasilien zwischen 1964 und 1985], aus dem all diese
       wundervolle innovative Musik kam, war überschattet von einer brutalen
       Militärdiktatur. Als bekannte Popmusiker eingeschüchtert und zur Ausreise
       genötigt wurden, zieht es auch den Perkussionisten Airto Moreira und seine
       Frau Flora Purim 1968 in die USA. Falls Sie Airto Moreira nicht kennen,
       kennen Sie ihn doch: Der Legende nach rief er 1997 sein Plattenlabel an,
       verblüfft von einer hohen Überweisung.
       
       Die habe ihre Richtigkeit erfuhr er, in Deutschland sei eine Version seines
       Stücks „Tobo in 7/4“ als „Samba de Janeiro“ ein Riesenhit. Moreira und
       Purim erarbeiten sich ihre Meriten im brandneuen, aber hitfernen Fusionjazz
       und waren in den USA zur rechten Zeit am rechten Ort. Was ihre Musik
       auszeichnete, war weniger das Weglassen, die Kunst der Bossa nova, sondern
       das Hinzufügen: noch ein ungerader Beat, noch ein unbekanntes
       Perkussionsinstrument. Der Jazz profitierte von dieser ungeheuren
       rhythmischen Vielfalt brasilianischer Musik.
       
       Vor einigen Wochen erschien beinahe unbemerkt Moreiras seit 2017 erstes
       Studioalbum, eine Sensation allein deshalb, weil der bald 85-Jährige 2022
       schwer erkrankt war. An seiner Seite der Pianist und Produzent Ricardo
       Bacelar. Die beiden improvisierten und entwickelten aus dem Spontanen
       schillernde Kompositionen, zum Teil noch vom Arrangeur Liduíno Pitombeira
       um weitere Instrumente und Melodien ergänzt.
       
       Im Eröffnungsstück klingen diese nach dem Werk des in New Orleans geborenen
       und in Brasilien gestorbenen US-Komponisten Louis Moreau Gottschalk
       (1829–1869). Seine Kompositionen inspirierten die Arrangements
       amerikanischer Musik des 20. Jahrunderts. Wie er synkopierte afrokaribische
       Percussions in die spätromantische Musik einfügte, wirkte später auf den
       Jazz zurück. Bei Airto Moreira klingt es nun komponiert und frei zugleich.
       
       ## Geräusche aus dem Regenwald
       
       Vielleicht hören wir hier just die vollkommene Version von Fusionjazz. Im
       bezaubernden „Voo da Tarde“ besingt Flora Purim zwischen
       Regenwaldgeräuschen eine klingende Reise, und Moreira zeigt, wie Perkussion
       erzählen, ja schwelgen kann. Das Titelstück „Maracanós“ träumt inmitten
       einer beschwingten Caféhausatmosphäre, und „3 Minutos de Paz“ findet einen
       schmalen Pfad zwischen Experiment und Tradition. Wohin dieser Pfad führt?
       Dies mag eine Frage an das Leben an sich sein.
       
       Als um 1980 neue Klänge eher aus Europa kamen, begann eine schwere Zeit für
       den Fusionjazz und auch für die brasilianische Popmusik. Erst 1990 warteten
       wieder hoffnungsvolle Talente auf, doch verlor sich die neue Vielfalt
       alsbald in Genres mit viel Wumms und wenig Zauber oder in Retrogesten. Umso
       verblüffender ist da das bislang nur digital veröffentlichte, zweite Album
       der Sängerin, Gitarristin und Klarinettistin Clau Aniz.
       
       ## Mäandernde Hooklines
       
       Nach ihrem Debüt 2018 erschuf sie zunächst teils atonale Kompositionen für
       klassische Ensemble. Und nun? „A melody you can’t hum“, stand einst als
       Motto auf einem Album der US-New-Wave-Avantgardisten Tuxedomoon. Was diese
       nicht ganz einlösen konnten, schaffen die mäandernden Klanglinien in den
       Songs auf Clau Aniz’ zweitem Album.
       
       Ist es eine so tief in den Strukturen brasilianischer Musik angelegte
       Schönheit, welche ihre Stücke mit Leben erfüllt, oder ihr introvertierter,
       an Marina Lima erinnernder Gesang? In „Harsh“ zerteilt eine repetitive
       Figur fast das Stück, und am Ende ist das Wunder dann, wie diese Musik
       Zusammenhänge kreiert und Spannung schafft. „Dann werde ich ein Schiff
       sein, eine Frau auf hoher See, mitten im Chaos, segeln, mich ausbreiten,
       existieren in dem, was hätte sein können, in dem, was ich nicht zulassen
       wollte“, singt sie in „Iuá Uru“.
       
       Es ist seltsam: In ihrer Einsamkeit, den Klarinettentönen, klingelnden
       Telefonen und sonischen Herausforderungen schafft sie eine Schönheit, die
       tatsächlich an Tuxedomoon erinnert. In unserer müden Zeit des genügsamen
       Spektakels erklingt ein Statement für die Zukunft. Ja, auch das kann sie
       also weiterhin, die Musik Brasiliens!
       
       16 Jul 2026
       
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