# taz.de -- Junge Geflüchtete in Schleswig-Holstein: „Mehr Risiken, weniger Schutz“
> Für unbegleitete minderjährige Geflüchtete wird es zur schier unlösbaren
> Aufgabe, ihre Familie nachzuholen. Der Kieler Verein „Lifeline“
> kritisiert das.
(IMG) Bild: Familiennachzug ist immer noch ausgesetzt: Geflüchtete und Unterstützer*innen gehen dagegen auf die Straße
In Kiel wartet der 15-jährige Taim Hasan seit vier Jahren darauf, seine
Eltern und Geschwister wiederzusehen. Er kam mit elf Jahren allein aus
Ostsyrien nach Deutschland. [1][Die taz erzählte seine Geschichte Ende
Juni]. Hasan ist einer von vielen Geflüchteten, die davon betroffen sind,
dass es immer schwieriger wird, Familie nach Deutschland zu holen. Den
sogenannten Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte hat der
Bundestag im Sommer 2025 für zwei Jahre ausgesetzt.
In Schleswig-Holstein wurde eine besondere Landesregel zum Familiennachzug
aber schon 2024 vom Bund einkassiert. Vorher konnten Jugendliche auf der
Flucht, die allein in Schleswig-Holstein ankamen und einen Bleibestatus
erhielten, beantragen, dass ihre Eltern gemeinsam mit kleineren
Geschwistern einreisen dürfen. In anderen Bundesländern galt dieser
Familiennachzug nur für die Eltern.
Mitte Juni trat dann [2][eine Reform des Gemeinsamen Europäischen
Asylsystems (GEAS) in Kraft], die neben einigen Verbesserungen in den
Bereichen Bildung und Gesundheitsversorgung vor allem nochmal schärfere
Regeln mit sich brachte. So können [3][auch Kinder inhaftiert werden, und
Asylverfahren sollen verkürzt ablaufen].
„Mehr Risiken, weniger Schutz“: So fasst [4][der Kieler Verein „Lifeline“],
der sich für unbegleitete minderjährige Flüchtende einsetzt, die aktuelle
Lage für betroffene Kinder und Jugendliche zusammen.
## Überall Ausnahmeregeln einzelner Bundesländer gekappt
Auch Leonie Melk, Sprecherin des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein,
beobachtet derzeit, dass überall Ausnahmeregeln einzelner Bundesländer
gekappt werden. Bestimmte Ausnahmen, etwa die Aussetzung von Abschiebung in
einige Länder, können Landesparlamente nur für einige Monate beschließen.
Danach braucht es die Zustimmung des Bundes. Und die werde zurzeit eher
verweigert, berichtet Melk.
So beschloss der Landtag in Schleswig-Holstein mehrmals, Abschiebungen in
bestimmte Länder im Winterhalbjahr auszusetzen. Im Oktober 2024 zum
Beispiel stimmte [5][eine große Mehrheit im Kieler Parlament dafür,
Angehörigen der jesidischen Minderheit aus Irak und Syrien einen
dauerhaften Aufenthalt zu genehmigen]. Und es gab die Möglichkeit des
„Geschwisternachzugs“ für Jugendliche.
Dabei seien zwei Verwaltungsakte zusammengezogen worden, erklärt Dorothe
Paulsen von „Lifeline“: Der Jugendliche, der bereits in Schleswig-Holstein
als asylberechtigt anerkannt war, durfte seine Eltern zu sich holen. Hatten
die einen Bleibestatus erhalten, durften sie ihre kleineren Kinder
nachholen. Diese beiden Verfahren habe Schleswig-Holstein zu einer
„logischen Sekunde“ vereint: Die Eltern durften mit kleineren Geschwistern
einreisen.
Seit März 2020 galt diese besondere Regelung – bis sie im Jahr 2024
aufgehoben wurde. Der Erlass des damals zuständigen Kieler
Innenministeriums „wurde vom Bundesministerium des Innern sowie vom
Auswärtigen Amt als mit Bundesrecht unvereinbar bewertet und im
Visumverfahren nicht angewendet“, teilt Patrick Tiede, Sprecher der jetzt
zuständigen Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) mit.
## Ausnahmen nur in Fällen von „außergewöhnlicher Härte“
Höchstens in Fällen von „außergewöhnlicher Härte“ seien heute Ausnahmen
möglich. Eine größere Chance auf Familiennachzug hat, wer ausreichend
Wohnraum zur Verfügung stellen und selbst für den Lebensunterhalt der
Angehörigen sorgen kann – [6][für einen Jugendlichen, der selbst gerade
erst ins Land gekommen ist], eine schier unlösbare Aufgabe.
Daran, dass sich Menschen auf den gefährlichen Weg einer Flucht machen,
änderten auch schärfere Bundes-Gesetze wenig, sagt Dorothe Paulsen von
„Lifeline“: „Auch wenn die Eltern wissen, dass sie ihr Kind sehr lange oder
vielleicht nie wiedersehen, werden sie es auf den Weg schicken, wenn das
Leid so groß ist, dass sie es anders nicht retten können.“
14 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ausgesetzter-Familiennachzug/!6187429
(DIR) [2] /Positive-Folge-der-Geas-Reform/!6190569
(DIR) [3] /Statement-gegen-Abschottung/!6188419
(DIR) [4] https://www.lifeline-frsh.de/
(DIR) [5] https://www.landtag.ltsh.de/nachrichten/24_10_17_eziden_integration_aufnahmeprogramm/
(DIR) [6] /Ausgesetzter-Familiennachzug/!6187429
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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