# taz.de -- Verfolgung von iranischen Musikerinnen: Wasser findet immer seinen Weg
> Iranische Künstlerinnen wie Parastoo Ahmadi spielen Musik unter
> lebensgefährlichen Bedingungen. Das Mullah-Regime in Teheran ahndet jede
> Performance – vergeblich.
(IMG) Bild: Sängerin Parastoo Ahmadi wurde 74 Peitschenhieben verurteilt, weil sie ohne Hijab aufgetreten ist
Die bloße Existenz reicht in der Islamischen Republik Iran aus, um
potenziell ins Fadenkreuz des Regimes zu geraten – vor allem dann, wenn man
eine iranische Bürgerin ist. Und noch viel mehr, wenn diese singt.
Die Musik gehört zu den ersten Kunstformen, die nach der iranischen
Revolution von 1979 eingeschränkt, teilweise sogar verboten wurden.
[1][Dass Frauen singen etwa: Verboten]. Dass Frauen Instrumente spielen:
Lange Zeit eingeschränkt.
Doch mit dem Aufkommen der sozialen Medien fanden Musiker:innen und
Sänger:innen einen neuen Weg, ihre Kunst zu präsentieren. Etwa durch
geheime, sogenannte Underground-Auftritte. Tickets für diese
Veranstaltungen werden privat über den Messenger-Dienst Telegram verkauft.
Wer kommen will, muss empfohlen werden. Meist wird die Adresse des
Veranstaltungsortes dem Publikum erst am Tag der Veranstaltung bekannt
gegeben. Oft werden an der Spielstätte die Handys aller Zuschauer
eingesammelt. Keine Aufnahmen darf nach außen gelangen.
Bei vielen Konzerten ist der Konsum von Alkohol erlaubt: Die Veranstalter
gestatten dem Publikum entweder, Alkohol mitzubringen, oder bieten ihn vor
Ort zum Kauf an. Viele Konzerte finden in unmittelbarer Nähe von
Sicherheitszentren und im Zentrum von Teheran selbst statt. Das zeigt, dass
– wie ein persisches Sprichwort sagt – Wasser immer seinen Weg findet.
## Konzerte werden ins Netz gestreamt
Eine andere Form der Protestkunst: Performances finden ohne Publikum statt,
werden aber auf Instagram, YouTube oder X gepostet. Eine dieser mutigen
Künstler:innen ist Parastoo Ahmadi. Eine junge Frau, die ihre Kunst
direkt und ohne Zensur in den sozialen Medien teilt. Wie viele Sängerinnen
begann sie zunächst damit, iranische Popsongs zu covern und neu zu
interpretieren. [2][Allmählich wandte sie sich jedoch alternativer,
originellerer Musik zu.] Ihre Kunst teilte sie online. Doch diese Auftritte
blieben nicht ohne Folgen.
Wann immer ein Video einer jungen Sängerin viral geht, muss sie damit
rechnen, vorgeladen zu werden. Und dass ihr Social-Media-Profil von den
Aufsichtsbehörden des Regimes gelöscht werden. Die Cyberpolizei und der
Geheimdienst der Iranischen Revolutionsgarden laden diese Künstlerinnen
vor, beschlagnahmen ihre Internetseiten, drohen, schüchtern ein und lassen
Gerichtsverfahren wegen erfundener Straftatbestände vom Stapel. Nach dem
Löschen des Profils, laden sie an gleicher Stelle einen neuen Beitrag hoch,
der meist diese Botschaft hat: „Diese Seite wurde von den zuständigen
Behörden aufgrund von Verstößen und der Nichteinhaltung islamischer Normen
beschlagnahmt.“
## Peitschenhiebe für Parastoo Ahmadi
Viele Künstlerinnen stellen nach einem solchen Erlebnis ihre Arbeit ein.
Parastoo Ahmadi machte bereits während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste
Bekanntschaft mit dem Polizeiapparat. Eine Zeit lang war sie dann online
weniger aktiv. Vor etwa anderthalb Jahren jedoch trat sie ohne Publikum
unter dem Titel „Imaginary Concert“ in einer alten Karawanserei auf. Sie
trug ein ärmelloses Kleid, kein Kopftuch. Das bei YouTube hochgeladene
Video ihrer Performance wurden bislang etwa drei Millionen Mal geklickt.
Sehr schnell wurden sie und alle beteiligten Musiker – Ehsan Birghadar,
Soheil Faqih Nasiri, Amin Taheri und Amirali Pirnia – vorgeladen. Nach
einem Verhör wurden sie bis zu ihrem Prozess gegen Kaution freigelassen.
Dieser folgte nun: Nach Bericht von BBC-Persian wurde Ahmadi zu
Peitschenhieben, einem achtjährigen Ausreiseverbot sowie Berufsverbot
verurteilt. Auch die anderen Mitglieder ihrer Band wurden bestraft.
Auch Mahsa ist Sängerin. Der Name ist ein Pseudonym. Vor einiger Zeit wurde
die 21-Jährige, als sie bei einer privaten Veranstaltung in einer
Kleinstadt in der Nähe von Teheran sang, von der Polizei festgenommen.
Mahsa erzählt der taz: „Es reicht schon aus, eine Frau zu sein, um
verurteilt zu werden. Es spielt keine Rolle, ob man Sängerin ist oder
nicht. Sie können einen unter jedem Vorwand verurteilen – wegen der Haare,
wegen der Stimme oder weil man mit unbekannten Männern gesprochen hat.“
Mahsa sagt: „Ich habe von der Polizei die schlimmsten sexuellen und
geschlechtsspezifischen Beleidigungen gehört, nur weil ich bei einer
privaten Feier gesungen hatte.“ Berichte über angebliche Lockerungen der
strengen Vorschriften der Islamischen Republik für Frauen weist sie zurück:
„Es gibt immer noch kein Gesetz, das die Kleiderfreiheit oder das Recht der
Frauen auf Gesang garantiert. Wenn man den Eindruck hat, die Islamische
Republik würde nachgeben, dann nur, weil sie unter Kriegsbedingungen die
innenpolitische Lage ruhig halten will.“ Der Hidschab und der Gesang von
Frauen bleiben rote Linien.
Die Autorin war im Jahr 2024 [3][Stipendiatin des Refugium-Projekts der taz
Panter Stiftung] und Reporter ohne Grenzen.
28 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Musik-der-iranischen-Diaspora-in-LA/!6184114
(DIR) [2] /Liraz-ist-aus-Israel-und-singt-auf-Farsi/!5974385
(DIR) [3] /taz-panter-stiftung/das-refugium-stipendium/!v=07336dde-9a7f-42d5-af22-36381af0d66a/
## AUTOREN
(DIR) Mahtab Qolizadeh
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran
(DIR) Politische Musik
(DIR) Sängerin
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Iran
(DIR) Ajatollah Ali Chamenei
(DIR) talkshow
(DIR) Los Angeles
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Israel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Regisseur über iranischen Exil-Film: „Ein Kind kann zu einem Mörder heranwachsen“
Parviz Sayyad hat vor über 40 Jahren einen Film über die iranische Republik
gedreht. Damals hoffte er noch, dass das Regime bald fallen würde.
(DIR) Chameneis Beerdigung in Iran: Machtdemonstration historischen Ausmaßes
Am Samstag beginnt eine Beerdigungszeremonie für den getöteten Führer der
Islamischen Republik, Ali Chamenei. Doch wird der neue Anführer aufkreuzen?
(DIR) Antimuslimische Ressentiments: Deutschland sorgt sich ums Vitamin D
Geht es wirklich um Gesundheitsfragen? Der neuste Dreh der Kopftuchkritik
heißt Vitamin D. Dabei ist luftige Kleidung bei Hitze gerade gut.
(DIR) Musik der iranischen Diaspora in LA: Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung auf den Neuanfang
Die Compilation „Tehrangeles Vice (Iranian Diaspora Pop 1983–1993)“ wirft
ein Schlaglicht auf den upliftenden Sound der iranischen Exilgemeinde von
Los Angeles.
(DIR) Iranischer Rapper Konari im Exil: „Die Stimmung könnte kippen, wenn es mehr zivile Opfer gibt“
Der Rapper Behrad Ali Konari konnte Iran 2026 verlassen. Er war dort
mehrfach im Gefängnis – auch, weil Rap oft Slogans für die Protestbewegung
liefert.
(DIR) Liraz ist aus Israel und singt auf Farsi: „Niemand will Krieg“
Liraz ist in Israel geboren. Weil sie auf Farsi singt, hat sie viele Fans
im Iran, die sich heute mit Israel solidarisch zeigen.