# taz.de -- Sprachwissenschaftler über Fußball: „Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst“
> Der Linguist Simon Meier-Vieracker analysiert Fußballsprache und
> -phrasen. Ein Gespräch über Militärmetaphern, Traditionspflege und
> Veränderungen.
(IMG) Bild: Rote Karte wegen Hand vor dem Mund – der Paraguayer Miguel Almiron im WM-Vorrundenspiel gegen die Türkei
taz: Herr Meier-Vieracker, ein Sprachwissenschaftler, der sich mit Fußball
beschäftigt. Wie passt das zusammen?
Simon Meier-Vieracker: Nun ja, über Fußball wird ja auch gesprochen und
geschrieben, und zwar [1][ausgesprochen ausdauernd und ausführlich]. Wenn
man schaut, wie viel Prozent der Pressetexte im deutschsprachigen Raum von
Fußball handeln, kommt man auf erstaunliche acht bis zehn Prozent. Allein
die schiere Menge, die der Fußball zum Gegenwartsdeutschen beiträgt, macht
es in meinen Augen erforderlich, dass die Wissenschaft das auch in den
Blick nimmt. Außerdem ist die Fußballsprache auch als Fachsprache,
emotionaler Jargon oder als Metaphernspender und -empfänger ein
hochinteressantes Phänomen.
taz: Fußball schaut oder spielt man doch. Warum sollte man sich unbedingt
die Sprache anschauen?
Meier-Vieracker: Natürlich ist die reine Bewegung, die den Fußball als
Sport ausmacht, etwas, was ohne Sprache funktioniert. Aber schon die
Organisation des Sports braucht ein Regelwerk und das besteht aus Sprache.
Coaching im Training, im Spiel oder in der Halbzeitpause funktioniert im
Wesentlichen über Sprache. Und auch die Berichterstattung, ohne die der
Fußball als Geschäft nicht funktionieren könnte, bedient sich der Sprache.
Ohne Sprache würde dieser riesige Markt mit Milliardenumsätzen, den der
Fußball ja bedeutet, nicht funktionieren.
taz: Was macht ein Sprachwissenschaftler überhaupt?
Meier-Vieracker: Es geht um die wissenschaftliche Erforschung von Sprache
in all ihren Facetten. Es geht nicht nur darum, die deutschen
Grammatikregeln oder ihre Entstehung zu erforschen, auch nicht allein um
das Erforschen anderer Sprachen. Wir Sprachwissenschaftler schauen uns an,
in welchen Kontexten Sprache wie und wofür gebraucht wird und wie sie
funktioniert. Dafür arbeiten wir mit Experimenten, aber auch mit
computergestützten Analysetools, mit denen wir versuchen, unter anderem
große Textmengen untersuchbar zu machen.
taz: Wie kam es eigentlich zu der Fußballsprache, die wir heute sprechen?
Meier-Vieracker: Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst.
Als der Fußball erfunden wurde, mussten zumindest rudimentär Regeln
formuliert werden und dazu musste man sich erst einmal auf ein paar
Begriffe einigen, wie „Tor“ beispielsweise. Da der Fußball in England
erfunden wurde, waren das natürlich zunächst englische Begriffe.
taz: Und wie entstanden dann die deutschen Begriffe?
Meier-Vieracker: Auf das europäische Festland kam der Sport durch englische
Studierende, die in der Schweiz, in der Nähe von Genf, einen
Auslandsaufenthalt hatten. Von dort aus hat sich der Sport dann zunächst in
Gemeinschaften etabliert, die dem Englischen zugewandt waren. In Dresden
gründete sich 1873 beispielsweise der Dresden English Football Club. Gerade
weil er ein englisches Kulturgut war, wurde er im nationalistisch
gestimmten Kaiserreich gar nicht so gern gesehen. Er wurde immer wieder als
„englische Fußkrankheit“ abgelehnt. Für den deutschen Fußball und seine
Sprache war schließlich Konrad Koch, ein Gymnasiallehrer aus Braunschweig,
von entscheidender Bedeutung. Er wollte den Fußball populär machen und
versuchte, seinen Kritikern zumindest sprachlich den Wind aus den Segeln zu
nehmen, indem er ganz gezielt zur Image-Aufbesserung die Fußballsprache
eindeutschte.
taz: Wie genau?
Meier-Vieracker: Er überlegte damals systematisch: Wie können wir
„offside“, „kickoff“ oder „corner kick“ auf Deutsch am besten nennen? Von
ihm kommen die Vorschläge, von „Abseits“, „Anstoß“ oder „Eckstoß“ zu
sprechen. Neben der Fachsprache war auch die Militärmetaphorik von Anfang
an sehr prägend. Wir sprechen vom „Angriff“, „Sturm“, von „Flanken“, wir
„schießen“. Das liegt nahe: Fußball ist ein Wettkampf von zwei Teams, die
sich auf einem „Schlachtfeld“ gegenüberstehen, es geht um „Raumgewinne“.
Der Fußball wurde im Kaiserreich, und damit in einer hoch militarisierten
Gesellschaft, schließlich doch noch populär. Das Militär genoss
allerhöchstes Ansehen und deswegen waren diese Metaphern auch besonders
anschlussfähig.
taz: Ist das immer noch so?
Meier-Vieracker: Unsere heutige Sprache über Fußball ist im Vergleich zu
früher wesentlich weniger militärisch und martialisch. Noch in den 1950er
Jahren finden wir regelmäßig in den Berichten, dass die „Abwehr mit
schweren Geschützen zusammengeschossen“ wurde und der „Gegner
niedergemetzelt“ wird und „dauernd Bomben und Granaten fliegen“. Mit neuen
Entwicklungen sind dafür andere Metaphern wichtiger geworden: Heute
sprechen wir beispielsweise vom „Sieger-Gen“ oder der „Schaltzentrale“.
Solche technischen Metaphern setzen sich immer mehr durch. In Deutschland
gibt es außerdem einen gewissen Trend zu Anglizismen. Es ist unter
Kommentatoren populär geworden, nicht mehr vom „Strafraum“, sondern von der
„Box“ zu sprechen. In der Schweiz war das Englische nie verschwunden: Wie
erwähnt kam der Fußball in Europa zuerst in die Schweiz, aber seit jeher
spricht man dort von „corner“, „offside“, „match“ und „penalty“. Das klingt
dann für uns Deutsche manchmal so, als würden sie neumodische Anglizismen
verwenden, aber eigentlich sind sie die Konservativen.
taz: Gibt es heute neue Phrasen und Vokabeln?
Meier-Vieracker: Ich finde die Fußballsprache erstaunlich stabil. Es gibt
natürlich immer wieder einmal technische und taktische Innovationen, die
dafür sorgen, dass Begriffe wie „Gegenpressing“ bekannt werden. Um 2010
wurde dieser Stil mit Jürgen Klopp populär. An sich ist die Fußballsprache
aber sehr auf Traditionspflege ausgerichtet.
taz: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Fußball immer monetarisierter
und machtpolitischer geworden. Spiegelt sich das auch in der Sprache wider?
Meier-Vieracker: Eher nicht. Ich stimme natürlich völlig zu, mit jeder WM
wird die Schraube noch einmal ein paar Umdrehungen weitergedreht. Der neue
„Hydration Break“ ist offiziell als Maßnahme zum Schutz der Gesundheit der
Spieler eingeführt worden. Sie ist aber eben auch eine Gelegenheit, noch
mehr Werbung auszuspielen. Für die Fußballsprache ist aber das Relevante,
was die Reporter aus den Bildern machen. Diesbezüglich sehe ich keine
großen Veränderungen. Im Gegenteil: Die Traditionspflege wird dazu genutzt,
sich eine Insel der Glückseligen zu schaffen.
taz: Sagt die Fußballsprache auch etwas über die Gesellschaft, die sie
spricht, aus?
Meier-Vieracker: Ich wäre da sehr vorsichtig. Man kann sich natürlich
Fußballphrasen im Sprachvergleich zwischen verschiedenen Gesellschaften
anschauen. In katholisch geprägten Ländern sind oftmals Metaphern
religiösen Ursprungs wesentlich populärer. Es gibt im Französischen das
„pain béni“, das „gesegnete Brot“, wofür wir im Deutschen einfach nur
„Geschenk“ sagen würden. Oder wenn wir „alle Register ziehen“, sagen die
Spanier sinngemäß, „das ganze Fleisch auf den Grill legen“. Bei solch
kulturellen Prägungen, die sehr allgemein sind, geht es jedoch auch leicht
in die Richtung, dass man kulturelle Stereotype bedient. Um aber vielleicht
noch einmal ein neueres Phänomen zu nennen: Es gibt [2][zumindest seitens
der Medienberichterstattung ein größeres Bewusstsein für potenziell
diskriminierende Sprache.] Ausdrücke wie „Eier haben“, ich erinnere an das
Interview mit Oliver Kahn, oder die Redewendung „Das war mal richtiger
Männerfußball!“ sind in die Kritik geraten.
taz: In den sozialen Netzwerken betreiben Sie Ihren Kanal
„fussballinguist“. Wie entstand die Idee?
Meier-Vieracker: Als ich angefangen habe, mich mit der Fußballsprache zu
beschäftigen, waren meine ersten Ergebnisse zu klein für eine echte
Publikation, aber doch zu schön, um sie in der Schublade verschwinden zu
lassen, und deshalb begann ich [3][meinen Blog]. Um den zu bewerben,
meldete ich mich bei Twitter an. Dort konnten Nutzernamen nur maximal 15
Zeichen lang sein, deswegen musste ich aus „fussballlinguistik“
„fussballinguist“ machen – mit zwei „l“. Ich habe später auch mit Tiktok
und Instagram angefangen, habe aber dort dem Fußballthema nie besonderen
Raum gegeben. Dort greife ich eher andere Videos auf, um den ein oder
anderen Sprachmythos zu entkräften. Da das Zielpublikum insgesamt jünger
ist und die Videos in seiner Freizeit konsumiert, ist der Ton natürlich
insgesamt ein bisschen lockerer. Gleichwohl verzichte ich nicht auf
Fachbegriffe, schließlich bin ich primär immer noch Wissenschaftler.
28 Jun 2026
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