# taz.de -- Vertrauen in die Medien: Ikkimel und was der Journalismus sich so einbildet
> Bei einem ZDF-Auftritt der Sängerin Ikkimel waren sich die Medienberichte
> einig: das Publikum sei verstört gewesen. Aber stimmt das eigentlich?
(IMG) Bild: Die Rapperin Ikkimel bei ihrem Auftritt im "Moma"
Die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben Sommerpause, und
so musste diese Woche das „Morgenmagazin“ für die Medienberichterstattung
herhalten und lieferte auch: [1][den Auftritt der Sängerin Ikkimel.]
Dieser wurde vom traditionell auf schmalen Bänken sitzenden Publikum so
aufgenommen wie jeder andere Auftritt von Musiker*innen dort auch:
etwas bedröppelt, nicht wissend, wohin mit den Händen, angestrengt in die
Kamera guckend, irritiert; nicht jeder applaudiert. Ikkimels Performance
jedoch wurde medial zu einem Ereignis hochgeschrieben, dass dem Script der
Sängerin folgte: Das Boomerpublikum sei mit dem Auftritt [2][„sichtlich
überfordert“ (Spiegel)], [3][„völlig überfordert“ (SWR 3)], [4][„ratlos“
(SZ)], „[5][unbewegt“ (radioeins)] und in [6][„Schockstarre“ (taz)]
gewesen.
Woher wussten die Beschreibenden das? Haben sie das Publikum gefragt? Haben
sie sich selbst gefragt, warum d[7][as ZDF die gefilmten Zuschauer als
Zusammenschnitt] ins Netz stellte und darin immer wieder auf ein- und
denselben Typen zoomte, der unbewegt bis abschätzig guckte und nicht
klatschte?
Haben sich die Kollegen Auftritte anderer Bands im „Moma“ angeschaut und
die Mimik des Publikums genauso akribisch untersucht? Man schaue sich die
ungleich gefälligeren Auftritte von Bands wie Freshground oder Joris in den
„Momas“ dieser Woche an: Sind da wirklich Unterschiede zu den
(Nicht-)Reaktionen bei Ikkimel zu erkennen oder nicht vielmehr die gleichen
bedröppelten, unbewegten, beschämt auf den Boden guckenden, verschüchterten
Gesichter und immer mindestens einer oder eine, die demonstrativ nicht
klatscht?
Die Gäste im Studio hatten den Text von Ikkimels vorgetragenem Raprant
„Fußballmänner“ vielleicht akustisch gar nicht verstanden. Vielleicht
fanden sie den Auftritt auch gar nicht so provokant und erinnerten sich an
Ina Deter, die 1983 in der ZDF-„Hitparade“ [8][„Neue Männer braucht das
Land“] sang, daraufhin Morddrohungen und vom NDR eine Strafanzeige wegen
Aufrufs zur Sachbeschädigung („Ich sprüh’s an jede Wand: Neue Männer
braucht das Land“) erhielt, von Rundfunkanstalten boykottiert und auf den
Index gesetzt wurde.
Verstörender jedenfalls als ein Auftritt von Ikkimel ist, wenn der
Journalismus Dinge beschreibt, die er sich einbildet, weil es so schön ins
Weltbild passt. In diesem Fall: „Moma“-Publikum spießig, Ikkimel
provozierend – da muss es Verstörungen gegeben haben.
Apropos einbilden. Der neue Politikjournalismuspodcast des RND [9][„Wenn
Sie wüssten …“] hat sich gleich nach seiner ersten Folge dafür
entschuldigen müssen, dass er veröffentlicht hatte, wofür es keine Beweise
gab: Döpfner als Steigbügelhalter der AfD drängt den Kanzler zum Abbau der
Brandmauer. Mit dieser Glanzleistung lieferten die Kollegen den Rechten
noch mehr Material, um das Misstrauen gegen die eigene Branche zu füttern,
mit dem nicht nur die AfD, sondern Europas Rechte immer mehr Stimmen
gewinnen.
Schließlich dann am Donnerstagabend eine [10][Nachrichteneinblendung der
„Tagesthemen“], die mein Bild vom Zustand der eigenen Branche vollendete
wie ein Treffer von Messi: „Offenbar mehr Tote während Hitzewelle“.
Ein „offenbar“ vor der Nachricht, und alles ist gut im Sinne einer
ausreichend recherchierten Nachrichtengrundlage? Was kommt als Nächstes?
„Offenbar wärmer als gedacht“? „Offenbar heißer als sonst so“? „Offenbar
grade auf Sendung“?
Entweder gab es mehr Tote während der Hitzewelle 2026 oder nicht. Was
anderes ist die Frage danach, ob die Toten Opfer der Hitzewelle wurden.
Das aber stand in dem eingeblendeten Satz nicht, sondern war nur die
eingebildete Grundlage.
Ich bilde mir ein, dass es uns allen viel besser gehen könnte, würden wir
uns weniger einbilden, voll im Bilde zu sein.
11 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zdf.de/play/magazine/zdf-morgenmagazin-104/zdf-morgenmagazin-vom-6-juli-2026-100
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/kultur/ikkimel-im-zdf-morgenmagazin-den-fussballmaennern-geht-es-praechtig-a-b3b02046-670a-41a1-8eb6-6bbb82c07c80
(DIR) [3] https://www.swr3.de/musik/news/ikkimel-zdf-morgenmagazin-106.html
(DIR) [4] https://www.sueddeutsche.de/medien/ikkimel-zdf-morgenmagazin-aufklaerung-gastbeitrag-li.3511947
(DIR) [5] https://www.radioeins.de/programm/sendungen/modo1619/wissen_denken_meinen/jenni-zylka-ikkimel-im-moma-fruehstuecksfernsehen-zdf.html
(DIR) [6] /Ikkimel-im-Morgenmagazin/!6194143
(DIR) [7] https://www.instagram.com/reel/DadRTqtCFZg/
(DIR) [8] https://www.youtube.com/watch?v=iYNt6qgWlg8
(DIR) [9] https://www.rnd.de/politik/klarstellung-zum-podcast-wenn-sie-wuessten-6DP5PRUY2NEAXBTDADA7RQNLLI.html
(DIR) [10] https://www.tagesschau.de/tagesthemen/tt-12722.html
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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