# taz.de -- Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Alles, nur kein Mörder
       
       > Die Fifa entzieht einem Journalisten die Akkreditierung. Warum Gianni
       > Infantino zu dieser Entscheidung steht und dennoch nicht nachtragend sein
       > will.
       
 (IMG) Bild: Sieht so ein Mörder aus? Gianni Infantino auf der Tribüne des Stadions von Miami
       
       ## 25. Juni 2026
       
       Heute diese Zeilen zu schreiben, fällt mir nicht leicht. Ganz im Gegenteil:
       Es fällt mir sogar sehr schwer. Denn hinter mir liegt eine schwere
       Entscheidung. Nicht die Entscheidung selbst ist es, die mich in diesem
       Augenblick so nachdenklich macht. Der Anlass für die Entscheidung hat mich
       tief getroffen. Was ist passiert?
       
       Ich musste einem Radioreporter aus Paraguay die Akkreditierung für die WM
       entziehen, weil er mich einen Mörder genannt hat. Das ist mehr als eine
       Beleidigung. Das ist eine derart infame Unterstellung, dass ich keine
       andere Wahl hatte, als den Mann vom Turnier entfernen zu lassen.
       
       Man kann mich schwul nennen, einen Gastarbeiter, katarisch, afrikanisch,
       arabisch oder behindert. [1][So habe ich mich selbst auch schon
       bezeichnet]. Aber Gianni Infantino ist doch kein Mörder. Das geht zu weit.
       „Sie haben den Fußball getötet. Fifa, ihr habt den Fußball getötet!“ Das
       hat dieser Reporter in sein Mikrofon gebrüllt, nachdem sein Landsmann
       Miguel Almirón im Spiel gegen die Türkei vom Platz geflogen war – [2][wegen
       dieser Regel, nach der man mit verdeckten Mund nicht sprechen darf].
       
       Natürlich herrscht bei der Fifa Meinungsfreiheit. In einem WM-Stadion darf
       jeder denken, was er möchte. Wie heißt es in diesem wunderbaren Volkslied?
       „Die Gedanken sind frei.“ Dieses Lied pfeifen die Spatzen von den
       Stadiondächern unserer Weltmeisterschaft. Aber muss man denn immer auch
       aussprechen, was man denkt? Da gibt es Grenzen. Und die sind in diesem Fall
       eindeutig überschritten worden.
       
       ## Täter-Opfer-Umkehr
       
       [3][Immerhin zeigt der Mann nun Reue] und sagt, dass falsch gewesen sei,
       was er gesagt habe. Ich weiß es zu schätzen, wenn Menschen sich Menschen
       einsichtig zeigen. Aber warum hat er es nicht einfach so gehalten, wie ich
       es immer tue: einfach nichts Falsches sagen. Ist das wirklich zu viel
       verlangt?
       
       Was mich auch zutiefst bewegt und mir beinahe eine schlaflose Nacht
       bereitet hat, ist die beinahe schon schamlose Täter-Opfer-Umkehr, die in
       der Äußerung dieses sogenannten Journalisten mitschwingt. Als Mann, der
       sich selbst als schwul bezeichnet hat, und wenn es auch nur für einen Tag
       war, musste ich vor vier Jahren damit rechnen, homophobe Anfeindungen zu
       ernten.
       
       Welche Vorurteile Gastarbeitern entgegenschlagen können, weiß ich als Kind
       italienischer Einwanderer in der Schweiz nur allzu gut. Dennoch habe ich
       mich als solcher bezeichnet. Das war kein einfacher Schritt für mich. Ich
       habe mich zur Zielscheibe gemacht. Und jetzt soll ich ein Mörder sein?
       
       Dieser Reporter sollte sich wirklich fragen, wer hier eigentlich Opfer ist
       und wer Täter. Natürlich wünsche ich dem Mann alles Gute in seinem weiteren
       Leben. Ein Gianni Infantino ist nicht nachtragend. Und wenn unter einem
       meiner Nachfolger einst wieder eine WM-Akkreditierung für diesen Mann
       ausgestellt werden sollte, ich wäre der Letzte, der dagegen etwas einwenden
       würde.
       
       25 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bizarre-Rede-von-Fifa-Chef-Infantino/!5894100
 (DIR) [2] /Neu-eingefuehrte-Regeln-bei-der-WM-Ausnahmsweise-viel-richtig-gemacht/!6189616
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DZt3FBjlLtY/?utm_source=ig_embed&ig_rid=AIX5zti7EITlQ_D6gxSV8px&img_index=1
       
       ## AUTOREN
       
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