# taz.de -- Fußball-WM 2026: Außen rührende Bilder, innen brutale Politik
       
       > Die Fußball-WM in den USA produziert eine bewegende Szene nach der
       > anderen – und lenkt so wunderbar ab von der Gewalt der US-Regierung.
       
 (IMG) Bild: Toooor für Infantino und seine Fifa und für Trump – alles super bei der WM
       
       Das war doch nun wirklich rührend. Vozinha, der Torhüter von Kap Verde,
       kann endlich zusammen mit seiner Mutter jubeln. 2:2 gegen Uruguay, der
       zweite Punkt für die niedlichen Kicker aus dem Fußballzwergstaat. Schon
       wieder staunt die ganze Welt. Und sie freut sich über die Wiedervereinigung
       von Vozinha mit seiner Mutter. Tränen fließen.
       
       Vozinha hatte schon nach dem ersten Gruppenspiel seines Teams geweint. Da
       hatte er mit seinen Paraden die spanischen WM-Favoriten schier zur
       Verzweiflung gebracht. Er ließ seinen Emotionen freien Lauf. Wegen des
       sensationellen Punktgewinns. Und weil seine Mutter nicht dabei sein konnte.
       
       Die habe das viele Geld für das Visum in den USA nicht so schnell
       auftreiben können, sagte er. Und jetzt stand er neben seiner Mutter.
       Glücklich. [1][Gianni Infantino], der Präsident des Internationalen
       Fußballverbands, stand dabei. Er bedankte sich beim US-Außenministerium für
       die unbürokratische Hilfe bei der Visabeschaffung. Was für ein Rührstück!
       In der Rolle des Heilsbringers: die US-Regierung.
       
       So einfach geht [2][Sportswashing]. Jener US-Regierung, die ihre
       Abschottungspolitik auch [3][während der WM] gnadenlos durchzieht, gehören
       dank eines sportlichen Großereignisses im eigenen Land plötzlich die
       positiven Schlagzeilen. Und fast alle weinen mit.
       
       ## Massenabschiebungen nach Haiti
       
       Vielleicht waren die Augen ja schon wieder trocken, als Ende der Woche
       vermeldet wurde, dass der Supreme Court in Washington den Weg für die
       Abschiebung von rund 350.000 Menschen aus dem Karibikstaat Haiti frei
       gemacht hat. Haiti, [4][das war doch dieses Team aus Exilspielern], die
       beim 2:4 gegen Afrikameister Marokko so aufopferungsvoll gekämpft haben.
       
       Überhaupt haben die sogenannten Kleinen bei diesem großen Turnier die
       Herzen der Fußballfans erobert. Und es stimmt ja auch: Wer hat sich nicht
       gefreut über den ersten Punkt des kleinsten Landes, das je an einer WM
       teilgenommen hat. Wie die Spieler aus Curaçao gejubelt haben, nachdem sie
       gegen Deutschland den Ausgleich erzielt hatten – war das nicht
       herzzerreißend?
       
       Die Duelle der Zwerge gegen die Fußballriesen sind zu emotionalen
       Großereignissen einer sportlich eher faden Vorrunde geworden. Gerade weil
       die Fifa in ihrem Streben nach immer höheren Umsätzen die WM so groß
       gemacht hat wie nie zuvor, kommt sie so gut an.
       
       Nur weil das Teilnehmerfeld von 32 [5][auf 48 Teams vergrößert wurde],
       konnten sich die Mannschaften aus Kap Verde oder Curaçao überhaupt
       qualifizieren. Schon nimmt die Zahl derer zu, die das große Teilnehmerfeld
       feiern.
       
       ## Mit Privatjet von Spiel zu Spiel
       
       Dabei ist keines der Argumente gegen ein derart aufgeblähtes Turnier jetzt
       weniger schlagkräftig als vor der WM, als die irrwitzigen Dimensionen einer
       Veranstaltung, die sich von Mexiko-Stadt über Los Angeles bis Vancouver und
       von Toronto über New York bis nach Miami erstreckt, wegen ihrer die
       Klimakatastrophe vorbereitenden Wirkung noch lautstark kritisiert worden
       waren.
       
       Jetzt kann sich Gianni Infantino, der mit seinem Privatjet von Spiel zu
       Spiel fliegt, freuen, wie sich alle Welt über sein Riesenturnier freut.
       
       Die gute WM-Stimmung erinnert ein wenig an 2018, als das Turnier in
       Wladimir Putins Russland stattfand. Die Krim war längst annektiert,
       russische Einheiten haben in der Ostukraine ihr Unwesen getrieben, und
       Fußballfans aus aller Welt stolperten bestens gelaunt, saufend und singend
       durch das sommerliche Gastgeberland. Das finstere Reich im Osten war
       plötzlich heiter und hell. Ein Musterbeispiel für [6][Sportswashing.]
       
       Bis zum Finale am 19. Juli in New York/New Jersey wird der Fußball gewiss
       noch viele herzzerreißende Geschichten geschrieben haben, irgendein
       Superstar wird irgendeinen irrwitzigen Rekord aufgestellt haben, und
       irgendwelche Fans werden sich bestimmt wieder besonders drollig maskiert
       haben, dass es eine wahre Freude ist.
       
       ## In der Hauptrolle: Donald Trump
       
       Derweil ist die Hauptrolle in der finalen Zeremonie des Turniers längst
       vergeben. Donald Trump wird dem Kapitän der Siegermannschaft den Pokal
       überreichen und all die Geschichten, über die sich nicht nur die
       Fußballwelt in den Wochen zuvor gefreut hat, als seinen Erfolg reklamieren
       können.
       
       So wie es zum Ende der Vorrunde aussieht, droht die WM ein Erfolg zu
       werden. Das ist keine gute Nachricht für die Welt.
       
       29 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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