# taz.de -- Widerstand in der besetzten Ostukraine: Sie bereiten Bauchschmerzen
> In den besetzten Gebieten der Ukraine wehren sich die „wütenden Mavkas“
> mit kreativen Mitteln: etwa Wodka mit Abführmittel für die russischen
> Soldaten.
(IMG) Bild: Die Ruinen eines Wohnhauses in Awdijiwka, Ostukraine, im Februar 2026
Da, wo Mavka lebt, werden Mädchen vermisst. Oder sie werden vergewaltigt,
wie die junge Tochter vom Nachbarn. Aber deren Eltern trauen sich nicht zur
russischen Polizei, denn sie haben Angst. Da, wo Mavka lebt, ist
ukrainisches Staatsgebiet – besetzt von russischen Truppen. Ihr Alltag ist
geprägt von Unterdrückung und Schikane. Und für jemanden wie sie, die im
Untergrund feministischen Widerstand organisiert, bedeutet das permanente
Vorsicht.
Mavka sagt aber nicht, wo genau sie lebt, aus Sicherheitsgründen. Ihren
richtigen Namen verrät sie auch nicht – „Mavka“ ist ein weiblicher
Waldgeist aus der ukrainischen Mythologie. Ihre Stimme am Telefon ist zu
fröhlich für das, was sie erzählt. Besonders, wenn sie von den Zla Mavkas
spricht, ist ihr Stolz nicht zu überhören. Ihre feministische
Untergrundbewegung, die „wütenden Mavkas“, hat sie mit zwei anderen Frauen
gegründet, kurz [1][nach Beginn der russischen Invasion] 2022.
Zu Beginn klebten die Frauen Poster an Hauswände und verteilten
Flugblätter, die sich gegen die russische Besetzung richteten. Ihre
Aktionen sprachen sich schnell herum: „Wir hatten nicht damit gerechnet,
dass sich so schnell so viele Frauen aus anderen besetzten Städten bei uns
melden würden, um mitzumachen.“
Heute sind die Zla Mavkas eine Bewegung geworden, für Frauen mit den
gleichen Ängsten, den gleichen Problemen. Wie viele sie mittlerweile sind,
lässt sich nicht beziffern. Denn die Mavkas kennen einander nicht. Sie
organisieren sich anonym, online. Die Sicherheit der Frauen stehe an
oberster Stelle, begründet Mavka die verschlüsselte Kommunikation.
## Ein Alltag unter Kontrolle
Paradoxerweise glaubt sie, dass die Menschen in den besetzten Gebieten jene
sind, die noch am meisten Hoffnung auf ein Ende des Krieges haben.
„Irgendjemand muss ja die Blumen bereithalten, wenn die ukrainische Armee
kommt.“
Seit dem 24. Februar 2022 besetzt Russland Teile der ukrainischen Oblaste
Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zusätzlich zur Krim, die
bereits seit 2014 unter russischer Kontrolle steht. Alle vier Gebiete
wurden von Russland im September 2022 durch ein Scheinreferendum
annektiert. Seitdem berichten Einwohner*innen wie Mavka von zunehmender
Unterdrückung der ukrainischen Identität, Sprache und Kultur. Der Alltag
ist gezeichnet von Kontrollen, selbst ein Kommentar in den sozialen Medien
kann zur Verhaftung führen.
Die Überwachung nimmt zu. An Checkpoints werden Handys kontrolliert, sogar
gelöschte Dateien durchsucht. Viele Mavkas haben deshalb zwei Handys: ein
„Sicherheitstelefon“ für den Alltag, mit Fotos der Familie und Nachrichten
von Freunden. Das andere, versteckt, für ihren Kampf.
Die Mavkas sind wachsamer, aber auch kreativer geworden. Eine
Sabotageaktion schaffte es sogar in internationale Medien: das
Wodka-Geschenk. An russischen Feiertagen schicken Freiwillige aus Russland
ihren Soldaten Pakete in die Ostukraine. Die Mavkas nutzten die
Gelegenheit. Auch sie schickten ein Paket: als Dankeschön für die
Befreiung, im Namen des ukrainischen Volkes. Mit selbstgemachten Wodka –
gestreckt mit reichlich Abführmittel. „Die Soldaten werden eine harte Nacht
gehabt haben“, sagt Mavka und lacht. Doch drastischere Aktionen werden die
Zla Mavkas nicht durchführen. „Ich möchte diese Verantwortung nicht
übernehmen. Auch nicht für andere Frauen, denn wenn ihnen wegen mir etwas
passieren würde: Damit könnte ich nicht leben.“ Und: Wer in den von
Russland besetzten Gebieten bei einer Gewalttat erwischt wird, muss damit
rechnen, als Terroristin verurteilt zu werden.
## Eine Frage des Überlebens
Nicht alle Aktionen haben so viel Durchschlagskraft wie das Wodka-Geschenk.
Manche sind stiller. Ein Jahr lang produzierten die Mavkas jede Woche eine
Zeitung mit positiven Nachrichten aus der Ukraine. „Die Russen werden es
schon selbst erzählen, wenn etwas Schlechtes in unserem Land passiert ist.
Aber die guten Sachen erzählt dir keiner.“ Gedacht war die Zeitung
besonders für ältere Leute ohne Internetanschluss, um sie alternativ zur
russischen Staatspropaganda zu informieren. Inspiriert war die Zeitung von
Sophie Scholl, erklärt Mavka: „Wir dachten an die Geschichte der Weißen
Rose. Ein junges Mädchen, das Flugblätter gegen Hitler produziert. Leider
wurde sie ermordet, aber ihre Geschichte ist beeindruckend.“
Die Sabotageaktion, die Mavka am stolzesten macht, ist das Falschgeld. Die
Mavkas drucken falsche russische Banknoten und verteilen sie auf den
Straßen. Wenn Leute diese aufheben, werden sie schnell ukrainische Symbole
auf dem Geld erkennen. Es soll die Menschen in den besetzten Gebieten daran
erinnern, wo sie herkommen. Weil niemand an herumliegendem Geld
vorbeiläuft, erreichen sie damit viele: „Ich bin so stolz darauf, weil die
Aktion eine riesige Wirkung erzielt hat und so kreativ ist.“
In den besetzten Gebieten ist ein Leben ohne russische Papiere undenkbar.
Dass Ukrainer*innen dort die russische Staatsbürgerschaft annehmen, ist
Mavka zufolge eine Frage des Überlebens. Denn ohne gibt es keinen Zugang zu
staatlichen Hilfen, der Rente oder medizinischer Versorgung – auch wenn die
kaum noch vorhanden ist. Viele ukrainische Ärzt*innen haben die besetzten
Gebiete verlassen. Medikamente sind Mangelware und das Wenige, das in die
Apotheken gelangt, verschwindet oft, bevor es die Regale erreicht, erzählt
Mavka. Wenn es wirklich ernst wird, bleibt nur der Weg auf die Krim oder
nach Russland. Aber auch das, berichtet Mavka, ist nur mit russischem Pass
möglich.
Für Kinder ist die Besatzung eine schwere Belastung. Mavka berichtet von
einem Kind, das weinend aus der Schule nach Hause kam: Ein russischer
Soldat hatte der Klasse erklärt, ukrainisch zu sein bedeute, krank zu sein.
Das Kind fragte die Mutter: „Bin ich eine Krankheit?“
## Internationale Solidarität
Es ist ein Kampf im Verborgenen und Privaten, aber die Welt schaut zu. Denn
die Mavkas dokumentieren ihre Aktionen auf Social Media. [2][Auf Instagram]
folgen der Gruppe über 5.000 Profile, bei Telegram sind es über 11.000.
Anonyme Tagebucheinträge aus besetzten Gebieten werden dort veröffentlicht,
dazu Skizzen und Comics, die Frauen ihnen zuschicken: das Leben unter
Besatzung, gezeichnet von denen, die es erleben.
Auch Solidaritätsbekundungen finden sich dort: Menschen aus aller Welt
fotografieren das Symbol der Mavkas. Manche haben es aus Holz geschnitzt,
andere malen es sich wie ein Tattoo auf ihre Hände und Unterarme. Die
Fotografien zeigen das Symbol auf den Straßen von Donezk, vor einem Eisberg
in Grönland und zerbombten Häusern in Damaskus.
„Das bedeutet uns viel. Es zeigt uns, dass wir nicht allein sind“, sagt
Mavka. Manchmal posten sie auch Videos, in denen russische Flaggen in Brand
gesetzt werden, darunter der Satz: Heute brennt es dreifarbig.
27 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Belzig
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