# taz.de -- Kalte Luft
> Der Siegeszug der Klimaanlage begann in einer kleinen Druckerei in
> Brooklyn
von Bénoît Bréville
Hamilton ist nicht gerade für sein mildes Klima bekannt: An 129 Tagen
liegen die Temperaturen in der kanadischen Großstadt unter null, und nur an
18 Tagen wird es richtig warm. Trotzdem besitzen 82 Prozent der Haushalte
eine Klimaanlage. Nach US-amerikanischem Vorbild will die Kommune demnächst
sogar den Armen, die gesundheitliche Probleme haben, den Einbau einer
Klimaanlage bezahlen.[1]
Subventionen für Klimaanlagen in den USA? So abwegig ist das gar nicht,
wenn man etwa an die Hitzewelle denkt, die in diesem Sommer vor allem
Arizona, das südliche Kalifornien und Nevada heimgesucht hat, wo die
Temperaturen bis zu 48 Grad Celsius erreichten, und es selbst nachts kaum
abkühlte. Da ist es geradezu gesundheitsgefährdend ohne Klimaanlage: Von
Schlafstörungen und chronischen Kopfschmerzen über Bluthochdruck und
Atembeschwerden bis hin zu Lungeninsuffizienz und Schlimmerem reichen die
Beschwerden. Kein Wunder, dass im Süden der USA 97 Prozent der Haushalte
klimatisiert sind. In einigen Bundesstaaten wie Arizona gehören
Klimaanlagen sogar zur gesetzlich vorgeschriebenen Grundausstattung von
Mietwohnungen.
Auf die künstlich erzeugte Kühle schwört man aber nicht nur in den
trockenen und subtropischen Regionen, selbst in Vermont und Montana, wo man
eher gegen zu viel Schnee als Hitze kämpft, sind überall Klimaanlagen
eingebaut. In Wohnhäusern, Autos, Restaurants, Geschäften, Ämtern,
öffentlichen Verkehrsmitteln, Stadien, Fahrstühlen, Schulen, Sporthallen
und sogar Kirchen sorgen sie in jedem Winkel der Vereinigten Staaten das
ganze Jahr über für eine konstante Temperatur von etwas mehr als 20 Grad.
Selbst die US-Soldaten in Afghanistan haben ein klimatisiertes Zelt dabei.
Doch die Abhängigkeit hat einen hohen ökologischen Preis. Die
Treibhausgasemissionen, Kühlmittelzusätze und der Energieaufwand belasten
die Umwelt. In den USA fließen jährlich 6 Prozent des produzierten Stroms –
vor allem aus Kohlekraftwerken – und 20 Prozent des Haushaltsstroms in den
Betrieb von Klimaanlagen. 2015 war der Stromverbrauch für die
Gebäudekühlung in den Vereinigten Staaten so hoch wie der Gesamtverbrauch
des afrikanischen Kontinents. Hinzu kommt der Benzinverbrauch für die
Klimaanlagen in Autos, der jährlich bei 26 bis 38 Milliarden Liter
liegt.[2]
Im Juli 1960 – die brummenden Kästen begannen sich gerade in immer mehr
Privathaushalte einzunisten – staunte man in der Saturday Evening Post
schon über die „Revolution“ der Klimatisierung, die im frühen 20.
Jahrhundert zuerst für die Warenwelt entwickelt worden war und mittlerweile
den gesamten Globus erreicht hat (siehe Kasten).
Tatsächlich hat die Klimatisierung die Vereinigten Staaten nachhaltig
verändert und beeinflusst, vom Städtebau über Freizeit und Konsum bis hin
zu den sexuellen Gewohnheiten. Vor der Klimatisierung ging im April und
Mai, also neun Monate nach dem Hochsommer, die Geburtenrate stets deutlich
zurück. Doch seit sich die Innenraumtemperatur regulieren lässt, sind diese
saisonalen Schwankungen komplett verschwunden.[3]
Dabei ging es anfangs gar nicht um den individuellen Komfort, sondern erst
mal nur um den Schutz von Waren, genauer gesagt um das Papier der New
Yorker Druckerei Sackett-Wilhelms Lithographing & Printing Company. In
der feuchtwarmen Luft der Brooklyner Fabriketage konnte man kein Papier
lagern; schon nach kurzer Zeit ließ es sich nicht mehr bedrucken. Die Firma
beauftragte den jungen Ingenieur und Erfinder Willis Carrier (1876–1950),
ein Gerät zu entwickeln, das die Feuchtigkeit und Umgebungstemperatur
steuern sollte.
Carrier konstruierte eine Maschine, in der die angesaugte Luft durch ein
Kältemittel abgekühlt wurde. 1902 kam der Apparat auf den Markt und war
sofort ein Verkaufsschlager. Die Hersteller von Textilien, Tabak,
Teigwaren, Kaugummi, Mehl und Schokolade stürzten sich geradezu auf
Carriers genialen Airconditioner. In weniger als zehn Jahren führten alle
Branchen, in denen die Produktionsprozesse durch Temperaturschwankungen
beeinträchtigt wurden, klimatisierte Fabrikhallen ein.
Bis dahin hatte auch die Produktivität der Belegschaft, so die einschlägige
Erfahrung der Vorarbeiter, während der Hitzeperioden regelmäßig stark
nachgelassen; im Sommer verlangsamte sich nicht nur das Arbeitstempo,
manchmal blieben die Arbeiter einfach gleich zu Hause. Manche Unternehmen
führten zusätzliche Pausen oder einen früheren Arbeitsbeginn ein. Doch es
kam auch vor, dass die Fließbänder abgestellt werden mussten. In den 1920er
und 1930er Jahren warb die Carrier Corporation, die heute noch zu den
größten Herstellern von Kälteanlagen gehört, daher vor allem mit einem
Argument: „Fabriken mit Carrier-Anlagen stehen bei den Arbeitern hoch im
Kurs, und die Produktion läuft wie geschmiert“, hieß es in einer Reklame
von 1921. Oder acht Jahre später: „Die gesunde und angenehme Luft lockt
nicht nur exzellente Kräfte an, sie sorgt auch für ein gutes
Betriebsklima.“[4]
Die Zeichen der Zeit standen auf Taylorismus und Rationalisierung. Die
Arbeitgeber ließen untersuchen, bei welcher Temperatur in der Fabrikhalle
oder im Büro die größte Effizienz zu erwarten war. Und die US-Regierung
stellte bei ähnlichen Tests fest, dass die Produktivität in ihren
Schreibbüros ohne Klimatisierung im Sommer um 24 Prozent abnahm.[5]„Warum
kommen die besten Erfindungen und die größten wissenschaftlichen sowie
industriellen Fortschritte aus den gemäßigten Zonen?“, fragte Carrier auf
einem Werbeplakat, auf dem ein braun gebrannter Mann mit einem Sombrero
über dem Gesicht in der Sonne liegt. Die Antwort: „Weil die Menschen
jahrhundertelang unter der tropischen Hitze ihrer Energie beraubt wurden
und jeglichen Ehrgeiz verloren. Es gab keine Klimaanlage. Daher machten sie
Siesta.“ Und darunter das in Großbuchstaben geschriebene Fazit: „Temperatur
102 Grad Fahrenheit, Produktion 0.“[6]
Nach den Fabrikhallen kamen die Lichtspielhäuser. Im Sommer waren die
Kinosäle entweder gähnend leer oder wurden gleich dichtgemacht. Doch kaum
hatte die Kinokette Balaban & Katz 1917 in ihren Sälen in Chicago
Klimaanlagen einbauen lassen, strömten so viele Zuschauer in die
Vorführungen, dass sich die Investitionskosten innerhalb eines Sommers
amortisiert hatten. Die Konkurrenz zog alsbald nach. 20 Jahre später waren
drei Viertel der 256 Kinosäle in Chicago klimatisiert. Es dauerte nicht
lange, da standen auch vor den Kinos in New York, Houston und Los Angeles
bunte Allwetterschilder mit Eisbären, Eiswürfeln oder Schneeflocken und
Slogans wie „Drinnen ist es kühl“ oder „Konstant 20 Grad“. Die Sommerflaute
war passé, der Sommer-Blockbuster konnte kommen.
Und die Klimaanlage setzte ihren Siegeszug fort. Auf die Kinos folgten
Züge, Restaurants, Geschäfte, Hotels. Die großen Ketten gingen stets voran,
dann folgten die kleineren, und am Ende hatte selbst der Tante-Emma-Laden
um die Ecke eine Klimaanlage[7], um mit der Konkurrenz Schritt halten zu
können. Denn die Kunden freuten sich, der Sommerglut für einen Moment
entfliehen zu können, und machten einen großen Bogen um die überhitzten
Geschäfte.
Außerdem galten Klimaanlagen als gesundheitsfördernd. „Rein“ und „gesund“
sei die klimatisierte Luft, hieß es unisono in den Werbebotschaften und
amtlichen Verlautbarungen. In den Zügen verschwinde der Zigarettenrauch
„wie von Zauberhand“. Auch schwangere Frauen profitierten davon,
versicherte zumindest der Chicagoer Gesundheitsdienst und riet werdenden
Müttern im Sommer 1921, die Kinosäle von Balaban & Katz aufzusuchen. Dort
erwarte sie „reinere Luft als auf dem Pikes Peak“ in den Rocky Mountains.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte dann auch der Durchbruch in den
US-amerikanischen Privathaushalten. In den Zwischenkriegsjahren hatten
mehrere Unternehmen noch vergeblich versucht, den Verkauf von Klimageräten
an Privatkunden anzukurbeln. Zu laut, zu groß und vor allem zu teuer waren
die Anlagen, die nicht mehr als eine Handvoll wohlhabender Käufer fanden.
Der Wendepunkt kam 1951, als Carrier ein kleineres Klimagerät zu einem
erschwinglichen Preis auf den Markt brachte, das sich leicht am Fenster
installieren ließ. Die Verkaufskurve schnellte nach oben: 1960 waren
bereits 12 Prozent der Privathaushalte klimatisiert, 20 Jahre später 55 und
2005 über 80 Prozent. Heute sind fast 90 Prozent der Privathaushalte in den
USA mit einer Klimaanlage ausgestattet.
Die landesweit und schichtenübergreifend verbreitete Klimatechnik steigerte
zugleich deren Nachfrage. Das war besonders im Süden der USA zu spüren, der
lange nicht so stark urbanisiert war wie der Norden und zwischen 1910 und
1950 zehn Millionen Einwohner verloren hatte – vor allem schwarze Arbeiter,
die wegen der Rassengesetze und des Arbeitsplatzmangels in der
rationalisierten Landwirtschaft in den Mittleren Westen zogen.
Nach der offiziellen Abschaffung der Rassentrennung kehrte sich die
Situation in den 1960er Jahren um. Der bis dahin als unerträglich stickig
empfundene Süden war auf einmal wieder attraktiv. Man konnte die Sonne
genießen, ohne ihr schutzlos ausgeliefert zu sein, und die Firmen freuten
sich über das gewerkschaftsfreie und arbeitgeberfreundliche Umfeld.
Zwischen 1950 und 2000 stieg der Bevölkerungsanteil der Sun-Belt-Staaten
im Verhältnis zur US-Gesamtbevölkerung von 28 auf 40 Prozent. „Ohne
Klimatisierung wäre das Wachstum der Bevölkerung Floridas auf aktuell 18,5
Millionen Einwohner undenkbar gewesen“, meint der Historiker Gary
Mormino.[8]Es gäbe weder einen Freizeitpark Disney World in Orlando noch
die Kasinos von Las Vegas mitten in der Wüste Nevadas.
In Phoenix, Arizona, lebten 1930 etwa 50 000 Menschen. Heute hat die Stadt,
in deren Randbezirken der unwirtlichen Umgebung täglich mehr Bauland
abgetrotzt wird, 1,5 Millionen Einwohner. Die tagsüber von Beton und
Asphalt absorbierte Hitze wird nachts abgestrahlt. So kühlt es kaum ab. An
rund 30 Tagen im Jahr steigt das Thermometer auf weit über 40 Grad Celsius;
in den 1950er Jahren war das nur an sieben Tagen der Fall. Während der
diesjährigen Hitzewelle kletterte die Temperatur an drei
aufeinanderfolgenden Tagen im Juni sogar auf fast 50 Grad. Von morgens bis
abends brummen hunderttausende Klimaanlagen und emittieren Wärme, im
Schnitt ist es dadurch heute um 2 Grad wärmer als früher.[9]
Sicher lässt es sich auch ohne Klimaanlage im Süden der USA leben, und noch
vor 100 Jahren hat sich diese Frage gar nicht erst gestellt. Man passte
sich damals den klimatischen Bedingungen an. Die Geschäfte waren wie heute
noch im Süden Europas während der Mittagszeit geschlossen, die Kinder
bekamen hitzefrei, und nach dem Mittagessen freute man sich auf die Siesta.
Man stellte die Füße in eine Wanne kalten Wassers oder legte sich ein
feuchtes Tuch in den Nacken. Auch die Architektur richtete sich nach der
Hitze. Große Türen und Fenster sorgten für Luftzirkulation. Die Decken
waren hoch, die Zwischenwände dünn, und ein breiter Dachfirst schützte vor
der Sonne. Höher gelegte Holzdielen und schattige Veranden sorgten
zusätzlich für Kühlung. Der Deckenventilator verbrauchte nur einen
Bruchteil der Energie, den heute eine Klimaanlage verschlingt.
Seit den 1960er Jahren wird im Sun Belt fast genauso stromlinienförmig
gebaut wie in Pennsylvania oder Indiana: direkt auf den Boden
installierte Fertighäuschen mit schmalen Fenstern, moderne Glaskästen mit
zentraler Klimaanlage und Wolkenkratzer, deren Fenster sich nicht öffnen
lassen. Wegen der günstigen Grundstückspreise sind die Städte extrem in die
Breite gewachsen, weshalb man im Süden noch mehr auf das Auto angewiesen
ist als im Norden. Die „Amerikanisierung des Südens“ nennt der Historiker
Raymond Arseneault diese Nivellierung der regionalen Unterschiede durch
die Klimatisierung des Alltags.[10]
In Louisiana oder Alabama setzten sich ganztägige Öffnungszeiten in
Schulen, Geschäften und Büros durch. Die schattige Veranda, auf der man
sich früher traf und mit seinen Nachbarn plauderte, war Geschichte. In New
York verschwanden die Eiswürfelverkäufer von der Straße, und niemand legte
mehr im Sommer seine Matratze nachts auf den Balkon oder die breite
Außentreppe. Im Norden wie im Süden des Landes hatte sich bald jeder an den
Komfort der Klimatisierung gewöhnt.
Aus Sicht der meisten Amerikaner gehören Klimaanlagen einfach immer und
überall dazu. Als Übernachtungsgast in Seattle wird man Ihnen ganz
selbstverständlich die Klimaanlage in Ihrem Zimmer erklären, auch wenn die
Temperatur nachts nicht über 8 Grad Celsius steigt. Selbst in Alaska sind
fast ein Viertel der Hotels klimatisiert. Die Hitzetoleranz ist so stark
gesunken, dass sich viele Amerikaner mittlerweile bei Innentemperaturen
wohlfühlen, die die meisten Touristen als zu niedrig empfinden.
## Temperaturen für Männer im Anzug
Die Zeiten, als nur Luxushotels oder Zugabteile erster Klasse klimatisiert
waren, sind zwar schon lange vorbei. Doch der vornehme Nimbus gekühlter
Räume hat sich gehalten. In „Mode und Stil“vom 26. Juni 2005, einer
Beilage der New York Times, wurde eine Untersuchung über die Raumtemperatur
in Bekleidungsgeschäften veröffentlicht. Je kühler, umso exklusiver,
lautete das Ergebnis: Im Discounter Old Navy herrschten 26,8 Grad Celsius,
im vornehmen Macy’s waren es 22 und in der Luxusboutique Bergdorf Goodman
20 Grad.
Die Klimatisierung stößt damals wie heute jedoch nicht nur auf
Begeisterung. In den ersten Jahren bekamen Kino- und Ladenbesitzer
bitterböse Beschwerdebriefe wegen der Kälte. Und manche Südstaatler
verschmähten die Technologie als Import aus dem Norden, wo die Leute zu
verweichlicht seien und deshalb keine Hitze aushielten. Selbst Präsident
Roosevelt (1882–1945) hasste das von seinem Vorgänger installierte
Klimagerät: „Die vehemente Kritik, die er regelmäßig gegenüber der Presse
äußert, ist eine miserable Publicity für die Klimaanlage“, notierte die
Geschäftsleitung von Carrier.[11]
Zahlreiche Intellektuelle stimmten in den Chor der Kritiker ein, von Henry
Miller, der in der Klimaanlage ein Symbol für die Entfremdung des
Amerikaners von der Natur sah („Der klimatisierte Alptraum“, 1945), bis zu
dem Stadtforscher Lewis Mumford (1895–1990), der die Kontrollsucht des
Menschen über seine Umwelt anprangerte („The Pentagon of Power“, 1970).
Heute beklagen Umweltschützer die ökologischen Schäden der Klimatisierung,
und Wissenschaftler machen sie für die Fettleibigkeit verantwortlich. Ihr
Argument: Die Menschen essen bei kühlen Temperaturen mehr, bleiben eher zu
Hause, wo sie vor allem sitzende Tätigkeiten verrichten, und der Körper
muss keine Kalorien verbrennen, um sich aufzuheizen oder abzukühlen. Und
Feministinnen verweisen auf den Gendergap: Die Temperaturen in den Büros
richteten sich nur nach Männern im Anzug, während Frauen in Sommerkleidern
und Sandalen fröstelten.[12]Jeden Sommer wimmelt es in den sozialen
Netzwerken von Posts weiblicher – und manchmal auch männlicher – User, die
sich über die Kälte in den klimatisierten Gebäuden beschweren.
Die Klimatechnik hatte von Anfang an sehr einflussreiche Unterstützer: die
US-Regierung, die ab den 1960er Jahren Privathaushalte mit einer Prämie bei
der Anschaffung einer Klimaanlage unterstützte, Kreditanstalten, die von
Gewerbetreibenden höhere Zinsen für Kredite verlangten, wenn deren
Geschäfte nicht klimatisiert waren, Bauträger, die in ihren Plänen den
Einbau von Klimageräten automatisch integrierten, und last but not least
Energiegiganten wie General Electric.
Die Klimatisierung sorgte aber nicht nur für mehr Produktivität, Komfort
und Umweltprobleme. Sie trug auch zur Entseuchung der Südstaaten bei, in
denen damals noch tropische Krankheiten wie Gelbfieber oder Malaria
grassierten. Und die sommerliche Sterberate ging tatsächlich zurück:
Zwischen 1979 und 1992, als viele arme Amerikaner noch keine Klimaanlage
hatten, kamen bei Hitzewellen mehr als 5000 Menschen ums Leben. Im Sommer
1995 gab es allein in Chicago 500 Todesopfer. Mittlerweile sind die
Todeszahlen bei extremer Hitze glücklicherweise nicht mehr so hoch.
Klimaanlagen sind in Krankenhäusern und Operationssälen genauso
unverzichtbar wie für die Herstellung von Medikamenten, die eine
kontrollierte Umgebungstemperatur brauchen. Und auch das Internet würde
ohne die Kühlanlagen für Rechenzentren nicht funktionieren.
Den Einsatz von Klimaanlagen einzuschränken käme in den USA daher niemandem
in den Sinn. 2008 wollte die UNO mit gutem Beispiel vorangehen und erhöhte
die Temperatur in ihrem New Yorker Hauptsitz um 3 Grad. Doch die Initiative
fand kaum Nachahmer. Nur einige wenige Städte erließen halbherzige
Maßnahmen, um Exzesse einzudämmen. So versuchte 2015 die Stadt New York
Einzelhändler zu bestrafen, die bei laufenden Klimaanlagen ihre Türen offen
stehen ließen – ein alter Trick, um Passanten durch die kühle Brise
anzulocken.
Nach dem Reaktorunfall in Fukushima mussten die Japaner ihren
Stromverbrauch und damit auch die Klimatisierung drastisch reduzieren. Das
rief auch gleich wieder die Tayloristen auf den Plan: Ein Professor der
Tokioter Waseda-Universität ließ die nachlassende Produktivität von
Büroangestellten bei höherer Raumtemperatur messen. Er kam zu dem Ergebnis,
dass sie einem Arbeitszeitverlust von 30 Minuten pro Tag entsprach.[13]
1↑ Die öffentliche Beihilfe für Klimaanlagen belief sich 2011 in den USA
auf 269 Millionen Dollar, was einem Viertel der Heizkostenzuschüsse
entspricht. Siehe: „Low income home energy assistance program“, U. S.
Department of Health and Human Services, Washington, D. C., 2015.
2↑ Siehe: Stan Cox, „Cooling a warming planet: a global air conditioning
surge“, Yale Environment Magazine, 10. Juli 2012.
3↑ Alan Barreca, Olivier Deschenes und Melanie Guldi, „Maybe next month?
Temperature shocks, climate change, and dynamic adjustments in birth
rates“, Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn, November 2015.
4↑ Gail Cooper, „Air-Conditioning America. Engineers and the Controlled
Environment, 1900–1960“, Baltimore (Johns Hopkins University Press) 1998.
5↑ Gail Cooper, „Air-Conditioning America“, siehe Anmerkung 4.
6↑ Marsha E. Ackermann, Cool Comfort. America’s Romance with
Air-Conditioning, Washington, D. C. (Smithonian Institution Press),
2002.
7↑ Jeff E. Biddle, „Making consumers comfortable: The early decades of
air-conditioning in the United States“, The Journal of Economic History,Bd.
71, Nr. 4, Cambridge, Dezember 2011.
8↑ Zitiert in Stan Cox, „Losing Our Cool: Uncomfortable Truths About Our
Air-Conditioned World (And Finding New Ways to Get Through the Summer)“,
New York (The New Press) 2010.
9↑ Stan Cox, „Cooling a warming planet“, siehe Anmerkung 2.
10↑ Raymond Arsenault, „The end of the long hot summer: The air conditioner
and Southern culture“, The Journal of Southern History,Baton Rouge
(Louisiana), Bd. 50, Nr. 4, November 1984.
11↑ Marsha E. Ackermann, „Cool Comfort“, siehe Anmerkung 6.
12↑ Petula Dvorak, „Frigid offices, freezing women, oblivious men: An
air-conditioning investigation“, The Washington Post,23. Juli 2015.
13↑ Elisabeth Rosenthal, „The cost of cool“, The New York Times, 18. August
2012.
Aus dem Französischen von Markus Greiß
10 Aug 2017
## AUTOREN
(DIR) Benoît Breville
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