# taz.de -- Sci-Fi-Film „Resurrection“: China sehen … und sterben?
       
       > Mit „Resurrection“ ist Regisseur Bi Gan ein Meisterstück gelungen, das
       > das Kino selbst aufs Podest hebt. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt.
       
 (IMG) Bild: Ein Apfel? Vielleicht. Tai Zhaomei (Li Gengxi) in „Resurrection“
       
       Gut 130 Jahre ist es her, dass die Lumière-Brüder mit einer Vorführung in
       Paris die Geburtsstunde des Kinos einläuteten. Was anfangs von den beiden
       als „Ergänzung zur Fotografie“ erdacht wurde, entwickelte sich schnell zu
       einem weltweiten Siegeszug sondergleichen.
       
       Fast jeder erdenkliche Stoff wurde seitdem erprobt, raffiniert und
       gelegentlich auch auserzählt. Umso beachtenswerter ist es, wenn heute ein
       Regisseur seinen cineastischen Vorbildern Respekt zollt und gleichwohl
       seine völlig eigene Handschrift findet. Noch erstaunlicher ist es, wenn
       einem beim Gang ins Kino die Kinnlade gleich zweimal runterfällt. Der
       neuste Film des chinesischen Auteurs Bi Gan ist ein Exkurs in die
       (Film-)Geschichte, der staunen lässt.
       
       „Resurrection“, dessen chinesischer Originaltitel so viel wie „Wilde
       Zeiten“ bedeutet, ist zweifelsohne ein abenteuerlicher Ritt: durch die
       Zeiten genauso wie durch die Genres. Ebenso wie Bis zwei vorangegangene
       Werke, „Kaili Blues“ und [1][„Long Day’s Journey into Night“], lässt sich
       der Film nur schwer in klassische Kategorien einordnen, ist mal Sci-Fi, mal
       Historiendrama, mal Romanze. Es handelt es sich um eine freie Assoziation
       von Gedanken und Ideen, die ein großes Ganzes ergeben.
       
       Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstränge steht der sogenannte
       Fantasmer (Jackson Yee) – ein grotesk entstellter Ausgestoßener in einer
       futuristischen Gesellschaft, in der den Menschen die Unsterblichkeit winkt.
       Um ewig zu leben, muss die Fähigkeit zu träumen aufgegeben werden. Ein
       Angebot, das der Fantasmer ausschlägt, um mithilfe von Opium im Tiefschlaf
       seinen Sehnsüchten nachzugehen und der Realität zu entkommen. Ihn zu fangen
       und zu töten ist die Aufgabe seiner Gegenspielerin, der „Großen Anderen“
       (Shu Qi).
       
       ## Das Kino als Tempel der Träume
       
       Innerhalb des Prologs werden schnell zwei Dinge deutlich. Einerseits ist
       „Resurrection“ eine Liebeserklärung an das Kino selbst. Denn als die Große
       Andere den Fantasmer erwischt, entdeckt sie einen Filmprojektor in seinem
       Körper. Aus Mitleid mit seinem Schicksal schenkt sie ihm mithilfe einer
       eingelegten Filmrolle einhundert zusätzliche Jahre an
       Zelluloiderinnerungen, bis er das Zeitliche segnet. Das Kino wird für ihn
       somit zum erlösenden Tempel der Träume.
       
       Andererseits macht Bi Gan klar, dass er der richtige Mann für diese
       monumentale Hommage an seine eigene Kunstform ist. Der Film beginnt mit
       einer lodernden Flamme, die sich durch eine Leinwand brennt und ein
       neugieriges chinesisches Kinopublikum offenbart, das ebenso gebannt durch
       das Feuer in unsere Richtung starrt wie wir in die seinige. Plötzlich
       ertönt Orchestermusik, und die Menschenmenge hastet aus dem Saal, als wären
       sie Statisten in einem neu aufgelegten Stummfilm.
       
       Kurz darauf dringt die Große Andere in die Träume des Fantasmers ein.
       Während sie immer tiefer in seine Opiumhöhle hinabsteigt, werden die
       Kulissen um sie herum schemenhafter und die monströsen Schatten
       unheimlicher. Wer hierbei die Bühnenbilder des [2][„Dr. Caligari“] oder die
       langfingrige Silhouette des [3][„Nosferatu“] vor Augen hat, liegt völlig
       richtig. Im Interview mit der taz verrät Bi, dass er ein großer Fan des
       deutschen expressionistischen Films ist. „Nicht nur wegen der Ästhetik,
       sondern auch, weil er mich inspiriert.“ Für ihn fördere der Stil die „Angst
       und auch die Träumerei des echten Lebens“ zutage. Es sind zwei Elemente,
       die seine aktuelle Reise durch das turbulente letzte Jahrhundert Chinas
       maßgeblich prägen.
       
       ## Wie Tarkowski auf Steroiden
       
       In seinen Träumen schlüpft der Fantasmer in immer neue Rollen. Mal ist er
       der Assistent eines Musikers in einer ruchlosen Neo-Noir-Kulisse, mal ein
       von Zahnschmerzen geplagter Mönch in einem Tempel und mal ein Trickbetrüger
       auf der Suche nach dem großen Geld. Meisterhaft findet sich Schauspieler
       Yee in jeden dieser Charaktere ein. Bi lenkt dabei den Fokus auf ständig
       wechselnde Aspekte: Jeder der Träume spricht einen unterschiedlichen Sinn
       an und lässt dabei die Episoden des 20. Jahrhunderts miteinander
       verschwimmen.
       
       „Ich will, dass die Zuschauer den Film nicht nur mit ihren Augen
       wahrnehmen, sondern intuitiv und instinktiv“, verrät der Regisseur. Das
       soll zum Nachdenken anregen – auch über die eigene Existenz.
       
       Die Einflüsse von Bi Gan sind vielfältig und reichen von den [4][surrealen
       Traumwelten David Lynchs] bis zum [5][taiwanischen New-Wave-Kino von Hou
       Hsiao-hsien]. Sein selbsterklärter größter Vordenker bleibt jedoch der
       russische Avantgardist Andrei Tarkowski mit seiner poetischen Filmsprache.
       „Er ist in die metaphysischen Fragen des Lebens eingetaucht und hat mich
       dazu inspiriert, diesen Themen nachzugehen.“
       
       ## Spektakulärer Farbwechsel mitten im Traum
       
       Immer wieder tritt der Einfluss des Altmeisters in Erscheinung, etwa als
       ein Musiker Bachs Kirchenlied „Komm, süßer Tod“ auf dem Theremin anstimmt
       (ähnlich prägnante Bach-Bezüge finden sich in Tarkowskis Filmen). Doch ehe
       wir zu lange in diesen süßlichen Reminiszenzen verweilen, zieht Bi schon
       das nächste Ass aus dem Ärmel: ein Schuss aus dem Nichts, ein Stich ins Ohr
       oder eine Kerze, die langsam dahinschmilzt.
       
       Das Herzstück von „Resurrection“ bildet zweifelsohne der vorletzte Traum,
       der sich beinahe über das gesamte letzte Viertel des Films erstreckt. Der
       Fantasmer wacht als junger Halbstarker namens Apollo am letzten Abend des
       Jahres 1999 auf, wo ihm die scheinbar gleichgesinnte Tai Zhaomei (Li
       Gengxi) begegnet, deren wahres Wesen sich ihm erst im Laufe der Nacht
       offenbart.
       
       Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum diese fast 40-minütige Sequenz
       so aus dem Rest des Films hervorsticht. Etwa wegen des spektakulären
       Farbwechsels von Rot zu Blau, der sich fast genau zur Hälfte des Traums
       vollzieht, als Apollo ein Fenster eintritt und damit in eine fremde Welt
       eintaucht. Oder aber die hoffnungslose Liebe, die das Aufeinandertreffen
       von ihm und Tai entfacht. Was die Szene so prägnant macht, ist jedoch ein
       anderer Umstand. Denn die Reise durch die Nacht ins neue Jahrtausend kommt
       ohne einen einzigen Schnitt aus.
       
       ## In Überlänge zum Cannes-Erfolg
       
       Der Longtake ist zu einer Art Markenzeichen von Bi geworden. In jedem
       seiner drei bisherigen Spielfilme kommt eine ununterbrochene Szene vor, die
       sich über mehr als eine halbe Stunde erstreckt. Auch darüber hinaus gibt es
       viele Parallelen zwischen seinen Werken. Für gewöhnlich geht es um
       Protagonisten, die am Rande der Legalität operieren und mit Gangsterbossen
       aus dem Unterbauch der chinesischen Gesellschaft aneinandergeraten, die oft
       auch eine Vorliebe für Karaokesingen haben.
       
       Es geht um Menschen auf der Suche: nach Verwandten, verflossenen
       Liebschaften oder manchmal auch einfach nur nach Hoffnung in einer diffusen
       Welt. Und es geht um das Unbewusste, das immer wieder rauschhaft nach oben
       sprießt.
       
       Wie ein Kaleidoskop setzen sich diese geteilten Motive in seinen Werken neu
       zusammen und bringen dadurch immer wieder ungeahnte Nuancen hervor. „Jeder
       meiner Filme hat einen anderen Akzent, auch wenn die Filmsprache gleich
       bleibt“, so Bi Gan im Gespräch.
       
       „Resurrection“ ist ein Film, der einen nicht bei der Hand nimmt, sondern
       einfach mit sich reißt. Man muss sich auf die lose zusammengenähten
       Gedankenteppiche einlassen, mit denen Bi den Kinosaal nach und nach
       auskleidet. Was genau sie offenbaren, bleibt oft vage, als wäre man selbst
       gerade aus einem Traum erwacht. Aber eines kann man sich bei seinem
       Kinobesuch gewiss sein: etwas ganz Großem beigewohnt zu haben. [6][Im
       Wettbewerb von Cannes gewann er dafür 2025 den Sonderpreis der Jury].
       
       Dem Fantasmer dabei zu beobachten, wie er durch Chinas Epochen stolpert,
       hat etwas Herzzerreißendes und Versöhnliches zugleich. Und vielleicht
       werden unsere Nachkommen in hundert Jahren sagen, dass Bi damit etwas
       gelungen ist, von dem er selbst bislang nur zu träumen wagen dürfte: ein
       Stück Filmgeschichte zu schreiben.
       
       23 Jun 2026
       
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