# taz.de -- Viraler Hit „Gut genug“: Kein Sommermärchen
       
       > Der deutsche Song von Kitschkrieg, Blumengarten und Shirin David geht um
       > die Welt. Trotz schöner Message ist der Hintergrund nicht nur
       > märchenhaft.
       
 (IMG) Bild: Einige fordern, Shirin Davids (2. v. l.) Rappparts zu kürzen
       
       Es ist da: Das Sommermärchen, auf das alle gewartet haben. Doch das
       deutsche Wunder, das gerade vor allem in den USA gefeiert wird, [1][hat
       nichts mit Fußball zu tun], sondern mit einem Lied.
       
       [2][US-Superstar Lizzo] steht in Bikini auf einer Yacht und tanzt, hinter
       ihr die Weiten des blauen Himmels, die am Horizont mit dem dunkelblauen
       Meer verschwimmen. In dem Video ist nicht ihre Stimme zu hören, sondern
       eine hohe Männerstimme, die singt: „Du bist gut genuuuug.“ Ihr
       Lip-Sync-Video zum eingängigen Sound wurde bei Tiktok millionenfach
       angeklickt und ist nur ein Beweis von vielen dafür, wie der deutsche Hit
       der Berliner Produzenten Kitschkrieg, gesungen vom Indie-Duo Blumengarten
       und der Rapperin Shirin David, international viral geht.
       
       In Deutschland steht das Lied mittlerweile auf Platz 1 der Charts,
       international geht vor allem der Refrain viral. Der Schnipsel, in dem der
       Sänger von Blumengarten, Rayan, die empowernden Worte in Kopfstimme singt,
       füllt die Timelines bei Instagram und Tiktok. Musiker_innen wie Elle
       Goulding oder Steve Lacy singen es nach, der Rapper Wiz Khalifa hinterlegte
       ein Video bei Instagram mit dem Song und zahlreiche Memes bauen auf der
       Hook des Songs auf. Während in den USA viele statt der vier Worte „Doobie
       Scoot Canoe“ singen, gehen in Deutschland Videos mit alternativen Lyrics
       wie „Arbeitszeitbetruuuug“ herum oder Schüler_innen versuchen, mit dem
       Originalsound ihren Kamerad_innen vor den Zeugnissen etwas Trost zu
       spenden.
       
       Was für eine schöne Geschichte, möchte man meinen. Pünktlich zur Fußball-WM
       der Herren wird ein deutscher Song zum Sommerhit. Und dann auch noch einer
       mit so einer schönen Message. Doch so märchenhaft, wie es auf den ersten
       Blick erscheint, ist die Geschichte hinter dem Song nicht.
       
       ## Zwischen Gewalt und Optimierungswahn
       
       Eigentlich hätte der Release des Songs schon im Januar passieren sollen, er
       war als Single-Auskopplung vom Kitschkrieg-Album geplant. Doch auf Wunsch
       vom Sänger Rayan wurde er in den Sommer verschoben, denn er musste sich
       erst einmal um etwas anderes kümmern. Seine Ex-Freundin hatte ihm in einem
       mittlerweile gelöschten Video vorgeworfen, sie in der damaligen Beziehung
       manipuliert zu haben und ihre Erfahrungen und Traumata für seine Lyrics zu
       nutzen. Später entschuldige Rayan sich für sein damaliges Verhalten und
       stritt jedoch jede Form von Missbrauch und Gewalt ab.
       
       Die Produzenten von Kitschkrieg haben in der Vergangenheit immer wieder mit
       Musikern zusammengearbeitet, gegen die es Gewaltvorwürfe gibt oder die mit
       frauenfeindlichen Texten aufgefallen waren. Einer davon ist der Rapper
       Gzuz, der eine Haftstrafe absitzen musste, weil er einer Frau ins Gesicht
       geschlagen hatte.
       
       Mit diesen Vorwürfen im Hintergrund verliert der Song schon etwas von
       seiner Leichtigkeit. [3][Dazu kommt, dass die einzig beteiligte Frau an dem
       Hit einen Shitstorm erlebt]. In sozialen Medien fordern einige eine Version
       ohne die Rap-Parts von Shirin David. Dabei sind es ihre Parts, die dem Song
       überhaupt erst seine Stärke verleihen. Wie wenn sie rappt: „Für die meisten
       bin ich Miss Bauch, Beine, Po / Doch mir selbst sag’ ich jeden Tag: Bleib
       einfach du“. Ausgerechnet die [4][Königin des Optimierungswahn Heidi Klum]
       schrieb bei Instagram, ihr gefalle „nur sein Part“ und bezog sich damit auf
       die Falsettstimme von Rayan.
       
       Und überhaupt: Nur weil ein Song gerade viral geht, heißt es nicht
       automatisch, dass er von Millionen Menschen gefeiert wird. Mittlerweile
       haben sich PR-Praktiken durchgesetzt, in dem mithilfe von Bots
       Kommentarspalten und Timelines mit Schnipseln von Songs geflutet werden, um
       so künstlich einen viralen Hit erstellen zu lassen. Nur damit dann auch
       „echte“ Accounts aufspringen. Einige kometenhafte Aufstiege von
       Musiker_innen und Songs lassen sich damit erklären.
       
       Vielleicht ist auch diese Geschichte des deutschen Sommerhits kein
       wundersames Märchen. Aber an der Message des Liedes ändert das natürlich
       nichts. Und gerade im Sommer, wenn wieder überall die Arbeit für den
       perfekten Beach Body propagiert wird, können wir uns das Mantra gar nicht
       oft genug anhören. Bei all dem Schönheitswahn gilt: Du bist gut genuuuug.
       
       22 Jun 2026
       
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