# taz.de -- Wahlkampfthema Verkehr: Mit Sicherheit hoch umstritten
       
       > Wie erreicht Berlin mehr Verkehrssicherheit und weniger Unfalltote? Die
       > Herangehensweisen unterscheiden sich sehr, wie eine Grünen-Anfrage zeigt.
       
 (IMG) Bild: Überwachung hilft – aber nicht unbedingt in kleinen Dosen (hier bei einem einwöchigen Blitzermarathon im April)
       
       Normalerweise richten Berlins Abgeordnete ihre schriftlichen Anfragen an
       die thematisch zuständige Senatsverwaltung. Die Grünen-Abgeordnete Antje
       Kapek hat sich jetzt jedoch direkt an den Regierenden Bürgermeister Kai
       Wegner gewandt, um von ihm zu erfahren, wie es um die Sicherheit auf den
       Berliner Straßen stehe. Wegner habe schließlich persönlich bei seinem
       Amtsantritt „mehr Sicherheit in Berlin“ versprochen. Und da liegt aus Sicht
       der Grünen vieles weiterhin im Argen.
       
       Tatsächlich hat die Senatskanzlei direkt geantwortet und nicht an
       Mobilitätssenatorin Ute Bonde verwiesen – vielleicht weil die nächsten
       Wahlen anstehen und Kai Wegner beweisen will, dass er ein echter Kümmerer
       ist. Zufrieden ist Kapek mit der Rückmeldung aus dem Roten Rathaus aber
       mitnichten.
       
       Der Senat habe die Herausforderung in Sachen Verkehrssicherheit „in seiner
       Gesamtheit angenommen“, schreibt Senatskanzlei-Chef Florian Graf – und
       verweist auf [1][eine Zahl, die ihm recht zu geben scheint]: „Nach 55
       Verkehrstoten in Berlin im Jahr 2024 gab es im Jahr 2025 18 Fälle weniger.“
       Das klingt nach einem großen Schritt in Richtung der viel beschworenen
       „Vision Zero“. Nicht für Antje Kapek: „Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr
       liegt vor allem an dem Extremwert 2024 und stellt keine positive Tendenz
       dar“, so die verkehrspolitische Fraktionssprecherin.
       
       Tatsächlich war 2024 ein besonders negativer Ausreißer. In den beiden
       Jahren davor waren 34 (2022) und 33 (2023) Personen im Straßenverkehr ums
       Leben gekommen. „Andere Städte wie Bologna oder Helsinki zeigen, dass die
       Vision Zero erreichbar ist – und nicht nur ‚ein langfristiges Ziel‘“, als
       das die Senatskanzlei sie beschreibe, so Kapek. Dass der Senat die Zahl der
       Getöteten und Schwerverletzten bis 2030 „stetig und nachhaltig reduzieren“
       wolle, bleibe „faktisch ein Lippenbekenntnis“.
       
       ## Bauen oder appellieren?
       
       Denn die entscheidende Frage, über die auch in den kommenden Monaten wieder
       heiß debattiert werden dürfte, lautet, ob die Gefahren durch das Auto
       mittels Bautätigkeit und schärferen Regeln ausgebremst werden müssen – oder
       ob im Grunde auch Appelle und Verkehrserziehung reichen.
       
       „Der Regierende Bürgermeister ist weiterhin davon überzeugt, dass nur ein
       besseres Miteinander aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer,
       gegenseitiger Respekt und Achtung voreinander zu einer höheren Sicherheit
       im Straßenverkehr und im öffentlichen Raum führen wird“, heißt es in der
       Antwort an Kapek. Die meint: „Tempo 30, sichere Radwege, der Umbau von
       Kreuzungen und konsequente Kontrollen“ seien die „wirksamsten
       Stellschrauben für mehr Sicherheit“. Die CDU betreibe dagegen
       „Auspuffpolitik aus Radwegestopp, Kiezblockstopp und [2][Tempo 50 um jeden
       Preis]“.
       
       In der Senatskanzlei setzt man dagegen große Stücke auf das
       „Verkehrssicherheitsprogramm 2030“, das im vergangenen Jahr beschlossen
       wurde und sich in der Umsetzung befinde. Zentraler Schwerpunkt darin sei
       das „Handlungsfeld Mensch“, das Präventionsmaßnahmen wie Schulungen
       umfasse. Die zielten darauf ab, „das Bewusstsein für Gefahren im
       Straßenverkehr zu schärfen und sicheres Verhalten zu fördern“. Für die
       Grüne Kapek ist das „letztendlich nicht viel mehr als eine freundliche
       Bitte an die Verkehrsteilnehmenden, sich an die Regeln zu halten“.
       
       ## „Die Zeit des Autos ist vorbei“
       
       Antje Kapek verweist immer wieder darauf, dass in Berlin „die Zeit des
       Autos vorbei“ sei. Die jüngsten Zahlen scheinen ihr recht zu geben: In
       Beantwortung einer weiteren Anfrage hat ihr die Senatsverkehrsverwaltung
       kürzlich mitgeteilt, dass die Quote der privaten Pkws pro 1.000
       Einwohner:innen auf rekordverdächtige 275 gefallen ist – damit hätte
       kaum mehr als jede vierte Berliner:in ein eigenes Auto.
       
       Es ist der geringste Wert seit 2008, früheres Datenmaterial liegt der
       Senatsverwaltung nach eigener Aussage nicht vor. Den Höchststand in diesem
       Zeitraum markiert das Jahr 2016 mit 290 privaten Pkws pro 1.000
       EinwohnerInnen.
       
       Die Entwicklung rührt aber nur zum kleineren Teil daher, dass die Zahl der
       privat zugelassenen Pkws sinkt – was sie durchaus tut: Nachdem die
       Millionenmarke im Jahr 2010 übersprungen war, erreichte der Bestand im Jahr
       2021 ein Maximum von 1,099 Millionen, um dann bis 2025 auf 1,075 Millionen
       leicht zu fallen. Gleichzeitig ist aber die Berliner Bevölkerung stark
       gewachsen. Laut Kapek haben damit rein rechnerisch die jüngsten 150.000
       Neuberliner:innen kein einziges zusätzliches Auto gebraucht.
       
       Wie immer bei Statistiken muss man aber auf die Feinheiten achten. So sind
       laut Kraftfahrtbundesamt rund 150.000 weitere Pkws in Berlin unterwegs, die
       nicht auf Privatpersonen zugelassen sind, aber natürlich trotzdem Raum in
       Anspruch nehmen. Dazu zählen aktuell fast 10.000 Sharing-Pkws, die ganz
       überwiegend privat genutzt werden dürften. Und natürlich dürfte auch
       [3][ein beträchtlicher Teil der rund 300.000 Pendler:innen] aus
       Brandenburg regelmäßig mit dem Auto nach Berlin kommen.
       
       Keinerlei Daten hatte die Verkehrsverwaltung übrigens, um Kapeks Frage zu
       beantworten, wie sich Länge, Breite, Gewicht und Leistung des privaten
       Berliner Fuhrparks über die Jahre entwickelt hat. Relevanz hat das unter
       anderem, weil mit stetig wachsenden Maßen die rechnerische Zahl von
       Parkplätzen sinkt, während steigende Leistung im Zusammenhang mit Rasen und
       schwereren Unfällen steht. Vielleicht kann ja eine künftige grüne
       Verkehrssenatorin hier für mehr Aufklärung sorgen.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/polizei/aufgaben/verkehrssicherheit/verkehrsunfallstatistik/
 (DIR) [2] /Schwarz-Rot-und-Tempo-30/!6105036
 (DIR) [3] /EU-Bericht-Staedte-unternehmen-zu-wenig-gegen-Autos/!6150831
       
       ## AUTOREN
       
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