# taz.de -- Sport in Mexiko-Stadt: Ein kleines Stück Utopie
       
       > Am Rande von Mexiko-Stadt, in einem der prekärsten Stadtbezirke, gibt es
       > die Utopía Libertad. Es ist ein Zentrum, in dem Sport für alle angeboten
       > wird.
       
 (IMG) Bild: Ein Hoch auf die Utopía Libertad: Wandgemälde in Iztapalapa
       
       Der Ort heißt [1][Utopía Libertad], Utopie Freiheit. Man muss ein ganzes
       Stück zurücklegen aus dem Zentrum von [2][Mexiko-Stadt], um in diese
       bessere Welt zu gelangen. Erst mit der Metro, dann mit dem Bus, gut
       eineinhalb Stunden dauert die Fahrt. Denn die Utopie Freiheit befindet sich
       in Iztapalapa, einem der prekärsten und am meisten von Gewalt betroffenen
       Bezirke von Mexiko-Stadt, den viele Bewohner:innen des gentrifizierten
       Stadtzentrums eher selten aufsuchen.
       
       Man sieht [3][Iztapalapa] die Prekarität an, trotzdem wirkt es würdevoll,
       auch optisch. Die Wände der Häuser sind heute mit bunten Murals dekoriert,
       Ergebnis eines Projekts, um Iztapalapa lebenswerter zu machen. Es ist mehr
       als nur ein Übertünchen von Armut.
       
       Die Utopía Libertad befindet sich – man kann das ironisch finden – direkt
       angrenzend an die Mauer des lokalen Gefängnisses. „Feministischer
       Antikapitalismus“, verkündet dort ein Mural. Gefängnisse hat dieser
       Antikapitalismus offenbar nicht abschaffen wollen. Aber doch wurde einiges
       geschafft. Die Utopie Freiheit ist ein Park, der auf den ersten Blick gar
       nicht so besonders wirkt. Menschen gehen dort an diesem Samstagnachmittag
       mit ihren Hunden spazieren, eine Gruppe Jungs spielt Fußball auf einer
       Multifunktionsfläche.
       
       Direkt daneben sind ältere Erwachsene in eine Partie Tennis vertieft und
       ein Plakat kündet vom nächsten Golfturnier. So weit, so alltäglich. Doch
       viele, die in der Utopie Freiheit etwa Tennis oder Golf spielen, würden in
       einem normalen Klub niemals auftauchen. Die Sportler:innen kommen aus
       der prekären Nachbarschaft, hatten oft mit den Sportarten der Reichen und
       Mächtigen nichts zu tun – bis das kostenlose Angebot kam. Die Sportgeräte
       kann man ebenfalls umsonst nutzen. Wie fast alles in der Utopía.
       
       ## Kostenlose Gemüsegärten
       
       Ana Melgar, die Koordinatorin der Utopie, braucht eine Weile, um
       aufzuzählen, was es hier alles ohne Bezahlung gibt. Einen Gemüsegarten,
       dessen Produkte für gesunde Küche genutzt werden, einen kleinen Hof, damit
       die Stadtkinder mit Tieren in Berührung kommen. Musikunterricht, Zeichnen,
       Basteln, Frühförderung, Tanzen und eine indigene Schwitzhütte; auch deren
       Besuch können sich prekär lebende Menschen sonst oft nicht leisten.
       
       Es gibt ärztliche Versorgung, Zahnärzt:innen, Psycholog:innen, Programme zu
       kritischer Männlichkeit für Jungs. Dann sind da eigene Räume für
       Senior:innen und Reha-Angebote für Menschen mit Behinderung, der
       Wäschereiservice, eine eigene Tortillería mit pestizidfreiem Mais,
       Unterstützungsprogramme bei der Eröffnung eines Business, ein Planetarium.
       Und eben der riesige Sportbereich, der auch noch ein Schwimmbad,
       Trampoline, Beachvolleyball und Kurse im Karate, Capoeira und Tai-Chi
       umfasst. Alles umsonst.
       
       „Diese Projekte sollen den verletzlichsten Menschen in Mexiko-Stadt Räume
       und Qualitätsangebote bieten“, sagt Ana Melgar. „Aber alle Utopien sind
       anders“, schiebt sie nach. „Wie sie gestaltet sind, entscheiden die
       Versammlungen.“ Denn nein, die Utopía Libertad ist nicht die einzige.
       Mexiko-Stadt ist ein Ort, von dem derzeit vielleicht eine Revolution des
       öffentlichen Daseins ausgeht.
       
       Die Idee dazu stammt von [4][Clara Brugada], aktuell Bürgermeisterin von
       Mexiko-Stadt und davor Bezirksbürgermeisterin für Iztapalapa. Sie ließ sich
       bei einem Besuch in Kolumbien von kostenlosen Gesundheits- und
       Gemeinschaftszentren inspirieren. Die Idee der Utopías ist noch
       ambitionierter: Orte, die gesellschaftliches Dasein nicht mehr
       kapitalistisch begreifen. Wo die Prekärsten Zugang zu hochwertigen
       Angeboten haben. Und soziale Netze knüpfen.
       
       ## Schafft Hundert Utopías!
       
       Hier am äußersten Rand der Metropole begann Brugadas Team vor einigen
       Jahren mit dem Projekt. In Iztapalapa allein gibt es derzeit 15 Utopien,
       eine weitere soll bald öffnen; bis zum Ende von Brugadas Amtszeit als
       Bürgermeisterin sollen in ganz Mexiko-Stadt 100 Utopías entstehen. Wie die
       aussehen, werde basisdemokratisch in Versammlungen entschieden, berichtet
       Ana Melgar. „Und wenn jemand sagt: Ich hätte gern Bogenschießen, dann bauen
       wir das ein. Denn dann wird das Angebot auch genutzt.“ Vor allem gehe es
       darum, Sportarten einzubauen, zu denen sonst der Zugang erschwert sei. Die
       Nachfrage sei so hoch, „dass die Utopía sich schon klein anfühlt“.
       
       Es klingt nach einer eindrucksvollen Idee – aber auch nach einer teuren.
       100 Millionen Pesos koste die Errichtung jeder Utopie, geben Melgar und ihr
       Kollege, Programmleiter Eduardo Tapia, an. Rund fünf Millionen Euro, alles
       bezahlt aus städtischen Mitteln. Dann seien da noch die laufenden Kosten;
       86 Menschen arbeiten derzeit in der Utopía Libertad.
       
       Immer wieder bringt das Brugada den Vorwurf ein, Steuergelder zu
       verschwenden, für ein Megaprojekt, dessen Effekt sich kaum seriös messen
       lässt. „Natürlich gibt es Widerstand“, räumt Tapia ein. „Aber die meisten
       Leute, die über Steuerverschwendung schimpfen, waren nie in einer Utopía.
       Wir versuchen, ihnen nicht zu widersprechen, sondern ihnen unsere Arbeit zu
       zeigen.“ Und natürlich ist es auch eine klassistische Kritik – von jenen,
       die Menschen in Iztapalapa vielleicht gerade noch zugestehen, über die
       Runden zu kommen, aber nicht, sich dem Tennis oder Golfsport zu widmen.
       
       Und das tun nun sehr viele. An einem normalen Tag werde die Utopie Freiheit
       von 1.200 bis 1.800 Menschen genutzt, sagt Tapia. 3.000 Menschen pro Woche
       besuchten das Planetarium, rund 80 Frauen die Frauenberatung, und rund 500
       gesunde Essen zum günstigen Preis von rund 50 Cent würden ausgegeben. Die
       Abhängigkeit von staatlichen Mitteln birgt aber auch ein nicht
       unwahrscheinliches Risiko: dass eine rechte Regierung womöglich vieles
       wieder einstampft und verfallen lässt.
       
       Vorerst blüht und gedeiht die Utopie. Die beliebtesten Aktivitäten seien
       Tennis, Beachvolleyball und Fußball, erzählt Ana Melgar. „Aber jedes
       Angebot hat seine Zeit. Jetzt am Nachmittag ist der Sozialbereich leer,
       denn die Mütter und die Senior:innen kommen morgens. Morgens ist dafür
       der Sportbereich leer.“ Seit Februar 2023 ist die Utopía Libertad offen.
       Man habe es geschafft, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, sagt Melgar.
       
       Selbst auf schwierigen Feldern wie kritischer Männlichkeit. „Die Jungs
       kommen nicht von allein, wir müssen sie ansprechen und einbinden. Aber wenn
       ein Kumpel eine gute Erfahrung gemacht hat und seine Freunde zu einem
       Workshop einlädt, dann kommt man weiter.“ Tapia ergänzt, man versuche auch,
       Leute, die regelmäßig herkommen, ins Team zu integrieren und ihnen eine
       Jobchance zu geben. Das erklärt die vielleicht etwas überdimensioniert
       wirkende Zahl von 86 Mitarbeiter:innen.
       
       ## Brachland vor Gefängnismauern
       
       Bevor die Fläche sich in die Utopie Freiheit verwandelte, war sie Brachland
       vor den Gefängnismauern. Ein schmutziges Areal, wo Menschen achtlos Müll
       entsorgten und wo es in der Trockenzeit regelmäßig brannte, erzählt Eduardo
       Tapia. Nun ist die Gefahr gebannt – und in einen Ort verwandelt, der den
       Anwohner:innen einen fast geldfreien Ort der Freude und auch des Luxus
       bietet. Was ist Utopia, wenn nicht das?
       
       Tatsächlich kommen viele Menschen, die an diesem Samstagnachmittag hier
       Sport treiben, regelmäßig. Und es mag Ausweis eines gelungenen linken
       Projekts sein, dass sie nicht aus ideologischen Gründen hier sind, sondern
       ganz pragmatisch. „Ich mag, dass hier alles so sauber und ordentlich ist“,
       sagt etwa Tennisspieler Juan, dessen Gruppe das Areal dreimal pro Woche
       nutzt. „Ich komme her, weil es für uns der nächstgelegene Park ist“, sagt
       Familienvater Javier, der ein- oder zweimal pro Woche mit seinem kleinen
       Sohn zum Fußball- oder Basketballspielen hier ist.
       
       Teenagerin Sofia ist vor einem Jahr aus den USA nach Mexiko zurückgekehrt.
       Sie sei anfangs jeden Tag hergekommen, jetzt immer noch fünf Tage die
       Woche. Die Utopía scheint ein wichtiger Ort der Ankunft für sie zu sein.
       Sofia spielt Tennis und füttert die Tiere auf der Ranch. Mit Tennis habe
       sie in ihrem High-School-Team in den USA angefangen. „Wir lebten dort
       legal, aber die Situation wurde immer schlimmer. Und wir wussten, dass wir
       in unserem Heimatland willkommen sein würden.“ An der Utopía Libertad
       gefällt ihr, dass fast alles umsonst ist. „Man kann so viele Aktivitäten
       machen. Viele meiner Freund:innen kommen her. Und ich habe so viele tolle
       Leute hier kennengelernt.“
       
       Wer will solche Effekte in Zahlen messen? Programmleiter Eduardo Tapia
       sagt, die Kriminalität in Iztapalapa sei in den vergangenen Jahren deutlich
       zurückgegangen. Ausschließlich auf die Utopías will er das aber nicht
       zurückführen, es habe noch andere Projekte gegeben. „Wir versuchen,
       Menschen auch soziale Rehabilitation zu bieten. Diese Orte sollen das
       gesellschaftliche Netz stärken.“ Und im Golf, Tennis und vor allem im
       Schwimmen gebe es jetzt einige Besucher:innen, die mittlerweile auf gutem
       Niveau an Wettkämpfen teilnähmen. Der Park bietet etwas sehr Seltenes:
       gleichen Zugang zu Sport, Kultur und ärztlicher Versorgung. Er schafft
       nicht den Kapitalismus ab. Aber er nivelliert Folgen.
       
       Und im besseren Fall entsteht eine tatsächliche [5][Utopie des
       Sporttreibens]. Während der Olympischen Spiele, erzählt Tapia, habe man
       hier die Utopiolympiaden abgehalten. „Alle Utopías nahmen in verschiedenen
       Disziplinen teil. Der beliebteste Sport war Schwimmen. Dann gab es Karate,
       Bogenschießen und so weiter. Und am Ende eine Medaillenzeremonie. Das
       sportliche Niveau ist mittlerweile so, dass wir auch außerhalb
       konkurrenzfähig sind.“ Die Utopie Freiheit mag weit weg vom Stadtzentrum
       liegen. Aber manchmal wandert Revolution ja auch von den Vororten ins
       Zentrum.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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