# taz.de -- Bildhauerin Marisol im Kunsthaus Zürich: Familie ist nie einfach
       
       > Verschlossene Formen und sprechende Details zeichnen die Figuren der
       > Bildhauerin Marisol aus. Das Kunsthaus Zürich stellt ihr Werk vor.
       
 (IMG) Bild: Blick in die Ausstellung mit „Baby Girl“ vorne, „The Car“ und „Mi Mama y Yo“ im Hintergrund
       
       Manchmal arbeitet die Gegenwart dem Verständnis von Kunst der Vergangenheit
       zu. Die Zeit scheint jetzt erst reif für die 2016 im hohen Alter
       verstorbene Marisol: Unter den mehr als hundert Werken, die das Kunsthaus
       Zürich von der venezolanisch-US-amerikanischen Bildhauerin zeigt, finden
       sich Themen von heute, wie Migration, Rassismus, die Identität als
       Künstlerin und die Suche nach einer anderen Verbundenheit mit den nicht
       menschlichen Lebewesen.
       
       Geboren 1930 in Paris als Kind wohlhabender Venezolaner wuchs Maria Sol
       Escobar, die sich später Marisol nannte, zwischen den Kontinenten auf,
       studierte sowohl in Paris als auch in New York an der Hans Hofmann School
       of Fine Arts. Schon 1957 verhalf ihr ihre erste Ausstellung beim
       [1][Galeristen Leo Castelli zu Bekanntheit] in der Kunstszene.
       
       Von 1955 ist in Zürich die Skulptur „The Hungarians“ zu sehen, ein Paar mit
       zwei kleinen Kindern, grob aus Holz geschnitzt und auf ein gefundenes
       Rollbrett gesetzt. Die Kleidung ist angedeutet, die Augen groß
       hervorgehoben. Der Rollwagen zusammen mit dem Titel legt nahe, an die
       zuerst vor den Nationalsozialisten geflohenen [2][ungarischen Juden] zu
       denken oder an die Ungarn, die später vor dem Kommunismus in die USA
       emigrierten. Die kompakte, an Volkskunst erinnernde Form betont das
       Zusammenrücken von Eltern und Kindern, die nur noch sich haben.
       
       Vom Ende der Fünfzigerjahre ist eine Puppe aus Stoff zu sehen, die eine
       kleinere im Arm hat. Meist aber waren ihre Figuren sorgfältig aus Holz
       gearbeitet, kantige und kubische Formen, mit Fundstücken gemischt, mit
       fotografierten oder fotorealistisch gezeichneten Gesichtern versehen, oft
       mit Abgüssen ihrer Nase, ihres Mundes und ihrer Hände ausgestattet. Es war
       dieser Stilmix, die Verbindung von realistischen, abstrakten und
       vorgefundenen Formen, der sie in die Nähe der US-amerikanischen Pop-Art
       rückte.
       
       ## Ein Fass als Torso, die Brüste auf den Körper montiert
       
       Eine Arbeit von ihr, „La Visita“ von 1964, ist vielen womöglich aus dem
       Museum Ludwig in Köln bekannt. Drei Frauen und ein Kind sitzen wartend auf
       einem Sofa, einer dient ein Fass als Torso, einer sind die nackten Brüste
       plastisch auf einen kastenförmigen Körper montiert. In mehreren
       kunsthistorischen Kompendien – aus den sechziger Jahren und auch noch von
       1998 – ist immer wieder diese eine Arbeit abgebildet. Das Kunsthaus Zürich
       füllt also eine empfindliche Lücke, indem es in dieser ersten
       Einzelausstellung von Marisol in Europa nach 1968 endlich mehr von ihr
       zeigt.
       
       In „Tea for Three“ arbeitet sie mit den Holzköpfen, wie sie Modistinnen
       nutzen. Zu dritt sitzen sie oben auf der Kante eines gelb, blau, rot
       bemalten Bretts, die Gesichter clownesk bemalt, ein kleines Haus sitzt
       einem als Hut auf dem Kopf. Elemente, die eine kindliche Wahrnehmung
       ansprechen, erzeugen oft eine heitere Anmutung – aber ihre Vergrößerung ins
       teils Monströse mischen das Spielerische mit dem Schrecken.
       
       1964 entstand „The Car“, ein blaues Cabriolet aus bemaltem Holz, mit weißen
       und schwarzen Insassen. Eine gemischte Fahrgemeinschaft war in der Zeit
       keine Selbstverständlichkeit, die Apartheid noch virulent.
       
       Marisol war eine Künstlerin, die ihre Schönheit vor den Augen einer Kamera
       zu inszenieren wusste: zurückhaltend, elegant, mondän. Auf vielen
       Fotografien sieht man die schmale Frau mit einer Säge in der Hand zwischen
       Holzbalken und ihren Skulpturen. Sie verkehrte im Kunstdunst von Andy
       Warhol, der über sie gesagt haben soll: „The first girl artist with
       glamour.“
       
       ## Eine überraschend leise Stimme
       
       Doch während der Umgang mit ihrem Porträt so souverän wirkt, überrascht
       ihre Stimme, die man in Interviewausschnitten im Kunsthaus Zürich hören
       kann. Sie klingt leise und unsicher. Tatsächlich galt sie als wortkarg, was
       ihre Kunst anging. Zu schweigen war Teil ihrer Biografie: Nach dem Suizid
       ihrer Mutter, da war sie erst 11 Jahre alt, hatte sie für lange Jahre
       aufgehört zu sprechen.
       
       Das trug ihr das Image des Enigmatischen ein. Dafür steht auch eine
       Skulptur, ein Doppelporträt von ihr und ihrer Mutter, „Mi Mama y Yo“ (1968,
       bemaltes Aluminium). Marisol stellt das Kind auf eine verschnörkelte Bank
       neben die sitzende Mutter, einen Schirm über beide haltend, der sie mit
       einem filigranen Schatten umfängt. Während die Mutter lächelt, schaut das
       Kind mürrisch. Familie ist nie einfach.
       
       Marisol war früh berühmt geworden, aber mehrfach entzog sie sich dem
       Kunstbetrieb und kehrte nach 1968 auch aus politischer Enttäuschung den USA
       den Rücken zu. Sie wurde eine leidenschaftliche Taucherin und fand unter
       Wasser neue Motive für ihre Skulpturen. Elegante, große Fischkörper,
       minimalistische Skulpturen mit menschlichen Gesichtern begegnen einem nun
       in der Ausstellung. Aber diese Verschmelzung von Tier und Mensch blieb eine
       unerfüllbare Vision. Als sie erkannte, [3][wie sehr Umweltgifte dem Meer
       zusetzen, beendete sie das Tauchen].
       
       Der Fotograf Hans Namuth porträtierte sie 1964 mit einer Maske, einem
       fragmentierten Abguss ihres Gesichts, die sie sich vorhält. Ausdruck und
       Verweigerung, Entäußerung und Rückzug: Die Spannung zwischen diesen Polen
       prägt ihr Werk bis in den Gegensatz zwischen den großen verschlossenen
       Formen und den kleinen sprechenden Details hinein. In dem Zusammenhang
       fällt auch eine Lithografie von 1972 ins Auge, „Saca la lengua“, auf der
       eine große rote Zunge auf die Betrachterin zuschnellt und den Rest des
       Gesichtes schrumpft.
       
       9 Jul 2026
       
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