# taz.de -- Neuer Punk aus Berlin: Angeschaltet, ausgeschaltet, ferngesteuert
       
       > Cosey Mueller macht Musik gegen die falschen Gefühle, die Social Media
       > generiert. Jetzt ist ihr viertes Album „Embodiment of Denial“ erschienen.
       
 (IMG) Bild: „Du kannst deine eigene Stärke finden und dann andere inspirieren“, sagt Cosey Mueller
       
       Der Sequencer ist ihr Knebel, die Stratocaster ihre Peitsche. Auf der Bühne
       ist Cosey Mueller eine Domina. Sie trägt Korsett, Lack-Minirock oder
       Hotpants, Netzstrümpfe, Lederstiefel, Lederjacke. Allein steht sie da,
       konzentriert. Hin und wieder steht sie am Keyboard, bei vielen Stücken
       spielt sie Gitarre. Cosey Mueller beherrscht und dirigiert die Menge durch
       ihre Präsenz und ihre treibende Musik. Als sie Ende Mai im Berliner SO 36
       ihr neues Album vorstellt, dauert es nicht lang, bis wild gepogt wird.
       Junge Frauen verteidigen in der Kampfzone vor der Bühne lässig ihr
       Territorium gegen schwergewichtige Männer der Generation X.
       
       „Embodiment of Denial“, Cosey Muellers viertes Album, ist auf dem Berliner
       Label Bretford erschienen. Die Musik ist noch tanzbarer als zuvor.
       „Politiker“, die erste Singleauskopplung, klingt wie ein
       Neue-Deutsche-Welle-Hit von 1981 und lädt zum Mitsingen ein: „Ich bin ein
       Politiker. Morgens Anzug, nachts Leder“. Das Album zuvor, „Softcore“, war
       noch beim Berliner Punk-Label Static Age Musik herausgekommen.
       
       Cosey Mueller entfesselt die Leute mit ihrer Musik und Texten, die sie auf
       Deutsch und Englisch singt. Ihre Inspiration zieht sie unüberhörbar aus den
       frühen 1980ern. Ihre Gitarre ist Punk, ihre Beats aus dem Drumcomputer und
       die Sequenzen aus dem Synthesizer sind New Wave und Industrial. Der
       Einfluss von [1][Deutsch Amerikanische Freundschaft] und Suicide ist
       deutlich zu hören. Mit der Kombination von treibenden Gitarrenriffs und
       maschinellen Rhythmen hat sie dennoch einen erkennbar eigenen Sound
       geschaffen – den Sound von Cosey Mueller.
       
       ## Trifft einen Nerv bei den vergessenen Boys und Girls
       
       Während der Lockdowns hatte die bildende Künstlerin damit begonnen, Musik
       auf analogen Geräten zu produzieren, mit einem alten Vierspurgerät
       aufzunehmen und schließlich auf Kassette zu vertreiben. Sie studierte beim
       kürzlich verstorbenen Maler Thomas Zipp, der selbst in einer Band spielte
       und aus dessen Klasse [2][weitere Protagonisten der Berliner Szene] kommen:
       Schwund und ÖPNV.
       
       Damals sang sie Texte, die sie in den Jahren zuvor mit der Cut-up-Technik
       von Brion Gysin und William S. Burroughs hergestellt hatte. Dabei werden
       geschriebene Texte willkürlich mit der Schere zerschnitten und dann wieder
       neu zusammengesetzt. Ein poetisches Verfahren, das dem Zufall die Regie
       überlässt. [3][Burroughs befasste sich zeitlebens mit Mechanismen der
       Kontrolle und inspirierte Gilles Deleuze zu dessen Begriff der
       Kontrollgesellschaft].
       
       Das erste Stück, das sie damals aufnahm, „Antisozial“, ist heute
       kurioserweise ihr meistgespieltes Stück auf Spotify: „Forgotten boys and
       girls. Next suicides. In a good world you are bad. In a bad world you are
       good“. Ihre Musik und ihr Style scheinen in der Tat einen Nerv bei den
       vergessenen Boys und Girls unserer Zeit zu treffen. Sie wählen das Stück
       gern als Soundtrack für ihre Insta-Storys aus, und so verbreitete es sich
       über die überschaubare Szene hinaus, die sich bis dahin für die Musik von
       Cosey Mueller oder die Bands und Projekte interessiert hatte, in die sie
       involviert war, Das Das und Glaas.
       
       ## „She looks very Berlin“, sagt Iggy Pop
       
       Die „vergessenen Jungs und Mädchen“ sind eine Anspielung auf eine Zeile aus
       einem alten Iggy-Pop-Song von 1973, den Cosey zu ihren Lieblingssongs
       zählt. Darin ist von „a world’s forgotten boy“ die Rede, „the one who
       searches and destroys“. [4][Eben jener Iggy Pop] ist schon vor einiger Zeit
       auf sie aufmerksam geworden und spielte ihren Song „Falsches Ding“ in
       seiner Radiosendung beim britischen Sender BBC. „All die falschen Sachen
       lächeln mich an“, singt Cosey Mueller da. „All die falschen Dinge, sie
       flehen mich an. Die ganzen großen Menschen wissen es besser. Deine heiße
       Liebe. Du bist das falsche Ding“.
       
       Mit seiner tiefen, sonoren Stimme kommentierte Iggy korrekt: „It sounds
       like Berlin. And she looks very Berlin.“ Cosey Mueller scheint immer noch
       ein bisschen erstaunt darüber zu sein, wenn man sie darauf anspricht.
       
       Wenn man sie abseits der Bühne trifft, wirkt sie zurückhaltend. Sie
       registriert und beobachtet die Situation und wägt ab, was und wie sie etwas
       sagen möchte. Das ist nicht gleich in Einklang zu bringen mit ihrer
       machtvollen Bühnenpräsenz, aber auch nicht ungewöhnlich für sensible
       Menschen, die sich poetisch artikulieren und über Machtspiele in
       zwischenmenschlichen Beziehungen sinnieren. In ihren Songtexten geht es um
       Dominanz und Resilienz, Verlogenheit und falsche Gefühle, Begehren und
       Hingabe. „Nimm mich Baby, nimm mich. Ich nehm dich, Baby, nehm dich. Wir
       nehmen uns gegenseitig den Verstand. Du bist gut für mich. Du zerstörst
       mich“, heißt es auf „Nimm mich“ vom neuen Album.
       
       ## Hoffen, dass das alles zusammenbricht
       
       Der Konformismus und die gestörten Beziehungen auf den
       Social-Media-Plattformen scheint immer wieder in den Lyrics von Cosey
       Mueller auf. „Hingezogen, hergezogen. Fernbedienung in meiner Hand. Click
       und du bist weg. Angeschaltet, ausgeschaltet. Ferngesteuert“. Sie
       beobachtet, dass Filterblasen und Algorithmen dazu führen, dass Menschen
       sich nicht mehr trauen, ihre eigenen Beobachtungen und Gefühle zu äußern,
       weil sie Angst vor negativen Reaktionen haben. Dort gibt es nur einen
       Modus: Entweder man ist dagegen oder dafür. Die digitalen Plattformen zu
       ignorieren sei schwer geworden, meint die Musikerin. „Manchmal hoffe ich,
       dass das alles zusammenbricht. Dass man wieder normal miteinander sein kann
       und nicht überall diese Bildschirme sind.“
       
       Mueller ist Teil einer neuen Punk-Bewegung, die sich gegen soziale
       Zumutungen und technologische Zwänge zu wehren weiß und ihrer inneren
       Stimme zu vertrauen sucht: „I tell my inner voice to shut up. But it still
       speaks to me“. Gearbeitet wird analog, nicht digital. Die neuen Punks
       zeichnen, basteln Collagen, Magazine und Flyer auf Papier. Ihre Musik
       veröffentlichen sie auf Kassetten und Vinyl. Musikstreamingdienste und
       Social Media nehmen sie nur in Kauf, um gehört zu werden.
       
       In „Contraddict“, Single Nummer zwei des neuen Albums, singt Cosey: „No
       time, no time to react. No way, no way out. No way, no way to relax. Too
       much, too much to react to“. Indem sie mit einem philosophischen Blick auf
       die Wirklichkeit schaut, fordert Cosey Mueller dazu auf, Distanz
       herzustellen und sich Zeit zu verschaffen, um einen eigenen, individuellen
       Zugang zur Welt suchen zu können, statt bösartige Algorithmen den eigenen
       Dopaminhaushalt regulieren zu lassen. „Erstmal kurz beobachten, kurz
       fühlen. Was ist das Eigene? Das interessiert mich bei Menschen“, sagt sie.
       
       ## Halb auf Deutsch, halb auf Griechisch
       
       Dieser kritische Blick liegt möglicherweise in Coseys Biographie begründet.
       Sie wuchs auf Kreta auf. Als sie in den 1990ern dort mit ihrer Familie
       lebte, gab es auf der Insel kein Internet. Mueller hörte Musik von den
       Schallplatten ihrer Eltern, griechischen Pop im Radio. Obwohl ihre Mutter
       als Musiklehrerin arbeitete, lernte sie kein Instrument. Ihr Talent war
       offensichtlich, so wurde eine frühkindliche musikalische Ausbildung nicht
       für nötig befunden.
       
       Sie verstand früh, dass man Dinge so oder so verstehen und denken kann, je
       nachdem, welche Sprache zur Verfügung steht. „Meine Mutter hat mir erzählt,
       dass mein erster Satz auf Griechisch und Deutsch war: ‚θέλω essen.‘ Das
       heißt: Ich will essen. Das haben wir sehr oft gemacht in der Familie, dass
       man halb, halb gesprochen hat, Sätze halb auf Deutsch, halb auf
       Griechisch“, sagt Cosey. „Ich hatte dadurch immer eine Beobachterposition,
       schon als Kind. Ich war nie nur das eine oder nur das andere, habe nie nur
       die eine Sprache oder die andere Sprache gesprochen.“
       
       Die Musik, die sie noch heute inspiriert, entdeckte sie erst spät. Man
       ahnt, dass auch ihr Vorname eine Hommage ist, an Cosey Fanni Tutti, die
       einzige Frau unter den Industrialpionieren von Throbbing Gristle. [5][Cosey
       Fanni Tutti], die für Softporno-Magazine Modell stand und in Stripclubs
       arbeitete, thematisierte in ihrer künstlerischen Arbeit die Verfügbarkeit
       von Frauen und ihrer Sexualität und inszenierte sich als Akteurin, nicht
       als Opfer, was weder den Konservativen, noch den meisten Feministinnen
       gefiel.
       
       Als eine der ersten Industrialpopbands nutzten Throbbing Gristle Loops und
       Samples und bauten sich selbst elektronische Klanggeneratoren. Sie ließen
       es nicht bei der Erkenntnis bewenden, dass Rock ’n’ Roll auf nahezu
       perfekte Weise die jugendliche Libido triggert, sie experimentierten auf
       fast wissenschaftliche Weise mit Frequenz und Rhythmus. Schmutzige
       Körpermusik wiederum machten erklärtermaßen auch DAF, die Deutsch
       Amerikanische Freundschaft aus Düsseldorf, eine der Lieblingsbands von
       Cosey Mueller.
       
       „Die Ästhetik der 1980er hatte mit Leben und Menschsein und Denken zu tun“,
       sagt Mueller. „DAF etwa hatten so eine Macht und sie haben damit krass
       gespielt. Man spürt das fast intuitiv. Ich glaube, dass die Jugend damals
       sehr selbstbewusst war. Und heute? Ich habe das Gefühl, dass ein positives
       Selbstbewusstsein manchmal fehlt.“ Das zu ändern ist ihre Mission. Nicht
       durch Predigten, sondern indem sie selbst vorangeht. „Du kannst niemanden
       belehren“, sagt sie. „Du kannst selber deine eigene Stärke finden und dann
       andere inspirieren. Ich glaube, das ist der Weg. Alles andere ist ein
       bisschen Kindergarten.“
       
       12 Jun 2026
       
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