# taz.de -- Abgeschobene Frau in Passau: „Nix Stammtisch, stinksauer bin i“
       
       > Ende April wurde in Passau eine Frau, die seit sechs Jahren in einem
       > Traditionsgasthaus angestellt war, abgeschoben. Seither probt der Wirt
       > den Aufstand.
       
 (IMG) Bild: Der Wirt, der jetzt auch Aktivist ist: Josef Wolf in seiner Gastwirtschaft in Passau
       
       Passau, Altstadt, als Landzunge streckt sie sich hin zum Eck, wo die Ilz,
       der Inn und die Donau zusammenfließen. Beschaulich ist es hier bis in die
       letzte Kirchturmspitze und den letzten Winkel eines Hauses, das schräg ans
       nächste gebaut ist. Heimelig bis ins rostende Scharnier eines Fensterladens
       und ins winzigste Grün, das am Innkai wächst. ([1][Verbotenerweise wächst],
       denn die Obrigkeit findet, dass das Grün zu viel Dreck macht.)
       
       Vom großen Hochwasser im Jahr 2013 sind keine Spuren mehr sichtbar. Dabei
       war hier doch alles überschwemmt. Auch das jahrhundertealte Gasthaus zum
       [2][Goldenen Schiff] ein Trümmerhaufen. „Den Boden in der Wirtschaft haben
       wir verloren“, sagt Josef Wolf. Verloren – was für ein Wort. Den Boden
       verlieren.
       
       Wolf sitzt am Stammtisch und erzählt, wie das Wasser über Nacht
       unaufhörlich stieg, es bis zur Kante der Tischplatte stand, wie sie noch
       Gäste auf ihren Zimmern hatten, die nicht mehr rauskonnten, wie sie später,
       als die Flut sich zurückgezogen hatte, die Reste vom weggeschwemmten Boden
       rausrissen, „300 Jahre altes Fischgrätparkett“, und über die Deckenbalken
       des darunter liegenden Gewölbes balancierten. 19 Jahre war er da. Alt genug
       für Sintflut, Mut und Abenteuer. Und er erzählt, dass es jetzt, 13 Jahre
       später, wieder passiert: Gerade nämlich hat seine Mitarbeiterin Rugiatu
       Kamara den Boden unter den Füßen verloren und ist im freien Fall.
       
       Kamara ist angestellt im Goldenen Schiff. Sie ist Beiköchin, managt
       verantwortlich die kalte Küche, wird überhaupt eingesetzt bei vielem, was
       in einer Wirtschaft anfällt. „Unsere Rugi“, sagt Wolf, „eine fröhliche
       Frau, trotz all der Schicksalsschläge, die sie erlebte.“ In einer
       Nacht-und-Nebel-Aktion wurde sie Ende April von der Polizei abgeholt und
       nach Sierra Leone abgeschoben. „Seit vielen Jahren ist sie angestellt bei
       uns, ihr Vertrag unbefristet, weil sie eine so gute Mitarbeiterin ist, und
       davor hat sie auch schon hier gearbeitet“, sagt er. „Eine verlässliche
       Kraft.“
       
       ## "Ich bin Stammtischkind"
       
       Josef Wolf, der auf der Holzbank sitzt, die sich die Wände der
       Gastwirtschaft entlangzieht, die nach dem Hochwasser noch zu retten war,
       spricht sanft. Der Stammtisch vor ihm, Vollholz, ist ein Fixpunkt in seinem
       Leben. Wenn er Bestellungen oder Abrechnung macht, sitzt er hier, oft im
       Lodenjanker, dem mit den Hornknöpfen und dem Pork-Pie-Hut, an dem Anstecker
       von seinen Abenteuern hängen, vom Oktoberfest etwa. „Das Outfit, das bin
       schon ich.“ Auch wenn er Filme für den [3][Instagram-Kanal vom Goldenen
       Schiff] aufnimmt, sitzt er hier.
       
       Der Wirt sagt von sich, „ich bin ein Stammtischkind“, eins, das nebenbei
       mit den sozialen Medien aufwuchs. Er weiß damit umzugehen. Außerdem hat er
       mal Audio-Engineering in Berlin studiert. Drei Jahre. Und abgebrochen.
       „Mich hat das Künstlerische interessiert, nicht das Technische.“ Lieber
       Musik auflegen statt Kabel schleppen. Wenn er Musik auflegt, Techno meist,
       ist er [4][DJ Susi].
       
       Wolf liebt das Spiel mit Namen; auf dem Instagram-Kanal vom Goldenen Schiff
       heißt er Beppo Guancale. Beppo – Sepp, Guancale – Schweinebacke,
       Bauchspeck. „Stammtisch mit Beppo Guancale“, heißt es dann. Er am Tisch in
       seinem bayrisch-mondänen Outfit, hinter sich ein gläserner Schaukasten, in
       dem farbige Elemente hängen, die nicht zu identifizieren sind, aber auf
       tote Weise sinnlich wirken, wie in Keramik gegossene Genitalien. Vor sich
       hat er das Schild, auf dem „Stammtisch“ steht.
       
       Von hier aus erzählt er in seinen Videos dann aus dem Leben eines Wirts.
       [5][Wie viel vom Schnitzel] nach Abzug aller Kosten bei ihm ankommt etwa.
       Fünf Prozent, rechnet er vor. In einem anderen Post kündigt er ein
       vergünstigtes Kellerbier an für Leute, die beim Volksfest, der Dult, [6][in
       Tracht ins „Schiff]“, wie hier alle nur sagen, kommen. Oder er wirbt für
       ein [7][Schafskopfbrett]. Im Wirtshaus treffen sich Schulklassen, die das
       bayrische Kartenspiel lernen und spielen. „Das freut mich“, sagt Wolf.
       
       Und dann, unerwartet, wieder ein anderer Post, wo er sich mit dem
       [8][Gender-Pay-Gap] beschäftigt, damit also, dass Frauen bei gleicher
       Arbeit im Schnitt sechs Prozent weniger verdienen als Männer. Deshalb gibt
       es im Schiff ein Herrengedeck (Kellerbier und Marillenbrand), das sechs
       Prozent teurer ist als das Damengedeck (Weinschorle und Aprikosenlikör).
       „Um Gendergerechtigkeit wieder herzustellen.“
       
       Gefragt, woher sein Engagement für Frauen kommt, antwortet er, er sei mit
       einer Feministin verheiratet und seine Schwester, Charlotte Piwowarsky, mit
       der zusammen er das Goldene Schiff vor zwei Jahren vom Vater übernommen
       hat, sei auch sehr für Gleichberechtigung. „Piwowarsky heißt Bierbrauer“,
       sagt sie, es klingt, als gefiele ihr der Name. Sie hat ihn von der Mutter.
       
       Seit dem 29. April aber ist auf Josef Wolfs Instagram-Kanal nichts mehr wie
       vorher: „[9][Nix Stammtisch, stinksauer bin] i“, sagt er und rutscht vor
       die Kamera. Es fehlt, dass er auf den Tisch haut. Denn der Wirt, der sonst
       so sanft klingt, ist wütend: „Unsere Rugi, eine Mitarbeiterin, die seit
       sechs Jahren bei uns arbeitet, ist abgeschoben worden.“
       
       Er fasst zusammen, was bekannt ist: dass Rugiatu Kamara sich seit Jahren
       von Duldung zu Duldung hangelte, dass sie versucht hat, nach dem
       Chancenaufenthaltsgesetz eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, alle Tests
       bestanden hat, gefehlt hat ihr der Pass. Sie hätte nach Sierra Leone fahren
       müssen, dem Land, aus dem sie vor Jahren floh. Immerhin war es ihr
       gelungen, einen sogenannten Proxy-Pass zu organisieren, einen, der
       ausgestellt wird in Abwesenheit. Das Ausländeramt in Passau erkennt ihn
       nicht an. „Es ist so würdelos und so unverschämt, was da passiert“, sagt
       Wolf auf Instagram.
       
       An einem Donnerstag wurde Kamara in Abschiebegewahrsam genommen, das Handy
       durfte sie nicht behalten, konnte niemanden informieren. Am Dienstag war
       sie schon weg. Das Goldene Schiff sei am Ende vom Anwalt informiert worden.
       Josef Wolf alias Beppo Guancale nutzt den Instagram-Post für eine
       Abrechnung mit der Ausländerpolitik. Dass abgeschoben werde ohne Sinn und
       Verstand. Das Video wird millionenfach geklickt, hat mittlerweile über
       220.000 Likes, und Josef Wolf, der viele Rollen im Leben hat, der Wirt, der
       Koch, der Geschäftsführer, Ehemann, Sohn und Arbeitgeber von 15
       Mitarbeitenden, der DJ, Oktoberfestkellner und Influencer ist, hat nun eine
       Rolle mehr: Jetzt ist er auch Aktivist.
       
       ## "Bis Rugi zurück ist"
       
       „Ja“, sagt er, „es schaut so aus. Ich habe das gemacht, um etwas gegen
       meinen Unmut, meine Hilflosigkeit zu tun.“ Er ist entschieden, an der Sache
       dranzubleiben, „bis Rugi zurück ist“. Sein Vater, der einst Professor für
       Volkskunde werden wollte, dann aber als Student so reinrutschte ins
       Gastwirtsleben, steckt sein Ziel nicht gar so hoch. „Wir machen das, damit
       andere in Zukunft eine Chance haben.“
       
       Seit Wolf viral ging mit der Geschichte von Kamara, melden sich andere
       Wirte bei ihm, deren Personal die gleichen Probleme hat. Wolf nennt eine
       Pizzeria in Passau, wo es in letzter Sekunde gelungen ist, dass der
       angestellte Mann nicht abgeschoben wurde. „Ich habe mit unserem Mitarbeiter
       gesprochen, er möchte hier leider nicht genannt werden“, schreibt der
       dortige Besitzer in einer Mail am 22. Mai und fährt fort, dass sein
       Mitarbeiter „erstmal froh ist, dass er nun endlich für die nächsten 2 Jahre
       seinen Aufenthaltstitel erreicht hat“. Und dann schreibt er noch: „Auch wir
       möchten leider nicht genannt werden.“
       
       Warum die Öffentlichkeit scheuen? „Weil das Ausländeramt in Passau ein
       Angstgegner ist“, sagen die beiden Integrationshelferinnen, die ins Schiff
       kommen, um über die Schwierigkeiten zu sprechen, die sie mit dem Amt haben.
       Auch sie wollen anonym bleiben. „Wir wollen nicht, dass die Kanäle, die wir
       überhaupt noch zum Ausländeramt haben, verstellt werden.“
       
       Und dann erzählen sie, wie sie 2015, als die vielen Flüchtlinge über die
       nahe Grenze zu Österreich in die Stadt kamen, natürlich helfen wollten,
       „von Butterbrote schmieren bis Windeln verteilen, Wunden verbinden oder
       Impfungen organisieren, wir haben alles gemacht“. Sie blieben dran an der
       Flüchtlingsarbeit, auch als weniger Menschen ins Land kamen, und wurden
       nach und nach Expertinnen, ohne die die Flüchtenden aufgeschmissen wären.
       „Wir helfen ihnen [10][durch den deutschen Bürokratiedschungel], dämpfen
       das Unwirsche“, sagt eine.
       
       Und die andere: „Wir besorgen Ausbildungen, erklären, finden Wohnungen,
       unterstützen, geben Deutschkurse, helfen bei Krankheiten, tun, was wir
       können.“ Sie sind das menschliche Gesicht der Ausländerpolitik. Und
       trotzdem, „uns wird vermittelt, dass wir lästig sind“. Politik und
       Verwaltung machen ihre Arbeit immer wieder zunichte, indem sie Leute aus
       den Häusern, aus Schulen, vom Arbeitsplatz weg holen. Und sich damit
       brüsten, dass mehr Leute aus dem Land geschafft werden denn je. „Durch ihre
       Abschiebungen zeigen sie uns, dass sie uns nicht ernst nehmen. Wir sind
       geschädigt“, sagt eine.
       
       ## Ein runder Tisch
       
       Die Integrationshelferinnen wollen, dass endlich ein runder Tisch
       eingerichtet wird mit allen, die mit Flüchtenden zu tun haben. Sie wollen
       Ansprechpersonen im Ausländeramt, eine Telefonnummer, wo sie anrufen
       können, sofort Auskunft bekommen, „die, die es gibt, ist seit zwei Jahren
       blockiert“. Und sie wollen eine Möglichkeit, Post abzugeben mit
       Bestätigung, dass die Unterlagen eingereicht wurden.
       
       „Immer wieder wird behauptet, Briefe seien nicht angekommen. Wir raten den
       Leuten, zu filmen, was sie in den Umschlag stecken, und zu filmen, wie sie
       die Post in den Briefkasten vor dem Ausländeramt einwerfen.“ Sie wünschen
       sich, dass auf der Homepage ein FAQ steht und dass die Beamten auf Deutsch,
       nicht auf Bayrisch mit den Menschen sprechen. „Eigentlich sind das
       Selbstverständlichkeiten.“ Solange die nicht gelten, sei der Willkür Tür
       und Tor geöffnet. Josef Wolf, der Wirt vom Schiff, drückt es so aus: „Die
       Intransparenz, die ein Amt mit sich bringt, finde ich extrem
       undemokratisch.“
       
       Rugiatu Kamara betreuten die beiden Integrationshelferinnen nicht, „bei der
       lief es doch“, sie hatte Arbeit, sie hatte eine Wohnung. „Die vom Schiff
       haben sie unterstützt.“ Dass sie abgeschoben wurde und wie, da seien Fehler
       gemacht worden. „Ihr Pass wurde hier nicht anerkannt, aber zum Abschieben
       hat es gereicht“, sagt eine. Das ist eine Ungereimtheit.
       
       Eine andere: dass sie ungeimpft abgeschoben wurde. Hubert Denk, der
       Journalist des lokalen Magazins [11][Bürgerblick], wollte sofort nach
       Sierra Leone fliegen wegen Kamara. Geht nicht. Er braucht eine
       [12][Gelbfieberimpfung], die mindestens zwei Wochen vor Abflug verabreicht
       sein muss. „Wie man mit den Menschen umgeht: So geht staatlicher
       Menschenhandel“, sagt er in seinem Büro. „Leute wie Rugi, die werden doch
       gebraucht. Die Gastronomen, die Krankenhäuser, die Landwirte sind
       aufgeschmissen ohne sie.“
       
       ## Aus Sierra Leone geflüchtet
       
       Josef Wolf, der Wirt, weiß einiges über Kamara. Dass sie aus Sierra Leone
       kommt, dass sie mit den Folgen sexualisierter Gewalt zu tun habe, dass ihre
       Familie nach Gambia flüchtete aus politischen Gründen, dass sie in Sierra
       Leone, wohin sie jetzt abgeschoben wurde, niemanden mehr habe, dass es
       gefährlich sei für sie dort, dass sie sich versteckt hielte. Und dass sie
       jetzt versuche, nach Ghana zu gelangen, 2.000 Kilometer entfernt, weil sie
       nur dort ein Visum für Deutschland beantragen könne, [13][in Sierra Leone
       geht das nicht]. Und er sagt, dass er nicht insistiere, wenn er merke, dass
       ihr das Antworten auf persönliche Fragen schwer falle, die Stimme belegt,
       die Augen feucht. „Ich stelle ihre Fluchtgründe nicht infrage, wenn ich
       höre, wie Frauen dort behandelt werden“, sagt er. Die Menschenrechtslage
       ist laut [14][Amnesty International] in Sierra Leone schwierig.
       Insbesondere was Frauenrechte angeht.
       
       Wann kam Kamara nach Deutschland? Wo hat sie vorher gelebt? Wie war ihr
       Fluchtweg? Was hat sie erlebt? Hat sie Kinder? Die Ausländerbehörde in
       Passau, die es wissen könnte, gibt keine Auskunft. „Datenschutz.“ Es gibt
       die Frau hier nicht mehr. Sie ist wie gelöscht.
       
       Nach Umwegen ist es möglich, Kamara per E-Mail zu erreichen. Hier ist, was
       sie schreibt: „Thank you for reaching out to me currently am not happy
       because I was deported against my wish and …“ – Danke dass Sie mich
       kontaktieren es geht mir nicht gut weil ich gegen meinen Willen abgeschoben
       wurde und ich habe ein Problem in meinem Land über das ich nicht sprechen
       kann ich fühle mich bedroht durcheinander unglücklich ich kann nicht aus
       dem Haus gehen verstecke mich die ganze Zeit weil ich Angst habe dass diese
       Leute mich umbringen wenn sie mich sehen auch meine Augen machen mir zu
       schaffen weil ich nicht die richtigen Augentropfen habe … „please continue
       to help and rescue me from this situation. Thanks.“ Alles geschrieben in
       einem Zug.
       
       ## Die Frau ohne Namen
       
       Passau ist eine kreisfreie Stadt, der Bürgermeister ist oberster Dienstherr
       der Ausländerbehörde. Mitte Mai kam der neue Bürgermeister Andreas Rother,
       ein Sozialdemokrat, ins Amt. Wolf sprach mit ihm über die Abschiebung.
       Daraufhin hat er einen Brief an die deutsche Botschaft in Ghana geschickt,
       dass man Kamara ein Arbeitsvisum geben möge. Zumindest das.
       
       Die Anfrage der taz nach einem Gespräch indes wurde abgelehnt. Der
       Ablehnung wurde eine Pressemitteilung beigelegt, in der auch folgender Satz
       steht: „Die Dame hatte 1 ½ Jahre Zeit, um die Vorgaben des
       Chancenaufenthaltsgesetzes zu erfüllen, was insbesondere die Beschaffung
       eines gültigen Identitätsnachweises anbelangt.“ Soll heißen: Die Frau ohne
       Namen ist selbst schuld.
       
       „Ich verstehe nicht“, sagt Josef Wolf, „dass der Bürgermeister nicht
       stärker betont, wie wichtig Leute wie Rugi für die Wirtschaft von Passau
       sind. Er hat die Abschiebung doch nicht zu verantworten, sondern sein
       Vorgänger. Für den neuen Bürgermeister wäre es eine Win-Situation.“
       
       Auf die Pressemitteilung des OB angesprochen, antwortet Toni Schuberl, der
       rechtspolitische Sprecher der Grünen im bayrischen Landtag, am Telefon:
       „Frau Kamara soll also in ein Land reisen, aus dem sie geflüchtet ist, um
       dort ein Visum für Deutschland zu beantragen, das sie bei uns nicht
       beantragen kann, damit sie wieder einreisen kann. Das ist Schwachsinn.“
       
       Auch den bayrischen Innenminister geht er an, weil der bei einer
       [15][Anfrage der Grünen] im Landtag ausführte, dass die 57-Jährige zu Recht
       abgeschoben worden sei, da sie alt und keine Facharbeiterin sei und
       zukünftig die Sozialsysteme belasten könnte. [16][Die Gegenrechnungen], die
       aufgemacht werden, lassen das so nicht stehen. „Kamara zahlt seit Jahren in
       die deutschen Sozialsysteme ein“, sagt Schuberl. Ohnehin mache die Rechnung
       des Innenministers eines klar: Ausländer und Ausländerinnen würden vor
       allem unter dem Aspekt der Verwertung betrachtet.
       
       Das mit der Facharbeit wird übrigens gerade kreativ gelöst. Wenn Kamara es
       zurückschafft, wird sie im Goldenen Schiff eine Ausbildung zur Köchin
       machen. Das Passauer Arbeitsamt signalisiere Zustimmung.
       
       ## Ein Lehrstück
       
       Schuberl sieht, was Wolf sieht, was der Journalist vom Bürgerblick sieht,
       was die [17][Omas gegen Rechts] von Passau sehen, die sich im Schiff
       gründeten, was die Integrationshelferinnen sehen: dass jene Leute
       abgeschoben werden, die kooperativ sind und sich an Regeln halten, weil sie
       leichte Beute sind. „Und abgeschoben wird, weil viele in der CSU/CDU
       denken, dass sie so der AfD Stimmen abspenstig machen können“, sagt der
       Grüne Schuberl, was absurd und gefährlich sei. Wobei er klar betont:
       „Schwere Straftäter will ich nicht im Land haben.“ Nur deren sei es
       schwieriger habhaft zu werden.
       
       All das ist zu einem Lehrstück im Umgang mit Schutzsuchenden geworden.
       Josef Wolf stellt immer weiter Videos bei Instagram über die Abschiebung
       ein. Denn eines ist klar: Rugiatu Kamara wird es nur zurückschaffen, wenn
       der Druck nicht nachlässt. Nach Gesetz nämlich ist es so: Wer abgeschoben
       ist, [18][unterliegt einer Einreisesperre]; in Kamaras Fall ein Jahr für
       mindestens ein Jahr. Toni Schuberl relativiert das und sagt: „Natürlich
       kann die Bundesrepublik jeden jederzeit reinlassen, den sie reinlassen
       will.“
       
       Derweil sitzt Kamara mittellos in Sierra Leone. Sie kennt niemanden mehr
       dort. Ein Integrationshelfer aus Passau hatte einen Kontakt im Land, bei
       ihr kam sie erst mal unter. Aber wovon leben? Und wie soll sie es nach
       Ghana schaffen? Das Leben sei für sie in Sierra Leone extrem gefährlich.
       Banden hätten es direkt auf aus dem Ausland Einreisende abgesehen, weil sie
       wohl annehmen, dass die Geld haben. Das [19][US State Department] und das
       [20][schweizerische Auswärtige Amt] warnen ausdrücklich vor der
       Kriminalität im Land. Auf der Seite des [21][deutschen Auswärtigen Amtes]
       klingt es harmloser.
       
       Josef Wolf hat ein [22][Crowdfunding] organisiert für die Rückkehr von
       Rugiatu Kamara. Jetzt wird daran gearbeitet, wie man ihr Geld schicken
       kann, ohne sie deswegen zu gefährden. Damit sie die Reise nach Ghana sicher
       schafft, um dort ein Visum zu bekommen. Sie möchte zurück, möchte nicht,
       dass ihre Wohnung aufgelöst wird. „Sie hat noch Hoffnung“, sagt Wolf. Der
       Vermieter kooperiert. Schafft sie es zurück nach Deutschland, muss sie,
       Ungereimtheit Nummer drei, [23][die Kosten für ihre Abschiebung bezahlen].
       „Niemand kann mir sagen, wie viel das ist. Zwischen 10.000 und 30.000 Euro
       hab ich gehört. Auf jeden Fall wird viel Geld verbrannt“, sagt Wolf.
       
       Zurück an den Stammtisch im Goldenen Schiff: Wolf sitzt wieder dort. Nach
       dem abgebrochenen Studium hat er Koch gelernt. Und eine Zusatzausbildung in
       Slow Food gemacht. „Ich verstehe nicht, warum die Leute teure Einbauküchen
       kaufen, aber an Lebensmitteln, dem Wichtigsten, sparen“, sagt er, während
       er am nächsten Instagram-Beitrag über Kamara arbeitet. „Ich habe ein
       Verantwortungsgefühl für die Frau“. Ob er Angst hat, dass ihm sein
       Engagement bei den Passauer Ämtern schaden könnte? „Ein bisschen schon,
       aber das kann es nicht sein am Ende des Tages, dass es daran scheitert.“
       
       Hinter ihm hängt der Schaukasten mit den farbigen Objekten, aufgereiht wie
       Käfer in naturkundlichen Sammlungen, aber von Nahem sehen sie aus wie
       verformte männliche Genitalien. Gefragt, was das eigentlich für Dinger
       sind, die in dem Glaskasten hinter ihm hängen, antwortet er:
       „Weihwasserkesselchen“. Ein Künstler aus Passau hat sie gesammelt,
       identifiziert, beschriftet. Darunter: „phallut impudicum“ – der unkeusche
       Phallus, „phallut preaecox“ – der frühreife Phallus, „phallut tulipum“ –
       die Phallustulpe.
       
       14 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.hogn.de/2025/04/30/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-niederbayern/gelb-statt-gruen-einschneidende-passauer-protestaktion/196637
 (DIR) [2] https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Gastst%C3%A4tte_Goldenes_Schiff
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/goldenesschiff/
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=JVRjz56GZMU&list=RDEMsAS2yd8eCwP8sznGoDuELw&start_radio=1&rv=JVRjz56GZMU
 (DIR) [5] https://www.instagram.com/p/DWEmsQPNIVC/
 (DIR) [6] https://www.instagram.com/p/DX8p2SpsddM/
 (DIR) [7] https://www.instagram.com/p/DXofZuJDHA2/
 (DIR) [8] https://www.instagram.com/p/DWqlawtMhL5/
 (DIR) [9] https://www.instagram.com/p/DXt-QP3DDmX/
 (DIR) [10] /Jobmesse-fuer-Gefluechtete/!6171215
 (DIR) [11] https://www.buergerblick.de
 (DIR) [12] https://tropeninstitut.de/impfungen-a-z/alle-impfungen/gelbfieber
 (DIR) [13] https://freetown.diplo.de/sl-de
 (DIR) [14] https://amnesty-westafrika.de/sierra-leone/
 (DIR) [15] https://toni-schuberl.de/fileadmin/Speicherplatz/bayern/personen/toni-schuberl.de/Schriftliche_Anfragen/Schriftliche_Anfragen_2026/Schuberl_Anfrage_zu_Abschiebung_in_Passau_Goldenes_Schiff.pdf
 (DIR) [16] https://m.buergerblick.de/rugiatu-kamara-joachim-herrmann-und-das-sozialsystem-eine-rechnung-aus-passau-a-0000069646.html
 (DIR) [17] https://www.instagram.com/p/DYSAtFuB5Nh/
 (DIR) [18] https://www.familiennachzug-visum.de/auslaenderbehoerde/einreisesperre
 (DIR) [19] https://travel.state.gov/en/international-travel/travel-advisories/sierra-leone.html
 (DIR) [20] https://www.eda.admin.ch/de/reisehinweise-fuer-sierra-leone
 (DIR) [21] https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/sierraleone-node/sierraleonesicherheit-203500#content_0
 (DIR) [22] https://www.goodcrowd.org/bringbackrugi-mitarbeiterin-wurde-abgeschoben
 (DIR) [23] https://basiswissen.asyl.net/wissen-kompakt/asylverfahren/die-abschiebung
       
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 (DIR) Geas-Reform: Die Menschenrechte werden abgeschafft
       
       An diesem Freitag tritt das neue Asylsystem der EU in Kraft. Es bedeutet
       die größte Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten und betrifft am Ende
       alle.
       
 (DIR) Hungerstreik in Abschiebehaft: „Geflüchtete werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt“
       
       Im Abschiebeknast Glückstadt sind 15 Menschen in den Hungerstreik getreten.
       Mit GEAS verschärft sich die Abschiebehaft weiter, sagt Anwältin Sheela
       Charen.
       
 (DIR) EU-Abschiebezentren in Drittstaaten: Maximale Ungewissheit in schwarzen Löchern des Rechts
       
       Die EU hat sich darauf geeinigt, Abschiebezentren in Drittstaaten zu
       errichten – ohne klare Standards. Für die Betroffenen ist das katastrophal.