# taz.de -- Abgeschobene Frau in Passau: „Nix Stammtisch, stinksauer bin i“
> Ende April wurde in Passau eine Frau, die seit sechs Jahren in einem
> Traditionsgasthaus angestellt war, abgeschoben. Seither probt der Wirt
> den Aufstand.
(IMG) Bild: Der Wirt, der jetzt auch Aktivist ist: Josef Wolf in seiner Gastwirtschaft in Passau
Passau, Altstadt, als Landzunge streckt sie sich hin zum Eck, wo die Ilz,
der Inn und die Donau zusammenfließen. Beschaulich ist es hier bis in die
letzte Kirchturmspitze und den letzten Winkel eines Hauses, das schräg ans
nächste gebaut ist. Heimelig bis ins rostende Scharnier eines Fensterladens
und ins winzigste Grün, das am Innkai wächst. ([1][Verbotenerweise wächst],
denn die Obrigkeit findet, dass das Grün zu viel Dreck macht.)
Vom großen Hochwasser im Jahr 2013 sind keine Spuren mehr sichtbar. Dabei
war hier doch alles überschwemmt. Auch das jahrhundertealte Gasthaus zum
[2][Goldenen Schiff] ein Trümmerhaufen. „Den Boden in der Wirtschaft haben
wir verloren“, sagt Josef Wolf. Verloren – was für ein Wort. Den Boden
verlieren.
Wolf sitzt am Stammtisch und erzählt, wie das Wasser über Nacht
unaufhörlich stieg, es bis zur Kante der Tischplatte stand, wie sie noch
Gäste auf ihren Zimmern hatten, die nicht mehr rauskonnten, wie sie später,
als die Flut sich zurückgezogen hatte, die Reste vom weggeschwemmten Boden
rausrissen, „300 Jahre altes Fischgrätparkett“, und über die Deckenbalken
des darunter liegenden Gewölbes balancierten. 19 Jahre war er da. Alt genug
für Sintflut, Mut und Abenteuer. Und er erzählt, dass es jetzt, 13 Jahre
später, wieder passiert: Gerade nämlich hat seine Mitarbeiterin Rugiatu
Kamara den Boden unter den Füßen verloren und ist im freien Fall.
Kamara ist angestellt im Goldenen Schiff. Sie ist Beiköchin, managt
verantwortlich die kalte Küche, wird überhaupt eingesetzt bei vielem, was
in einer Wirtschaft anfällt. „Unsere Rugi“, sagt Wolf, „eine fröhliche
Frau, trotz all der Schicksalsschläge, die sie erlebte.“ In einer
Nacht-und-Nebel-Aktion wurde sie Ende April von der Polizei abgeholt und
nach Sierra Leone abgeschoben. „Seit vielen Jahren ist sie angestellt bei
uns, ihr Vertrag unbefristet, weil sie eine so gute Mitarbeiterin ist, und
davor hat sie auch schon hier gearbeitet“, sagt er. „Eine verlässliche
Kraft.“
## "Ich bin Stammtischkind"
Josef Wolf, der auf der Holzbank sitzt, die sich die Wände der
Gastwirtschaft entlangzieht, die nach dem Hochwasser noch zu retten war,
spricht sanft. Der Stammtisch vor ihm, Vollholz, ist ein Fixpunkt in seinem
Leben. Wenn er Bestellungen oder Abrechnung macht, sitzt er hier, oft im
Lodenjanker, dem mit den Hornknöpfen und dem Pork-Pie-Hut, an dem Anstecker
von seinen Abenteuern hängen, vom Oktoberfest etwa. „Das Outfit, das bin
schon ich.“ Auch wenn er Filme für den [3][Instagram-Kanal vom Goldenen
Schiff] aufnimmt, sitzt er hier.
Der Wirt sagt von sich, „ich bin ein Stammtischkind“, eins, das nebenbei
mit den sozialen Medien aufwuchs. Er weiß damit umzugehen. Außerdem hat er
mal Audio-Engineering in Berlin studiert. Drei Jahre. Und abgebrochen.
„Mich hat das Künstlerische interessiert, nicht das Technische.“ Lieber
Musik auflegen statt Kabel schleppen. Wenn er Musik auflegt, Techno meist,
ist er [4][DJ Susi].
Wolf liebt das Spiel mit Namen; auf dem Instagram-Kanal vom Goldenen Schiff
heißt er Beppo Guancale. Beppo – Sepp, Guancale – Schweinebacke,
Bauchspeck. „Stammtisch mit Beppo Guancale“, heißt es dann. Er am Tisch in
seinem bayrisch-mondänen Outfit, hinter sich ein gläserner Schaukasten, in
dem farbige Elemente hängen, die nicht zu identifizieren sind, aber auf
tote Weise sinnlich wirken, wie in Keramik gegossene Genitalien. Vor sich
hat er das Schild, auf dem „Stammtisch“ steht.
Von hier aus erzählt er in seinen Videos dann aus dem Leben eines Wirts.
[5][Wie viel vom Schnitzel] nach Abzug aller Kosten bei ihm ankommt etwa.
Fünf Prozent, rechnet er vor. In einem anderen Post kündigt er ein
vergünstigtes Kellerbier an für Leute, die beim Volksfest, der Dult, [6][in
Tracht ins „Schiff]“, wie hier alle nur sagen, kommen. Oder er wirbt für
ein [7][Schafskopfbrett]. Im Wirtshaus treffen sich Schulklassen, die das
bayrische Kartenspiel lernen und spielen. „Das freut mich“, sagt Wolf.
Und dann, unerwartet, wieder ein anderer Post, wo er sich mit dem
[8][Gender-Pay-Gap] beschäftigt, damit also, dass Frauen bei gleicher
Arbeit im Schnitt sechs Prozent weniger verdienen als Männer. Deshalb gibt
es im Schiff ein Herrengedeck (Kellerbier und Marillenbrand), das sechs
Prozent teurer ist als das Damengedeck (Weinschorle und Aprikosenlikör).
„Um Gendergerechtigkeit wieder herzustellen.“
Gefragt, woher sein Engagement für Frauen kommt, antwortet er, er sei mit
einer Feministin verheiratet und seine Schwester, Charlotte Piwowarsky, mit
der zusammen er das Goldene Schiff vor zwei Jahren vom Vater übernommen
hat, sei auch sehr für Gleichberechtigung. „Piwowarsky heißt Bierbrauer“,
sagt sie, es klingt, als gefiele ihr der Name. Sie hat ihn von der Mutter.
Seit dem 29. April aber ist auf Josef Wolfs Instagram-Kanal nichts mehr wie
vorher: „[9][Nix Stammtisch, stinksauer bin] i“, sagt er und rutscht vor
die Kamera. Es fehlt, dass er auf den Tisch haut. Denn der Wirt, der sonst
so sanft klingt, ist wütend: „Unsere Rugi, eine Mitarbeiterin, die seit
sechs Jahren bei uns arbeitet, ist abgeschoben worden.“
Er fasst zusammen, was bekannt ist: dass Rugiatu Kamara sich seit Jahren
von Duldung zu Duldung hangelte, dass sie versucht hat, nach dem
Chancenaufenthaltsgesetz eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, alle Tests
bestanden hat, gefehlt hat ihr der Pass. Sie hätte nach Sierra Leone fahren
müssen, dem Land, aus dem sie vor Jahren floh. Immerhin war es ihr
gelungen, einen sogenannten Proxy-Pass zu organisieren, einen, der
ausgestellt wird in Abwesenheit. Das Ausländeramt in Passau erkennt ihn
nicht an. „Es ist so würdelos und so unverschämt, was da passiert“, sagt
Wolf auf Instagram.
An einem Donnerstag wurde Kamara in Abschiebegewahrsam genommen, das Handy
durfte sie nicht behalten, konnte niemanden informieren. Am Dienstag war
sie schon weg. Das Goldene Schiff sei am Ende vom Anwalt informiert worden.
Josef Wolf alias Beppo Guancale nutzt den Instagram-Post für eine
Abrechnung mit der Ausländerpolitik. Dass abgeschoben werde ohne Sinn und
Verstand. Das Video wird millionenfach geklickt, hat mittlerweile über
220.000 Likes, und Josef Wolf, der viele Rollen im Leben hat, der Wirt, der
Koch, der Geschäftsführer, Ehemann, Sohn und Arbeitgeber von 15
Mitarbeitenden, der DJ, Oktoberfestkellner und Influencer ist, hat nun eine
Rolle mehr: Jetzt ist er auch Aktivist.
## "Bis Rugi zurück ist"
„Ja“, sagt er, „es schaut so aus. Ich habe das gemacht, um etwas gegen
meinen Unmut, meine Hilflosigkeit zu tun.“ Er ist entschieden, an der Sache
dranzubleiben, „bis Rugi zurück ist“. Sein Vater, der einst Professor für
Volkskunde werden wollte, dann aber als Student so reinrutschte ins
Gastwirtsleben, steckt sein Ziel nicht gar so hoch. „Wir machen das, damit
andere in Zukunft eine Chance haben.“
Seit Wolf viral ging mit der Geschichte von Kamara, melden sich andere
Wirte bei ihm, deren Personal die gleichen Probleme hat. Wolf nennt eine
Pizzeria in Passau, wo es in letzter Sekunde gelungen ist, dass der
angestellte Mann nicht abgeschoben wurde. „Ich habe mit unserem Mitarbeiter
gesprochen, er möchte hier leider nicht genannt werden“, schreibt der
dortige Besitzer in einer Mail am 22. Mai und fährt fort, dass sein
Mitarbeiter „erstmal froh ist, dass er nun endlich für die nächsten 2 Jahre
seinen Aufenthaltstitel erreicht hat“. Und dann schreibt er noch: „Auch wir
möchten leider nicht genannt werden.“
Warum die Öffentlichkeit scheuen? „Weil das Ausländeramt in Passau ein
Angstgegner ist“, sagen die beiden Integrationshelferinnen, die ins Schiff
kommen, um über die Schwierigkeiten zu sprechen, die sie mit dem Amt haben.
Auch sie wollen anonym bleiben. „Wir wollen nicht, dass die Kanäle, die wir
überhaupt noch zum Ausländeramt haben, verstellt werden.“
Und dann erzählen sie, wie sie 2015, als die vielen Flüchtlinge über die
nahe Grenze zu Österreich in die Stadt kamen, natürlich helfen wollten,
„von Butterbrote schmieren bis Windeln verteilen, Wunden verbinden oder
Impfungen organisieren, wir haben alles gemacht“. Sie blieben dran an der
Flüchtlingsarbeit, auch als weniger Menschen ins Land kamen, und wurden
nach und nach Expertinnen, ohne die die Flüchtenden aufgeschmissen wären.
„Wir helfen ihnen [10][durch den deutschen Bürokratiedschungel], dämpfen
das Unwirsche“, sagt eine.
Und die andere: „Wir besorgen Ausbildungen, erklären, finden Wohnungen,
unterstützen, geben Deutschkurse, helfen bei Krankheiten, tun, was wir
können.“ Sie sind das menschliche Gesicht der Ausländerpolitik. Und
trotzdem, „uns wird vermittelt, dass wir lästig sind“. Politik und
Verwaltung machen ihre Arbeit immer wieder zunichte, indem sie Leute aus
den Häusern, aus Schulen, vom Arbeitsplatz weg holen. Und sich damit
brüsten, dass mehr Leute aus dem Land geschafft werden denn je. „Durch ihre
Abschiebungen zeigen sie uns, dass sie uns nicht ernst nehmen. Wir sind
geschädigt“, sagt eine.
## Ein runder Tisch
Die Integrationshelferinnen wollen, dass endlich ein runder Tisch
eingerichtet wird mit allen, die mit Flüchtenden zu tun haben. Sie wollen
Ansprechpersonen im Ausländeramt, eine Telefonnummer, wo sie anrufen
können, sofort Auskunft bekommen, „die, die es gibt, ist seit zwei Jahren
blockiert“. Und sie wollen eine Möglichkeit, Post abzugeben mit
Bestätigung, dass die Unterlagen eingereicht wurden.
„Immer wieder wird behauptet, Briefe seien nicht angekommen. Wir raten den
Leuten, zu filmen, was sie in den Umschlag stecken, und zu filmen, wie sie
die Post in den Briefkasten vor dem Ausländeramt einwerfen.“ Sie wünschen
sich, dass auf der Homepage ein FAQ steht und dass die Beamten auf Deutsch,
nicht auf Bayrisch mit den Menschen sprechen. „Eigentlich sind das
Selbstverständlichkeiten.“ Solange die nicht gelten, sei der Willkür Tür
und Tor geöffnet. Josef Wolf, der Wirt vom Schiff, drückt es so aus: „Die
Intransparenz, die ein Amt mit sich bringt, finde ich extrem
undemokratisch.“
Rugiatu Kamara betreuten die beiden Integrationshelferinnen nicht, „bei der
lief es doch“, sie hatte Arbeit, sie hatte eine Wohnung. „Die vom Schiff
haben sie unterstützt.“ Dass sie abgeschoben wurde und wie, da seien Fehler
gemacht worden. „Ihr Pass wurde hier nicht anerkannt, aber zum Abschieben
hat es gereicht“, sagt eine. Das ist eine Ungereimtheit.
Eine andere: dass sie ungeimpft abgeschoben wurde. Hubert Denk, der
Journalist des lokalen Magazins [11][Bürgerblick], wollte sofort nach
Sierra Leone fliegen wegen Kamara. Geht nicht. Er braucht eine
[12][Gelbfieberimpfung], die mindestens zwei Wochen vor Abflug verabreicht
sein muss. „Wie man mit den Menschen umgeht: So geht staatlicher
Menschenhandel“, sagt er in seinem Büro. „Leute wie Rugi, die werden doch
gebraucht. Die Gastronomen, die Krankenhäuser, die Landwirte sind
aufgeschmissen ohne sie.“
## Aus Sierra Leone geflüchtet
Josef Wolf, der Wirt, weiß einiges über Kamara. Dass sie aus Sierra Leone
kommt, dass sie mit den Folgen sexualisierter Gewalt zu tun habe, dass ihre
Familie nach Gambia flüchtete aus politischen Gründen, dass sie in Sierra
Leone, wohin sie jetzt abgeschoben wurde, niemanden mehr habe, dass es
gefährlich sei für sie dort, dass sie sich versteckt hielte. Und dass sie
jetzt versuche, nach Ghana zu gelangen, 2.000 Kilometer entfernt, weil sie
nur dort ein Visum für Deutschland beantragen könne, [13][in Sierra Leone
geht das nicht]. Und er sagt, dass er nicht insistiere, wenn er merke, dass
ihr das Antworten auf persönliche Fragen schwer falle, die Stimme belegt,
die Augen feucht. „Ich stelle ihre Fluchtgründe nicht infrage, wenn ich
höre, wie Frauen dort behandelt werden“, sagt er. Die Menschenrechtslage
ist laut [14][Amnesty International] in Sierra Leone schwierig.
Insbesondere was Frauenrechte angeht.
Wann kam Kamara nach Deutschland? Wo hat sie vorher gelebt? Wie war ihr
Fluchtweg? Was hat sie erlebt? Hat sie Kinder? Die Ausländerbehörde in
Passau, die es wissen könnte, gibt keine Auskunft. „Datenschutz.“ Es gibt
die Frau hier nicht mehr. Sie ist wie gelöscht.
Nach Umwegen ist es möglich, Kamara per E-Mail zu erreichen. Hier ist, was
sie schreibt: „Thank you for reaching out to me currently am not happy
because I was deported against my wish and …“ – Danke dass Sie mich
kontaktieren es geht mir nicht gut weil ich gegen meinen Willen abgeschoben
wurde und ich habe ein Problem in meinem Land über das ich nicht sprechen
kann ich fühle mich bedroht durcheinander unglücklich ich kann nicht aus
dem Haus gehen verstecke mich die ganze Zeit weil ich Angst habe dass diese
Leute mich umbringen wenn sie mich sehen auch meine Augen machen mir zu
schaffen weil ich nicht die richtigen Augentropfen habe … „please continue
to help and rescue me from this situation. Thanks.“ Alles geschrieben in
einem Zug.
## Die Frau ohne Namen
Passau ist eine kreisfreie Stadt, der Bürgermeister ist oberster Dienstherr
der Ausländerbehörde. Mitte Mai kam der neue Bürgermeister Andreas Rother,
ein Sozialdemokrat, ins Amt. Wolf sprach mit ihm über die Abschiebung.
Daraufhin hat er einen Brief an die deutsche Botschaft in Ghana geschickt,
dass man Kamara ein Arbeitsvisum geben möge. Zumindest das.
Die Anfrage der taz nach einem Gespräch indes wurde abgelehnt. Der
Ablehnung wurde eine Pressemitteilung beigelegt, in der auch folgender Satz
steht: „Die Dame hatte 1 ½ Jahre Zeit, um die Vorgaben des
Chancenaufenthaltsgesetzes zu erfüllen, was insbesondere die Beschaffung
eines gültigen Identitätsnachweises anbelangt.“ Soll heißen: Die Frau ohne
Namen ist selbst schuld.
„Ich verstehe nicht“, sagt Josef Wolf, „dass der Bürgermeister nicht
stärker betont, wie wichtig Leute wie Rugi für die Wirtschaft von Passau
sind. Er hat die Abschiebung doch nicht zu verantworten, sondern sein
Vorgänger. Für den neuen Bürgermeister wäre es eine Win-Situation.“
Auf die Pressemitteilung des OB angesprochen, antwortet Toni Schuberl, der
rechtspolitische Sprecher der Grünen im bayrischen Landtag, am Telefon:
„Frau Kamara soll also in ein Land reisen, aus dem sie geflüchtet ist, um
dort ein Visum für Deutschland zu beantragen, das sie bei uns nicht
beantragen kann, damit sie wieder einreisen kann. Das ist Schwachsinn.“
Auch den bayrischen Innenminister geht er an, weil der bei einer
[15][Anfrage der Grünen] im Landtag ausführte, dass die 57-Jährige zu Recht
abgeschoben worden sei, da sie alt und keine Facharbeiterin sei und
zukünftig die Sozialsysteme belasten könnte. [16][Die Gegenrechnungen], die
aufgemacht werden, lassen das so nicht stehen. „Kamara zahlt seit Jahren in
die deutschen Sozialsysteme ein“, sagt Schuberl. Ohnehin mache die Rechnung
des Innenministers eines klar: Ausländer und Ausländerinnen würden vor
allem unter dem Aspekt der Verwertung betrachtet.
Das mit der Facharbeit wird übrigens gerade kreativ gelöst. Wenn Kamara es
zurückschafft, wird sie im Goldenen Schiff eine Ausbildung zur Köchin
machen. Das Passauer Arbeitsamt signalisiere Zustimmung.
## Ein Lehrstück
Schuberl sieht, was Wolf sieht, was der Journalist vom Bürgerblick sieht,
was die [17][Omas gegen Rechts] von Passau sehen, die sich im Schiff
gründeten, was die Integrationshelferinnen sehen: dass jene Leute
abgeschoben werden, die kooperativ sind und sich an Regeln halten, weil sie
leichte Beute sind. „Und abgeschoben wird, weil viele in der CSU/CDU
denken, dass sie so der AfD Stimmen abspenstig machen können“, sagt der
Grüne Schuberl, was absurd und gefährlich sei. Wobei er klar betont:
„Schwere Straftäter will ich nicht im Land haben.“ Nur deren sei es
schwieriger habhaft zu werden.
All das ist zu einem Lehrstück im Umgang mit Schutzsuchenden geworden.
Josef Wolf stellt immer weiter Videos bei Instagram über die Abschiebung
ein. Denn eines ist klar: Rugiatu Kamara wird es nur zurückschaffen, wenn
der Druck nicht nachlässt. Nach Gesetz nämlich ist es so: Wer abgeschoben
ist, [18][unterliegt einer Einreisesperre]; in Kamaras Fall ein Jahr für
mindestens ein Jahr. Toni Schuberl relativiert das und sagt: „Natürlich
kann die Bundesrepublik jeden jederzeit reinlassen, den sie reinlassen
will.“
Derweil sitzt Kamara mittellos in Sierra Leone. Sie kennt niemanden mehr
dort. Ein Integrationshelfer aus Passau hatte einen Kontakt im Land, bei
ihr kam sie erst mal unter. Aber wovon leben? Und wie soll sie es nach
Ghana schaffen? Das Leben sei für sie in Sierra Leone extrem gefährlich.
Banden hätten es direkt auf aus dem Ausland Einreisende abgesehen, weil sie
wohl annehmen, dass die Geld haben. Das [19][US State Department] und das
[20][schweizerische Auswärtige Amt] warnen ausdrücklich vor der
Kriminalität im Land. Auf der Seite des [21][deutschen Auswärtigen Amtes]
klingt es harmloser.
Josef Wolf hat ein [22][Crowdfunding] organisiert für die Rückkehr von
Rugiatu Kamara. Jetzt wird daran gearbeitet, wie man ihr Geld schicken
kann, ohne sie deswegen zu gefährden. Damit sie die Reise nach Ghana sicher
schafft, um dort ein Visum zu bekommen. Sie möchte zurück, möchte nicht,
dass ihre Wohnung aufgelöst wird. „Sie hat noch Hoffnung“, sagt Wolf. Der
Vermieter kooperiert. Schafft sie es zurück nach Deutschland, muss sie,
Ungereimtheit Nummer drei, [23][die Kosten für ihre Abschiebung bezahlen].
„Niemand kann mir sagen, wie viel das ist. Zwischen 10.000 und 30.000 Euro
hab ich gehört. Auf jeden Fall wird viel Geld verbrannt“, sagt Wolf.
Zurück an den Stammtisch im Goldenen Schiff: Wolf sitzt wieder dort. Nach
dem abgebrochenen Studium hat er Koch gelernt. Und eine Zusatzausbildung in
Slow Food gemacht. „Ich verstehe nicht, warum die Leute teure Einbauküchen
kaufen, aber an Lebensmitteln, dem Wichtigsten, sparen“, sagt er, während
er am nächsten Instagram-Beitrag über Kamara arbeitet. „Ich habe ein
Verantwortungsgefühl für die Frau“. Ob er Angst hat, dass ihm sein
Engagement bei den Passauer Ämtern schaden könnte? „Ein bisschen schon,
aber das kann es nicht sein am Ende des Tages, dass es daran scheitert.“
Hinter ihm hängt der Schaukasten mit den farbigen Objekten, aufgereiht wie
Käfer in naturkundlichen Sammlungen, aber von Nahem sehen sie aus wie
verformte männliche Genitalien. Gefragt, was das eigentlich für Dinger
sind, die in dem Glaskasten hinter ihm hängen, antwortet er:
„Weihwasserkesselchen“. Ein Künstler aus Passau hat sie gesammelt,
identifiziert, beschriftet. Darunter: „phallut impudicum“ – der unkeusche
Phallus, „phallut preaecox“ – der frühreife Phallus, „phallut tulipum“ –
die Phallustulpe.
14 Jun 2026
## LINKS
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