# taz.de -- Die Wahrheit: Stulle mit Brot
> Immer weniger Touristen kommen nach Berlin. Eine Einladung, es trotzdem
> mit dieser ungeheuerlichen Stadt zu versuchen.
(IMG) Bild: Auch an sonnigen Tagen liegt ein Schleier des Verderbens über Berlin
Seit alters her wird in Berlin viel gejammert. Das ist Berlins Markenkern
als Stadt. Erst hat sich niemand für sie interessiert und dann zu viele.
Und plötzlich lassen sich keine Touristen mehr blicken. Höchste Zeit, die
Stadt neu anzupreisen.
Willkommen in Berlin! Willkommen, bienvenue und servus miteinander. Wir
haben all das zu bieten, was Ihre schlimmsten Vorurteile bestätigt. Sie
mögen es richtig schmutzig, schmierig, versifft und zwielichtig? Buchen Sie
noch heute die volle Packung Berlin, 14 Tage Vollpension. Bei uns sind das
fast vier Wochen. Zum Frühstück gibt’s nüschte und auf die Straßenbahn
könnse lange warten. Die kommt nämlich gar nicht erst und wenn überraschend
mal doch, dann ist es eine Betriebsfahrt. Bitte nicht einsteigen!
Hilft alles nichts, Sie müssen wohl und übel laufen, bloß Obacht:
Rutschgefahr. Im Winter – na, logisch – werden nachts die Straßen mit
gefrierendem Wasser geflutet. Das glänzt einfach so magisch. Eine Stadt im
Hochglanz. Wenn das nichts ist! Und mit dem rechten Schuhwerk kommt man so
auch viel schneller ans Ziel, hui, rasant in die Notaufnahme. Und da wollen
alle Berlinerinnen und Berliner hin. Beim Hausarzt kriegt man in dieser
Stadt eh keinen Termin, jedenfalls nicht zu den uns genehmen Zeiten nach 22
Uhr, wenn der Späti dichtmacht. Die Notaufnahme dagegen hat durchgehend
geöffnet.
## Hinterlassenschaften diverser Lebewesen
Berlin ist der Inbegriff von Hoffnungslosigkeit. Wer es hier schafft,
gehört nicht nach Berlin. Uns Einheimischen reicht ein zugiger Platz am
Tresen und kaltes, sprudelndes Schultheiss aus dem seit Generationen nicht
mehr durchgespülten Zapfhahn. Lange Zeit galten fäkal-orale Infektionen und
enterale Schleimkontaminationen als aufregendstes Mitbringsel für die
Liebsten daheim.
Gerade im Sommer ist es in Berlin ähnlich angenehm wie in der Sahara, mit
Abzügen in der B-Note, was kühle Plätze angeht. Und die Straßen sind
ähnlich glitschig wie im Winter – wegen der Hinterlassenschaften diverser
Lebewesen unterschiedlichster Spezies. Ein Schmierfilm aus halb-, ganz oder
gar nicht Verdautem, ausgeworfenen Speichelflatschen, zerkauten Kondomen
und ausgelutschten Zigarettenstummeln hat die Gehwege Berlins überzogen.
Das müssen Sie erlebt haben, da müssen Sie drauf ausgerutscht sein!
Doch das ist längst nicht alles! Sie sind überfordert von den Ansprüchen
der Gegenwart? Ihr Smartphone macht ständig Geräusche? Sie haben das
Gefühl, nicht mehr Schritt halten zu können, erst recht nicht mit Ihrem
Fitnesstracker? Sie wollen nicht alles per App regeln? Auch
Fahrkartenautomaten überfordern Sie bisweilen? Selbstbedienungskassen sind
Ihnen ein Graus? Sie sehnen sich nach Rückbesinnung, nach entspannender
Einfachheit? Endlich mal durchatmen ohne Gesurre und Gepiepe. Das gelingt
in Berlin hervorragend.
Hier fällt nämlich regelmäßig der Strom aus, weil mal wieder eine
Hauptleitung durchtrennt worden ist. Von wegen Terroranschläge! In Berlin
gehen Stromleitungen aus Überforderung kaputt. Oder weil ein Marder über
quer über die Straße liegende Kabel gestolpert ist. Die hat irgendein Genie
dort provisorisch verlegt und dann erst mal Mittag gemacht. Das ihm wohl
leider nicht bekommen ist. Magen-Darm-Verstimmung. Oder wie wir in Berlin
sagen: Läuft!
## Zugang zum Führerbunker
Fühlen auch Sie sich wie ein Wildtier, das seit Jahren nur hoch
verarbeitete Lebensmittel aus Menschenmülltonnen gefressen hat? Dann ist
Berlin goldrichtig für Sie! Zwei Wochen kein Strom, kein warmes Wasser und
aufgeweichte, nicht erwärmte Tiefkühlkost – so geerdet wie in Berlin werden
Sie in keinem renaturierten Moor-Resort mit regelmäßiger Blutegelfütterung
am eigenen Leib.
Sie denken, Derartiges nicht nötig zu haben, sind mit sich selbst im
Reinen, stets ausgeglichen und führen gerne eine heitere Melodei auf den
Lippen durch die Welt? Dann gehen Sie unbedingt auf ein Berliner Bürgeramt
und beantragen irgendwas. Früher war ein Termin dort wie ein Sechser im
Lotto, heute kriegen Sie die Termine hinterhergeschmissen. Der Senat von
Berlin feiert das als Erfolg seiner Effizienzinitiative. Dabei liegt die
gähnende Leere in den Wartezimmern der Behörden daran, dass wir
Einheimischen längst aufgegeben haben, dort etwas zu beantragen. Außerdem
sitzen wir eh alle in der Notaufnahme fest.
Gönnen Sie sich was! Vielleicht eine Meldebescheinigung. Beharren Sie
unbedingt darauf, die Bearbeitungsgebühr bar zu entrichten. So könnten Sie
Bekanntschaft mit dem Kassenautomaten vom Bürgeramt machen, so Sie ihn denn
fänden. Stattdessen werden Sie auf längst verloren Geglaubtes stoßen. Wer
weiß, hinter welcher Tür sich der Zugang zum Führerbunker befindet. Mit
etwas Glück treffen Sie dort auf Adolf Hitler persönlich, der entgegen
gängigen Gerüchten nie nach Argentinien ausgeflogen wurde und noch immer
dabei ist, seine Tagebücher zu vollenden. Die Deadline sitzt ihm im Nacken.
Nur das Bernsteinzimmer, das findet man selbst in Berlin nicht. Sonst hätte
man auch den Kassenautomaten entdeckt. Der steht nämlich mittendrin im
Bernsteinzimmer.
## Bürgermeister mit Doppelbegabung
Sie glauben, eine Begegnung mit Adolf Hitler wäre das Verrückteste, was
Ihnen in Berlin passieren kann? Dann haben Sie noch nie mit Kai Wegner
Tennis gespielt. Unser Regierender Bürgermeister ist nämlich eine reine
Doppelbegabung. Er kann verdammt gut Politik und sein Aufschlag ist auch
Hammer. Das nehmen hier zumindest alle an. Ganz bestimmt! Also beides.
Gönnen Sie sich ruhig mal was! Buchen Sie eine Tennispartie mit Kai Wegner.
Er ist ein Ass! Bitte lassen Sie ihn daher unbedingt gewinnen! Der hat das
nötig, dafür aber keine Termine und leicht einen sitzen, also im Nacken.
Kann nur sein, dass zwischendurch sein Telefon klingelt, weil in Berlin mal
wieder was ausfällt.
Keine Sorge jedoch, Sie sind rechtzeitig zurück zum Abendessen in der
Unterkunft. Es gibt Stulle mit Brot. Und falls Sie ausgerutscht und
gestürzt sein sollten: Stulle mit Brot schmeckt auch ohne Zähne. Denn
Stulle mit Brot, das ist Bier mit Bier, dargereicht als Schorle aus den
Gläserneigen der letzten Woche. Das Mitbringsel für die Liebsten zu Hause
haben Sie also auch gleich intus.
Keine Ursache, gern geschehen! Kehren Sie an- und abschließend heim mit
einer völlig neuen Sichtweise auf Ihre Mitmenschen. Buchen Sie noch heute
Berlin, Vollpension. Denn schön ist woanders.
10 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Thilo Bock
## TAGS
(DIR) Tourismus
(DIR) Berlin
(DIR) Kai Wegner
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