# taz.de -- Die Wahrheit: Bespeicheltes aus alten Zeiten
> Was passiert, wenn die ebenso historische wie persönliche
> Briefmarkensammlung nach einem Einbruch wieder auftaucht …
Nach dem Einbruch in meine Wohnung fällt es mir schwer, damit klarzukommen,
dass nichts gestohlen wurde. Ganz so als lebte ich in einer gigantischen
Sammlung wertlosen Krimskrams – wo selbst hartgesottene Einbrecher
erschüttert und mit leeren Taschen wieder kehrtmachen. Und schlimmer: Beim
Aufräumen sind Dinge aufgetaucht, die ich bislang nicht in meinem Besitz
wähnte, so als ob die verhinderten Diebe Zeugs aus einem vorherigen Raubzug
bei mir abgeladen hatten, darunter eine beleuchtbare Lupe.
Das Vergrößerungsglas lag neben der Kiste mit meinen Fotos. In und neben
ihr befanden sich erstaunlich viele Papierfetzen mit aufgeklebten und
abgestempelten Briefmarken sowie mehrere Zigarrenkisten mit bereits
abgelösten Marken. All das stammt laut Beschriftung und in meiner
unverkennbaren Kinderkrakelklaue aus einer Zeit, in der „Ausland und DDR“
noch ein anderes Sammelgebiet war als „Bundesrepublik und Berlin“.
Dies lässt erahnen, dass ich die Existenz der Lupe nur vergessen habe – wie
auch den Berg an unsortierten Marken. In der hintersten, obersten Ecke
meines Regals stehen zudem einige von mir bestückte Briefmarkenalben. Nicht
mal die sind gestohlen worden! Selbst wenn eine Blaue Mauritius drin
steckte, hätten sich die Diebe nicht darum geschert.
Wehmütig zeige ich mir also selbst meine Briefmarkensammlung. Immerhin habe
ich ja eine beleuchtbare Lupe. Gar nicht mal so interessant, diese
Miniaturbildchen, die uns zeigen sollten, wie die Deutsche Post die Welt
sah. Die schönsten Toreinfahrten des Landes, die am strengsten
dreinblickenden Männer mit doofen Frisuren oder eine besonders ausführliche
Serie mit dem führenden Brillenträger der Jahre 1969 bis 1974. Ganze 14-mal
die gleiche Visage mit 14 verschiedenfarbigen Hintergründen. Auch ohne es
drunter zu drucken, wusste jeder, dass das der Bundespräsident war. Jener,
der seine Frau mehr liebte als sein Vaterland.
Mit so was habe ich meine Kindheit verschleudert. Gab ja noch kein Tiktok
oder Insta. Unsere Tinderbildchen ließen sich nicht wegwischen. Wir mussten
sie aus Briefumschlägen schneiden, vorsichtig in Wasser tauchen, damit sich
die von Fremdspucke benetzte Gummierung vom Papier löste. Dann das winzige
Fitzelchen behutsam, am besten per Pinzette bergen, auf einem Tuch trocknen
und schließlich in ein dafür eigens angeschafftes leeres Buch hinter den
Cellophanstreifen schieben, ohne die feinen Zähne der Marke abzuknicken.
Sonst wäre alles umsonst gewesen und das Miniaturbildchen wertloser als
entwertet. Hoffentlich hatte sich der die Marke Bespeichelnde nicht bereits
an ihr vergangen und eins der Zähnchen bei der Trennung der Perforation
beschädigt!
Das Freizeitangebot in den frühen Achtzigerjahren ließ echt zu wünschen
übrig. In meiner Grundschule gab es eine Schach-AG und ein Briefmarken-AG,
beide geleitet vom gleichen Lehrer, der später versetzt worden ist, weil er
in der Hofpause einen Schüler am Ohr gezogen hat, womöglich zu recht –
wegen Geringschätzung eines Postwertzeichens vielleicht.
Dabei hätte er sie in der AG doch tauschen können, den Brillenträger des
Jahres 1969 gegen den Nahverkehrstriebzug vor violettem Hintergrund aus der
Dauermarkenserie „Industrie und Technik“ oder mit irgendwas aus der Serie
Deutschlands schönste Adelsbehausungen, etwa Burg Ludwigstein-Werratal in
Beige. Die wollte niemand, weshalb ich davon bis heute drei Exemplare
besitze. Interessenten bitte melden. Mir fehlen die „Brauanlage“
(Frankaturwert 130 Pfennige) und das „Radioteleskop“ (500 Pfennige) aus der
erwähnten Industrieserie.
500 Pfennige! In der Zeit, in der ich ernsthaft Briefmarken gesammelt habe,
war das ein immens hoher Wert. Umzurechnen in 100 Blatt Esspapier oder 50
Brausepulverröhrchen. Selbstverständlich war die 500er Marke mit dem
„Radioteleskop“ bereits entwertet. Im Tante-Emma-Laden am S-Bahnhof hätte
ich die nicht einlösen können, allenfalls gegen durchgekaute
Plastikröhrchen ohne Brausepulver.
Von der Deutschen Bundespost gibt es übrigens nur eine weitere
5-D-Mark-Marke. Abgebildet ist darauf Alice Salomon, Tag der Ausgabe: 12.
Januar 1989. Da habe längst ich keine Briefmarken mehr gesammelt. Mein
Interessengebiet hatte sich Richtung Kronkorken verlagert.
## Briefmarken des Herzens
Briefmarken habe ich fortan gemäß ihrer Erfindung verwendet, besonders in
Herzensangelegenheiten. So stand ich mit Katja in regem Briefverkehr,
obwohl wir uns beinahe täglich sahen und verkehrstechnisch eigentlich gar
kein Blatt Papier brauchten, es hätte eh nicht zwischen uns gepasst.
Um nicht unnötig die Portokasse zu belasten, haben wir die Briefmarken
mehrfach benutzt, indem wir die Bildseite mit dem Klebestift bestrichen
haben. Auf diese Weise konnte der Empfänger den Stempel abwischen, die
Marke vom Umschlag lösen, wie ich es in der Briefmarken-AG gelernt hatte,
und wiederverwenden.
Das fühlte sich so schön verboten an und machte diese Liebe umso
prickelnder. Dass wir dabei die Deutsche Post, die seit 1995 eine AG war,
quasi im Alleingang in den Ruin getrieben haben, tut mir im Nachhinein sehr
leid. Wirklich! Indigenenehrenwort! Denn jetzt habe ich den Salat. Die
einstmals so stolze Post geht ja inzwischen so was von nicht mehr ab. Und
heißt ab 1. September dieses Jahres auch nur noch DHL AG! Das will ich
nicht akzeptieren und zum Trotz Ansichtskarten verschicken, frankiert mit
hübschen Briefmarken.
## Kapuzinerkresse aus der Schublade
Der muskulöse Postshopverkäufer schob mir dann letztens einen Streifen mit
Blumenmotiv rüber. „Nee, nicht die! Haben Sie nicht was Schöneres?“ Er sah
mich verständnislos an und guckte in seine Schublade. „Wir haben hier noch
Kapuzinerkresse, Flockenblume und Buschwindröschen, die kostet aber 1,55.“
Kopfschüttelnd verließ ich den Laden. Diese Servicewüste! Dieses elende
Outsourcing! Was beschäftigten die denn für einen der holden Philatelie
unkundigen Tropf in ihrem schnöden Postshop, der ohnehin nur ein Eckchen
war in einem Laden für untragbaren Glitzerfummel und andere textile
Geschmacklosigkeiten.
Vielleicht sollte ich dem Mann mal mein Briefmarkenalbum zeigen. Mit etwas
Glück ist er bei Tiktok und startet so einen neuen Trend. Als Grundstock
für seine Sammlung würde ich ihm meine Dubletten überlassen, allen voran
die Burg Ludwigstein-Werratal in Beige zu 30 Pfennig.
23 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Thilo Bock
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