# taz.de -- Fußballnachwuchs in Côte d’Ivoire: Talente schürfen
       
       > In Abidjan, der größten Stadt in Côte d’Ivoire, bildet Benfica Lissabon
       > Fußballer aus. Dafür erhalten diese Schulausbildung, Kost und Logis.
       
 (IMG) Bild: Auserwählte: Diese jungen Fußballer wurden von den Benfica-Scouts für gut genug befunden
       
       Unser Ziel hier ist es, die besten Spieler zu finden und sie zu Benfica zu
       bringen“, sagt Carlos Costa klar und deutlich. Mit „hier“ meint er den
       „Benfica Campus Côte d’Ivoire“. Vor zwei Jahren ist er hierhergezogen, um
       im Auftrag des portugiesischen Erstligisten talentierte ivorische
       Nachwuchsfußballer ausfindig zu machen und zu trainieren. Seit Beginn des
       Jahres sogar als Cheftrainer. Mit drei weiteren portugiesischen Trainern
       sitzt er in einem Besprechungsraum der Fußball-Akademie. Alle im weißen
       Benfica-Trainingspolo und schwarzer Jogginghose. Draußen ist es tropisch
       heiß und laut. Drinnen angenehm klimatisiert.
       
       Der Campus liegt auf dem öffentlichen Gelände des Nationalen Instituts für
       Jugend und Sport in Abidjan, der größten Stadt der Côte d’Ivoire. Das
       Projekt gibt es noch nicht so lange. Im September 2024 seien sie zum ersten
       Mal über 5.000 Kilometer quer durchs Land gefahren, um aus tausenden
       Bewerbern Talente zu scouten, erzählt Costa. Er strahlt eine professionelle
       Strenge aus, während er von Training, Regeln und Disziplin redet. Doch je
       mehr er vom Alltag mit den „Kids“ erzählt, desto mehr leuchten seine Augen.
       
       145 Jungs zwischen 9 und 23 Jahren sind es mittlerweile, die hier leben,
       zur Schule gehen, Fußball spielen. Die meisten von ihnen Ivorer, aber auch
       aus Marokko, Senegal, Burkina Faso und Guinea sind welche dabei. Im
       Vergleich zu vielen anderen Fußball-Akademien im Land sei diese kostenlos,
       erzählen die Trainer. Wer es hierher schafft, bekommt neben professionellem
       Training Unterkunft, Verpflegung, Trainingsklamotten und Schulbildung.
       Sowie Struktur und Perspektive. „Wenn ein Spieler eine Verletzung hat und
       nicht mehr spielen kann oder es nicht in den Profibereich schafft, braucht
       er einen Plan B“, sagt Costa.
       
       „Nicht jeder kann Profi werden“, wiederholt er immer wieder. „Wir sagen das
       den Kindern jeden Tag: Es ist sehr schwer, bei Benfica Fuß zu fassen, das
       Niveau ist hoch. Wer nicht hart arbeitet, verpasst die Chance.“ Dennoch:
       Sollte es mit Benfica nicht funktionieren, kümmere man sich darum, die
       guten Spieler in anderen europäischen Clubs oder in Colleges
       unterzubringen, so das Versprechen.
       
       ## Großer Markt in Afrika
       
       [1][Benfica ist – mit 50 Campus weltweit –] nicht der einzige Profiklub,
       der erkannt hat, dass das Fußballpotential überall in der Welt schlummert.
       Will man die Allerbesten an sich binden, bevor es die Konkurrenz tut, muss
       man den Talentepool erweitern. Gerade in Afrika gibt es noch viel Markt zu
       erobern. Viele europäische Klubs scouten den möglichen Nachwuchs direkt für
       ihre Akademien in Europa. Nicht selten versuchen Akteure aber, selbst am
       Handel mit Talenten zu profitieren. Sie verlangen Geld, nutzen den Wunsch
       aus, Profi in Europa zu werden und den prekären Verhältnissen im eigenen
       Land zu entkommen. Immer wieder landen Spieler ohne richtige
       Aufenthaltsgenehmigung in Europa.
       
       „Hier wird den Kindern nichts versprochen, das nicht eingehalten wird“,
       betont Costa immer wieder. Die Bedingungen werden vorab mit Verein und
       Eltern abgeklärt. Sollte ein Spieler mit 17 oder 18 Jahren tatsächlich eine
       Profikarriere einschlagen, bekommt sein ursprünglicher Verein auch eine
       Summe ab. Und: „Wir geben einen Spieler erst frei, wenn er bereit ist und
       alles rechtmäßig ist. Wir arbeiten nur direkt mit den Vereinen.“
       
       In der Côte d’Ivoire ist Fußball mehr als nur Volkssport, er ist
       Leidenschaft. Vor allem Jungs sieht man hier überall kicken; auf
       Sandplätzen, der Straße, mit platten Bällen, zwischen weggeworfenen
       Plastikflaschen und sonstigem, herumliegenden Müll. Gefühlt alle tragen sie
       das orange Nationaltrikot der „Elephants“ und wenn diese spielen, steht das
       ganze Land still. [2][2024 gewannen sie den Afrika-Cup im eigenen Land.]
       
       „Die Kinder wachsen damit auf, dass sie ständig auf der Straße spielen“,
       sagt Costa. In Europa sehe man das nur noch selten. Zudem seien sie daran
       gewöhnt, bei 32 Grad zu spielen. Stars wie Yan Diomande oder [3][Didier
       Dogba] kommen aus der Côte d’Ivoire. Trotz des riesigen Potenzials und der
       unglaublichen Begeisterung für den Sport bewegen sich die Ligen nur auf
       Amateurniveau. Alle ivorischen Nationalspieler sind bei europäischen oder
       saudischen Klubs verpflichtet.
       
       ## „Viel gekämpft, gekämpft, gekämpft“
       
       Bei der Benfica-Akademie in Abidjan haben die Jugendliche diese Woche wegen
       eines Festivals auf dem Gelände freibekommen. Drei Jungs um die 18 sitzen
       trotzdem am Tisch im Eingang des Administrationsgebäudes und scherzen
       miteinander. Als ihr Cheftrainer erscheint, stehen sie auf, grüßen
       respektvoll. Sie wollten die Woche lieber auf dem Campus bleiben, als zu
       ihren Familien zu fahren. „Zu Hause ist die Situation schwierig, hier ist
       es entspannter“, sagt einer von ihnen, nachdem sie sich beim Trainer die
       Erlaubnis geholt haben, mit der Presse zu sprechen. Sein Idol: Messi. Trotz
       aller Schüchternheit und Bescheidenheit spürt man den Stolz der drei, für
       die Akademie ausgewählt worden zu sein.
       
       „Es war nicht einfach, wir haben viel gekämpft, gekämpft, gekämpft“, sagt
       der Ältere von ihnen ernsthaft, als stünde er schon im Zentrum einer
       Pressekonferenz, als wäre sein Traum, Profi zu werden, bereits in Erfüllung
       gegangen. Er spielt als Linksaußen und möchte „selbstverständlich bei
       Benfica“ landen sowie „ein großer Fußballer und ein großer Mann“ werden.
       Für ihren Trainer, der still daneben steht, finden alle drei nur lobende
       Worte. Er sei sowieso der „beste Coach“. Auch sonst fänden sie alles super
       an der Akademie. Und immer wieder fallen die Worte: Kämpfen, Arbeiten,
       Leidenschaft. An einer Wand prangen die Portraits von fünf ehemaligen
       Benfica-Nachwuchsspieler einer Akademie in Lissabon.
       
       Bei der Führung über den Campus erzählt Costa mit einem Schmunzeln, wie er
       manchmal banale Konflikte unter Teenies klären muss. „Es sind eben Kinder“,
       sagt er. „Und wir sind Lehrer, Eltern, große Brüder, Trainer und
       Psychologen zugleich.“ Er lebt in einem Haus am Rande des Areals und ist
       jederzeit ansprechbar. Im Zentrum liegt der Fußballplatz mit Aschenbahn,
       daneben die Schulräume, in denen eigens eingestelltes Lehrpersonal
       unterrichtet. Weiter hinten ein hochwertig eingerichteter Fitnessraum. Bei
       der Runde über den Campus werden die Benfica-Trainer von allen Seiten
       begeistert gegrüßt. Ein Vater fragt, ob er sein Kind anmelden kann, Costa
       verweist auf die offiziellen Scoutings.
       
       Einige Hundert Meter von den Sportinstallationen entfernt stehen zwei rote,
       dreistöckige Gebäude. Hier sind die Nachwuchsspieler untergebracht, die
       sich je zu zweit ein Zimmer teilen, inklusive privates Badezimmer und
       Klimaanlage – für die meisten ein bislang unbekannter Luxus. Auch sonst ist
       alles Notwendige vorhanden: Waschküche, Kantine, ein Raum für
       Pressekonferenzen, eine Krankenstation, sogar ein Fotostudio und ein
       Medien-Raum für Spielanalysen.
       
       ## Strikte Regeln
       
       „Höchste Ansprüche, höchste Disziplin, höchste Bescheidenheit“ lautet der
       Slogan der Akademie. Es herrschen strikte Regeln. In der Kantine hängen sie
       klar leserlich neben den Stundenplänen und dem Tagesmenü. Sauberkeit und
       Ordnung sind erwünscht, Kopfhörer beim Essen verboten. Alkohol und Drogen
       auch. Wer damit erwischt wird, fliegt. Auch Besuche auf den Zimmern sind
       untersagt. Elternbesuche müssen angekündigt werden. Und wer öfter nicht wie
       vorgegeben um 21.30 Uhr auf seinem Zimmer ist, wird von der Akademie
       verwiesen.
       
       Die Akademie sei eben kein Hobby, sagt Costa. Eine Regel lautet auch:
       „keine Mobiltelefone“. „Ihre Aufgabe ist es, zu lernen und Fußball zu
       spielen“, sagt Costa. „Wenn man auf hohem Niveau Fußball spielen möchte,
       kann man nicht um ein Uhr morgens schlafen gehen.“
       
       Die portugiesischen Trainer finden es amüsant, dass gerade sie – deren Land
       nicht unbedingt für Pünktlichkeit und Disziplin bekannt ist – hier so stark
       dafür einstehen müssen. João, einer der Trainer erklärt: „Was die
       Arbeitsmoral angeht, gibt es kleine kulturelle Unterschiede.“ Viele seien
       in ärmlichen, schwierigen Verhältnisse aufgewachsen. Kontrolle, Regeln und
       Disziplin kennen sie von zu Hause oft nicht. Auch drei Mahlzeiten am Tag
       seien für viele neu, einige hätten in den letzten Monaten ordentlich an
       Muskeln zugenommen.
       
       Eines können sie aber nicht verbieten, dass die Jugendlichen auch außerhalb
       des Trainings ständig Fußball spielen. Meist „Maracana“, eine ivorischer
       Variante des Fußballs, bei der es hauptsächlich um Ballbesitz und Show
       geht. Etwas, was die Trainer nicht gerne sehen, da es das Ziel des Fußballs
       verfehlt: effizientes Toreschießen.
       
       ## Benfica mit Staatshilfe der Côte d’Ivoire
       
       Unterstützt wird die Akademie als öffentlich-private Partnerschaft [4][von
       der ivorischen Regierung]. Initiator und Präsident des Campus ist der
       ivorische Geschäftsmann Lancine Diomande. Er empfängt in Benfica-Trikot,
       Jeans und barfuß in seinem Büro. Nachdem er seine Sekretärin mit Kaffee
       machen beauftragt hat, fängt er an, voller Begeisterung von der „Kraft des
       Fußballs“ zu sprechen.
       
       Afrika könne von dieser profitieren. Und jungen Menschen eine Perspektive
       bieten, damit sie nicht die Flucht über das Mittelmeer antreten. Neben
       einem Emirates Flugzeugmodell steht auf Diomandes Schreibtisch ein Pokal.
       Diesen haben die Spieler von einem Turnier in Dubai mitgebracht. „Die
       meisten hatten davor noch nie ihr Land verlassen“, sagt Trainer Costa. Auch
       in Portugal spielen sie diesen Sommer wieder ein Turnier.
       
       Diomande hat jedenfalls große Ambitionen für die Akademie: Sie soll in den
       nächsten Jahren viel größer werden und er denkt sogar darüber nach, Mädchen
       zu fördern. Wer weiß, ob das passieren wird.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Portugiesische-Nachwuchsfussballer/!5976500
 (DIR) [2] /Portugiesische-Nachwuchsfussballer/!5976500
 (DIR) [3] /Didier-Drogba/!t5039277
 (DIR) [4] /Wahlen-in-der-Elfenbeinkueste/!6116450
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ruth Lang Fuentes
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Elfenbeinküste
 (DIR) Fußball
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Elfenbeinküste
 (DIR) Afrika-Cup
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vor Elfenbeinküste gegen Norwegen: Diomande auf Haalands Spuren
       
       Im Spiel Elfenbeinküste gegen Norwegen richten sich die Blicke auf Diomande
       und Haaland – zwei Angreifer, die durchaus manche Parallelen aufweisen.
       
 (DIR) Senegals Suche nach einer Schuldigen: An den Haaren herbeigezogen
       
       Wie konnte Senegal nur gegen Frankreich verlieren? Einige sind der
       Überzeugung, dass es an der Frisur der Sportministerin liegt.
       
 (DIR) Deutschland gegen Côte d’Ivoire: Das Recht auf den eigenen Namen
       
       Côte d’Ivoire heißt das Land, aus dem der nächste Gegner des DFB-Teams
       kommt. Doch immer noch wird der Kolonialbegriff Elfenbeinküste verwendet.
       
 (DIR) Elfenbeinküste beim Afrika-Cup: Hinten hui, vorne hui
       
       Auf ihre Defensive können sich die Fußballer der Elfenbeinküste eh
       verlassen. Beim Afrika-Cup sorgen Diallo und Diomande auch für den
       Offensivschwung.
       
 (DIR) Elfenbeinküste gewinnt Afrika-Cup: Sieger mit Selbstironie
       
       Gastgeber Elfenbeinküste bezwingt nach holprigem Turnierstart im Finale
       Nigeria. Der Wettbewerb war so attraktiv und lukrativ wie noch nie.