# taz.de -- Ausstiegsbegleiter über rechte Klienten: „Wir stellen keinen Persilschein aus“
> Ausstiegsprogramme sollen Menschen helfen, die aus der
> rechtsextremistischen Szene aussteigen wollen. Aber woher weiß man, ob
> jemand es ernst meint?
(IMG) Bild: Aussteigen, bitte: Rechtsextreme bei einem Rechtsrock-Konzertes in Thüringen im Jahr 2017
taz: David A., betreuen Sie Klient:innen auch in laufenden Ermittlungs-
und Gerichtsverfahren?
David A.: Nein. Wir nehmen zwar jemanden ins Programm auf, arbeiten aber
erst nach Verfahrensabschluss mit ihm. Auf diese Weise vermeiden wir, als
Zeugen geladen zu werden.
taz: Warum ist das wichtig?
A.: Als Sozialarbeiter haben wir kein Zeugnisverweigerungsrecht und würden
mit einer Aussage vor Gericht unseren Klienten in den Rücken fallen – das
zerstört das Vertrauen und damit den Betreuungsprozess. Und wir müssten
unseren Klarnamen angeben.
taz: Sie haben einen Tarnnamen und selbst den sollte ich abkürzen.
A.: Aus Sicherheitsgründen. Die rechtsextremistische Szene beobachtet die
[1][Ausstiegsprogramme] und versucht herauszufinden, wer da arbeitet, um
uns mittels Gewalt davon überzeugen zu können, dass wir unsere Arbeit
einstellen.
taz: Haben Sie das erlebt?
A.: Bisher nicht, aber wir werden regelmäßig bedroht, mit Anrufen und
E-Mails.
taz: Woher wissen Sie, ob ein Klient Sie nicht vielleicht auskundschaftet?
A.: Bauchgefühl und Recherche. Wenn jemand regelmäßig auf Demos geht, ist
zweifelhaft, [2][ob der Ausstieg wirklich gewollt ist].
taz: Die Frage stellt sich auch, wenn jemand im laufenden Verfahren
ausstiegswillig wird wie [3][aktuell vor dem Amtsgericht Delmenhorst].
A.: Das ist der andere Grund, warum wir erst nach Verfahrensabschluss mit
der Arbeit beginnen. Ein Strafverteidiger setzt alles daran, um das Gericht
davon zu überzeugen, dass sich sein Mandant auf dem Weg der Besserung
befindet. Aber wir stellen keinen Persilschein aus, damit jemand eine
Hafterleichterung oder Bewährungsstrafe bekommt.
taz: Sondern?
A.: Wir wollen eine intrinsische Motivation erkennen können, dass jemand
bereit ist, Einstellungen zu überwinden, vergangene Taten zu reflektieren,
die Opferperspektive einzunehmen, Ideologien und Biografie zu bearbeiten.
taz: Woran erkennen Sie die?
A.: Wenn es jemandem egal ist, ob er sofort oder erst nach dem Verfahren
mit uns arbeiten will, ist das ein gutes Zeichen. Oder wenn ein Bruch in
der Biografie erkennbar ist, eine Veränderung im Lebensstil.
taz: Zum Beispiel?
A.: Mindestens 90 Prozent meiner Klienten sind tätowiert mit Motiven aus
dem rechtsextremistischen Spektrum. Viele beantworten die Frage, warum sie
sich gemeldet haben, damit, dass sie ein Tattoo loswerden wollen. Dann weiß
ich, der meint das wahrscheinlich ernst.
taz: Und wenn jemand die Tattoos behalten möchte?
A.: Dann begeht er weiter Straftaten. Wer sich zum Beispiel von den
menschenverachtenden Verbrechen der SS nicht distanzieren will und ihre
Insignien behält, meint es nicht ernst mit dem Ausstieg.
taz: In dem Delmenhorster Verfahren hat der Anwalt des Angeklagten
öffentlich gemacht, dass sich dieser in einem Ausstiegsprogramm des
Verfassungsschutzes befindet. Gibt es nicht eine Notwendigkeit, sich vor
der Szene zu schützen?
A.: Ja. Deswegen passiert ein Ausstieg mit uns still und leise. Also keine
öffentlichen Bekenntnisse oder Auftritte.
taz: Geht das immer?
A.: Schwierig ist es für Leute, die zum Organisationsteam gehört haben. Da
fällt das sofort auf, wenn jemand wegbleibt. Dann gibt es Hausbesuche.
taz: Helfen Sie bei Namenswechseln?
A.: Das ist die Ultima Ratio, super langwierig und teuer. Bei den meisten
reicht ein Umzug, wenn er notwendig und gewünscht ist.
taz: Und ein neues Leben?
A.: Ja, die rechtsextremistische Szene ist allumfassend und betrifft alle
Lebensbereiche: Freunde, Partnerschaften, manchmal Familie, meistens
Arbeitgeber. In der Szene kümmert man sich auch um alle Probleme, die
jemand haben könnte. Auch deine Freizeit wird mit organisiert. Wenn du das
verlässt, stehst du vor einem riesengroßen Loch, das gefüllt werden muss.
taz: Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel?
A.: Wir zeigen, wie das alles außerhalb der Szene funktioniert, bis dahin,
wo jemand eine neue Partnerin finden kann. Über allem steht: Wie komme ich
damit klar, dass ich freitags abends keinen Grund mehr habe, mit meinen
Kumpels einschlägige Musik zu hören und mir einen hinter die Binde zu
gießen?
taz: Spielt Alkohol eine große Rolle?
A.: Unter anderem. Viele Klienten sind suchtkrank.
taz: Kommen Kaderleute auch zu Ihnen?
A.: Selten. Die führen in der Regel ein gutes Leben, haben Macht, Geld,
Anerkennung, Einfluss und selten Repressionen vom Staat zu befürchten, weil
sie ihre Leute vorschicken, die für sie Straftaten begehen. So ein Ausstieg
ist ein langwieriger, anstrengender Prozess, oft über Jahre – ohne
Veränderungsdruck lässt sich da kaum jemand drauf ein. Deshalb ist auch der
Widerstand in der Gesellschaft so wichtig.
taz: Wie meinen Sie das?
A.: Wenn wir Haltung zeigen, indem wir menschenfeindlichen und
rechtsextremistischen Personen widersprechen, erfahren sie Widerstand, der
dazu beiträgt, den Veränderungsdruck auszulösen.
taz: Wie definieren Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?
A.: Wenn jemand mit beiden Füßen auf der freiheitlich-demokratischen
Grundordnung steht. Das gelingt uns oft. Aber natürlich gibt es auch
Abbrüche oder Rückfälle, meistens aufgrund der Suchterkrankung.
taz: Woran messen Sie das?
A.: Wenn jemand keine Straftaten mehr begeht, auch nicht mehr Worte, Bilder
und Töne mit strafbarem Inhalt konsumiert. Ich werde es aber nicht
schaffen, dass jeder seine dunklen Gedanken für immer wegschließt.
taz: Gibt es neben den Suchterkrankungen andere Muster, die Ihnen häufig
begegnen?
A.: Wir haben Fälle, bei denen man sich fragt: Wie konnte das passieren?
Gutes Elternhaus, Schulabschluss, Berufsausbildung. Aber häufig begegnen
uns biografische Brüche, fehlende Vaterfiguren, Enttäuschungen.
taz: Betreuen Sie [4][auch Frauen?]
A.: Sehr wenige. Das liegt daran, dass sie in der Szene unterdrückt werden,
da kommen wir schwer ran, wir müssen da unsere Konzepte überarbeiten.
Allerdings schaffen Frauen den Ausstieg eher alleine als Männer.
taz: Haben Sie manchmal Mitgefühl mit den Klienten?
A.: Nein, diese Menschen entscheiden sich aktiv für die Straftaten. Die
kann man mit einer schwierigen Kindheit erklären, aber niemals
entschuldigen. Das ist auch wichtig im Kontakt mit dem Klienten: Ihn da
nicht aus der Verantwortung zu lassen.
16 Jun 2026
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