# taz.de -- 25 Jahre „und das ist auch gut so!“: Offenheit lohnt sich
> Wowereits legendäres Coming-out am 10. Juni 2001 hat Homosexualität in
> der Politik entdramatisiert. Warum passiert das nicht auch im
> Männer-Profifußball?
(IMG) Bild: Wowereits Coming out auf dem Landesparteitag im Juni 2001, und das war wichtig so
SPD-Landesparteitage, zumal in Berlin, sind in der historischen Betrachtung
normalerweise nie der Rede wert, aber der vom 10. Juni 2001 wird im
Gedächtnis bleiben. „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, sagte dort
[1][Klaus Wowereit], damals Fraktionschef der SPD im Berliner
Abgeordnetenhaus und designierter Kandidat für das Bürgermeisteramt der
Hauptstadt. Dieser Satz veränderte die atmosphärische Lage der Republik im
Hinblick auf Homosexualität ums beinah Ganze.
Wowereit griff auf der politischen Versammlung ein, besser: sein Thema auf,
das bis dahin zum klassischen Repertoire homophober Kommunikation gehörte:
[2][Sprich nicht drüber!] Du kannst schwul (oder lesbisch) sein, aber
schweig darüber, denn die Öffentlichkeit wird dir ihre Liebe entziehen,
jeden Respekt verweigern – du wirst fallen!
Die Homosexualität Wowereits war in seinem Umfeld kein Geheimnis, aber er
wollte, so gab er hernach zu Protokoll, mit seinem öffentlichen
Selbst-Outing jeder Denunziation, etwa durch Medien, den Boden entziehen.
Keine Skandalisierung, wie in den Jahrzehnten zuvor, sollte möglich sein.
Schon so manche Karriere, ob von Männern oder Frauen, war bereits zerstört
worden mit dem Hinweis, er oder sie sei nicht wählbar, weil … homosexuell.
Und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen, in der Politik, in der
Wissenschaft, in Institutionen, in Großverbänden. Das war mit diesem Satz
passé, zumal – oder vielleicht gerade deswegen – dieser Sozialdemokrat auch
noch das frivol anmutende „… und das ist auch gut so“ anschloss. Aus
ultrakonservativer Perspektive gesagt: Da isser schon so – und dann ist er
auch noch frech!
## Wichtigster Satz seiner politischen Karriere
Der damals 47-Jährige war der erste Politiker einer (zu dieser Zeit noch)
großen Partei, die dieses Experiment wagte: Das eigentlich Gewöhnliche
nicht zum Erpressungsgrund werden zu lassen. [3][Volker Beck von den Grünen
zählte nicht so recht,] weil er eben kein Akteur einer damals wirklich
überall wurzelnden Partei war. Und Guido Westerwelle von der FDP, Ole von
Beust von der Union? Sie kamen nach diesem Berliner Politiker, in gewisser
Weise Post-Wowereit.
Es war nicht so, dass es keine schwulen Männer oder lesbischen Frauen in
öffentlichen Ämtern gab – aber sie hatten immer aufzupassen, dass ihre Art
des Liebens nicht ruchbar wird. Stetig erpressbar in eigener Sache,
behindert im Prinzip, weil es die [4][heteronormative Gewöhnlichkeit]
verlangte.
Wowereit, der diesen Satz als den wichtigsten seiner politischen Karriere
bezeichnete, wurde mit dem Selbst-Outing von der konservativ-bürgerlichen
Presse als politisches Leichtgewicht gehandelt, als ob ein offen schwuler
Politiker der Hauptstadt nicht zumutbar sei. Die queere – hier als
Sammelbegriff aller nicht-traditionell heteromäßig lebenden Menschen –
[5][Community lernte mit ihm: Offenheit lohnt sich], Versteck zu spielen
ist nicht mehr überall nötig.
Mehr noch: Der berühmte Satz, von dem die CDU in Berlin und mit ihr etwa
auch der Tagesspiegel hoffte, er bereite der SPD eine Niederlage,
[6][zerschellte an der politischen Wirklichkeit]. Wowereit nämlich war
gerade bei den älteren und alten Berlinern unglaublich populär. Die
LGBT*-Community begriff: Man kann mit Schwulem oder Lesbischem auch
gewinnen.
## Homosexuelle werden nach wie vor gemobbt
Das war, historisch gesehen, ungewohnt. Heute ist das anders: Zwei
Fraktionschefs der Bundesregierung sind schwul – und niemanden interessiert
es. Ein Vorsitzender einer großen Gewerkschaft ist ebenfalls homosexuell,
wie auch [7][etliche Bürgermeister:innen bundesdeutscher Städte]. Sie
stehen (auch) als offen homosexuell zur Wahl und finden mehrheitlich
Zuspruch. Ministerinnen aus Bundes- und Landesregierungen waren und sind
lesbisch und niemanden kümmerts. Sogar die Chefin der rechtspopulistischen
AfD, [8][Alice Weidel, ist offen lesbisch und in ihrer Partei deshalb nicht
weniger populär].
Sie alle achten allerdings strikt darauf, sich nicht auf Zuschreibungen
heterosexueller KollegInnen einzulassen à la: Du bist lesbisch oder schwul
und machst jetzt entsprechende Fachpolitik für LGBTI*-Belange. Auch wenn
sie die Zuschreibung als schwul oder lesbisch nicht dementieren – warum
auch? –, auf dieses schmale Politikfeld eingehegt zu werden, dafür waren
und sind ihre Ambitionen zu groß.
In den gesellschaftlichen Sphären der genannten Männer und Frauen spielt
ihre Art der Begehrensfähigkeit mithin eine viel weniger dramabegründende
Rolle als in den Generationen vor ihnen. Blickt man jedoch genauer auf
diesen Prozess der Lockerung des Sittengefüges, bleibt es kompliziert:
Untersuchungen zu Befindlichkeiten Homosexueller am Arbeitsplatz zeigen,
dass antischwule oder -lesbische [9][Diskriminierung nach wie vor zum
Mobbingrepertoire heterosexueller Menschen] (viel mehr von Männern als von
Frauen) gehört.
Immerhin: Aus der Bundeswehr wird man bei Bekanntwerden von Homosexualität
nicht nur nicht mehr hinausgeworfen oder abgestraft, es gibt sogar – wenn
auch nicht immer wirksame – Antidiskriminierungsbestimmungen.
## Gerüchte, Andeutungen und Gossip im Männerfußball
Ein relevanter Bereich gesellschaftlicher Aufmerksamkeit entzieht sich dem
Liberalisierungstrend hierzulande allerdings [10][nach wie vor hartnäckig:
der Männerfußball]. Seit 40 Jahren gibt es hierzu Gerüchte, Andeutungen,
Gossip. Und seit 20 Jahren einschlägige Agitationen von NGOs, es möge sich
doch endlich mal ein schwuler Profifußballer outen – erfolglos.
Jüngst hat sich sogar der DFB-Nationaltrainer Julian Nagelsmann dahingehend
vernehmen lassen, er kenne zwar viele Homosexuelle, könne sich aber auch
nicht erklären, warum sich niemand im Profifußball als schwul outet.
Beziehungsweise erst nach Karriereende [11][wie der einstige
Nationalspieler Thomas Hitzlsperger]. Niemand weiß genau, warum das so ist.
Möglicherweise, weil die betreffenden Spieler fürchten, von ihren
Mannschaftskameraden im Falle eines Outings allein gelassen zu werden? Weil
ihnen beim Torjubel niemand mehr mit Schmackes in die Arme fällt? Oder weil
sie sehr hässliche Schmähungen durch das Publikum fürchten?
Alles nur Spekulation, aber eventuell liegt es auch an der Mentalität der
berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor
warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und
die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als
schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher
Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld
zu geben, ist hingegen klassistisch gesinnt: Schwules ist längst kein
Schocker mehr, auch für sie nicht.
Wowereit jedenfalls hat den, wie [12][der deutsche Soziologe Steffen Mau]
sagen würde, „Triggerpunkt“ Homosexualität entdramatisiert – über eine
Performance des dramatisch Anmutenden. Das war mutig und auch ein wenig
riskant. Im Fußball würde sich dies auch lohnen. Wer traut sich, wer will
ein Held sein?
10 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jan Feddersen
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