# taz.de -- Homosexuelle im Profifußball: Bis’ wohl schwul, Alda?
       
       > Die Bedingungen für homosexuelle Fußballer haben sich nicht wirklich
       > geändert. Warum zur Weltmeisterschaft mit keinem Promi-Outing zu rechnen
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Erst nach der aktiven Karriere selbst geoutet: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (r.) als TV-Experte
       
       Immerhin ein offen schwuler Mann steht aktuell deutscherseits im
       Kameralicht öffentlichen Interesses: [1][Thomas Hitzlsperger], bis 2010
       DFB-Nationalspieler und bekannt für seine eher robuste Spielweise,
       kommentiert in der ARD die WM. Berühmt über die Kickerei hinaus wurde er
       freilich 2014, als er in einem Gespräch mit der Zeit bekannte, schwul zu
       sein.
       
       Sein Privates war, wie zu erwarten war, von politisch-symbolischer
       Bedeutung. Denn anders als beim Frauenfußball, wo lesbische Spielerinnen,
       etwa [2][die einstige Nationaltorhüterin Nadine Angerer], keinen homophoben
       Furor stifteten, gelten männliche Homosexuelle im Fußball als unvorzeigbar,
       als No-go, als störend, unmännlich und irritierend im Kernsport des
       Männlichen (in Deutschland und fast überall sonst): auf Kameraderie
       setzend, dabei asexualisiert miteinander auch beim Torjubel, zumal
       öffentlich immer wieder Bilder von sogenannten „Spielerfrauen“ aufgerufen
       werden. Fußballer seien muskulär und athletisch in einem – körperliche
       Tugenden, die schwulen Männern nicht angedichtet werden.
       
       Hitzlspergers Selbstouting beschäftigte bis hin zur „Tagesschau“ sehr lang
       alle möglichen Medien, sogar die Bundeskanzlerin ließ sich mit einer Art
       Glückwunsch vernehmen. Man fragte sich, ohne dass dies je eine Antwort
       erhalten hatte: Glückwunsch wofür? Dafür, dass dieser Bayer sagte, was zu
       sagen ist? Dass er – was aber niemand aussprach – keine Frau in petto
       hielt, mit der der Schein des heterosexuell Gewöhnlichen bewahrt werden
       konnte?
       
       Erwartet wurde vom Publikum, dass nach Hitzlsperger weitere Profispieler
       hierzulande [3][so cool wie einst in der politischen Sphäre Klaus Wowereit
       agieren würden]: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Doch nichts
       geschah, selbst wohlmeinendste Appelle fruchteten – nichts. Von den etwa
       900 Männern, die in der ersten wie zweiten Liga unter Vertrag stehen,
       müssten – wenn fünf Prozent der Gesamtbevölkerung homosexuell sind – 45
       Männer in Liebes- und Begehrensdingen gleichgeschlechtlich unterwegs sein.
       
       ## Funktioniert ein schwuler Fußballer noch als Ware?
       
       [4][Marcus Urban] war bis in die neunziger Jahre in Thüringen auf dem Weg,
       Berufsfußballer zu werden, verzichtete aber auf diese Laufbahn, weil er dem
       Druck, heterosexuell scheinen zu müssen, nicht nachgeben wollte. Inzwischen
       ist er eine Art Ombudscoach für schwule Fußballer in spe. 2024 war er Kopf
       einer Kampagne, die zum 17. Mai einen Coming-out-Day ausrief – die mediale
       Aufmerksamkeit war enorm, aber es geschah gar nichts. Niemand „bekannte“
       sich, was vermutlich den wichtigsten Grund darin hatte, dass kein Spieler
       die Last der Ultrahysterisierung bei diesem Thema in eigener Person auf
       sich nehmen wollte, verständlicherweise.
       
       Und: Trainer, Berater, Agenturen, Physiotherapeuten … all jene Männer
       (meist sind es solche), die ihre Spieler zu umsorgen haben, sind außerdem
       daran interessiert, dass das Marktprofil ihrer Spieler nicht durch einen
       schwulen Skill beschädigt wird: Verlöre er an Verkaufswert? Fände sich
       überhaupt ein Verein, der ihn unter Vertrag nimmt, im In- oder Ausland?
       
       Um die Ware namens Fußballspieler geht es, um deren Vermittelbarkeit für
       Käufer. Keineswegs, wie gewöhnlich hierzulande gemutmaßt, muss man
       Zuschauern automatisch Homophobie unterstellen. Auch schwule Spieler würden
       von den eigenen Fans gegen die Fans der anderen, gegnerischen Vereine
       geschützt: Man hält immer zum eigenen (Vereins-)Stamm.
       
       ## Kein Bock auf Outing: Begabte Spieler verlassen den Sport
       
       Bei Thomas Hitzlsperger war es keineswegs garantiert, dass er sich erst
       nach dem Karriereende auf dem Rasen outet, mutig in prinzipieller Hinsicht
       war er schon. Aber es war DFB-Nationaltrainer Joachim Löw, der ihm abriet,
       um nicht allzu sehr öffentlich unter (Erklär-)Druck und Performancelast zu
       geraten: Niemand hätte mehr über seine harten Schüsse aufs Tor gesprochen,
       sondern … Eben!
       
       Immerhin: Der Bayer hatte es geschafft. Um es überhaupt in den Profifußball
       zu schaffen, braucht es mehr als technische Finesse, Trainingsfleiß und
       Durchhaltevermögen schon in den Nachwuchsligen der Jüngsten. Spätestens in
       der Pubertät kommt es auch auf Konkurrenzfähigkeit an, mit den anderen
       nicht nur Kamerad zu sein, sondern auch Rivale.
       
       Und Konkurrenzfähigkeit stiftet sich, alle mit dem Fußball
       Nächstvertrauten, auch Eltern von Fußballjungs wissen das, über Sprüche,
       Angebereien (wer hat mit welcher schon mal …?) und direkten Anmachen: Bis’
       wohl schwul, Alda? Locker Talk, also Kabinensprache ist nichts für
       Zimperliesen, oder wie es ein Fußballtrainer mal sagte: Sollen sie doch zum
       Volleyball gehen!
       
       Von Jahr zu Jahr gehen viele sehr begabte Nachwuchsspieler im Fußball aus
       ihrem Sport raus … als schwul geoutet und giftig stigmatisiert zu werden,
       wäre sonst unerträglich. [5][Eine These, die der Nachwuchstrainer beim FC
       St. Pauli, Christian Dobrick, neulich bestätigte]: „Es kommen weniger
       schwule Fußballer ganz oben an, weil sie ihre Energie verschwenden müssen
       für Probleme, die nichts mit dem Sport zu tun haben.“
       
       Es sind also vielleicht gar nicht 45 fälschlich orientierte Spieler, die
       sich im deutschen Profifußball lieber bedeckt halten – sondern nur 20. Aber
       auch sie wissen: Würde ich mich outen, wäre es mit meinem Sport vorbei.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [5] https://www.sportschau.de/fussball/st-paulis-trainer-dobrick-outet-sich-und-kritisiert-fussball,st-pauli-trainer-outing-dobrick-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
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