# taz.de -- Die Wahrheit: Gevierteiltes Eldorado
> Die Freiluftsaison ist in vollem Gange: Die Wahrheit checkt Spaniens
> Feierpotenzial. Olé!
(IMG) Bild: Der Autor (in Rot) bei der wahren Recherche im spanischen Las Fiestas
Bienvenidos!“ – und schon haben wir eine Tomate am Kopf, hier in Las
Fiestas. Am bunten Ortsschild begrüßt uns der als Begrüßungskommando
abgestellte junge Mann schwungvoll: „Willkommen im Dorf der spanischen
Volksfeste!“ Begeistert von so viel Elan wischen wir uns die von der
Morgensonne bereits angenehm warme Tomate aus dem Gesicht. Dann betreten
wir dieses Las Fiestas, eine kleine aragonische Gemarkung, die ohne
Unterlass alle spanischen Volkfeste gleichzeitig feiert.
Unter der Eiche am Ortseingang ist es derzeit noch friedlich. Zwar jauchzt,
kreischt und röhrt es aus den so verwinkelten wie verschlungenen Straßen
des Bergdorfes bereits animalisch, doch die Bewohner von Las Fiestas wollen
den zu Tausenden anreisenden Touristen offenbar auch etwas spanische
Geschichte mitgeben. Entsprechend antiklimaktisch beginnt unsere
Folklore-Bonanza deshalb mit den „Fiestas Historicas“, den ausgestorbenen
Volksfesten.
Zu diesen, erklärt uns der stolze Bürgermeister Manuel Diaz, gehört auch
der „Salto de la cabra“, bei dem einst eine Ziege auf traditionelle Art von
einem Kirchturm geworfen wurde. Weiter erfahren wir, dass die Wissenschaft
drei Arten spanischer Volksfeste kennt: Übergroße Puppen laufen durch die
Stadt, man wirft sich mit Lebensmitteln ab oder es werden Tiere gequält.
Und auch wenn der „Salto de la cabra“ eindeutig in die dritte Kategorie
gehört, hat der virtuelle Bungee Jump mit VR-Brille, bei dem man den Weg
der Ziege nach unten erlebt, uns dann durchaus Spaß gemacht.
Eine Abbiegung weiter geht es in Las Fiestas endlich im Hier und Jetzt los.
Endlich los mit den lebenden Volksfesten, konkret: dem Karneval. Spaniens
Karnevaltradition ist fast so bunt und grell wie die für „Los Jeckos“ hier
stets dazugehörenden Feuerwerkskörper: Mal mit, mal ohne Masken, mal mit,
mal ohne Musik; mal mit, mal ohne Riesenpuppen, aber immer mit direkt ins
Gesicht geschleuderten Böllern treiben die Menschen in der Ortshauptstraße
den bösen Geistern eins aus. Und auch wir tanzen und feiern, knallen und
zündeln on fire durch die wogenden Menschenmassen. Die heißen Rhythmen der
spanischen Böller noch in den Ohren stehen wir plötzlich am zu „La Arena“
umgebauten Dorfplatz.
## Tierische Traditionen hautnah
Hier, so hieß es in der Onlinebroschüre, könne man Spaniens tierische
Traditionen „hautnah“ erleben. Gespannt wie ein Bogen des Felipe, öffnen
wir das Gatter zur Sand-Rotunde – und werden bitter enttäuscht. Hier wird
kein Wachtelküken katapultiert, kein Jagdhund aufgeknüpft und auch keiner
Gans der Kopf abgerissen, wie es anderswo wahre Tradition ist. Stattdessen
sehen wir Kinder bei einem makabren Spiel einen Schwanz an einen Esel
pinnen und lustlose Touristen ein einzelnes Kalb mit eher an Zahnstocher
statt an Lanzen erinnernden Piekern malträtieren.
„Ah, mierda, scheiße“, seufzt uns ein Greis seinen Schinkenatem ins Ohr und
erklärt ungefragt den Grund dafür, warum hier gerade kein Nutztiermassaker
stattfinde: die Tourismusbehörde. Für die ist traditionelle Tierquälerei
seit einigen Jahren so gar kein Gewinnerthema mehr. Denn nur eine
„tierwohlgerechte Durchführung der Fiestas von Las Fiestas“ sei
mittlerweile Bedingung für nationale wie regionale Fördermittel. „Und das
blutleere Ergebnis sehen Sier hier“, poltert der Alte, während er seinem
Hund ein paar althergebrachte Tritte an den Kopf gibt.
Wovon wir uns allerdings nicht entmutigen lassen, denn irgendwo in diesem
Irrgarten von Las Fiestas wartet ganz sicher noch die festliche Krönung auf
uns. Gerade folgen wir unserer Tapas-Spur aus einer Sackgasse zurück zur
allerletzten Kreuzung, da hören wir es, hören das lustvolle Klatschen von
Lebensmitteln auf verschwitzte Körper. Das Bild, das sich ein paar
Häuserecken weiter auftut, hätte auch ein Hieronymus Bosch nicht besser
anrichten können. Hunderte Leiber geben sich einem kulinarischen
Geschnetzel hin: Menschenketten transportieren Nachschub an die Front,
Priester geben Tomatenallergikern die letzten Riten. Hier fliegt alles, was
nicht bei drei im Mund oder im Vorratskeller war: Tomaten, Mehl, Eier,
Rotwein.
Wir wollen gerade deftig mitmischen, als wir von einer besonders unreifen
Tomate am Kopf getroffen zu Boden gehen. Und erst durch den Duft von Resten
gebratener Riesen-Frittata wieder aus dem Essenskoma erwachen.
Erlebnissatt schleppen wir uns für heute zum Ausgang von Las Fiestas. Dort
beginnt eine Giga-Puppe das Dorf gerade feierlich abzufackeln. Schade um
die schönen aragonischen Häuser, aber so ist es in Spanien nun mal
Tradition.
29 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Ernst Jordan
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