# taz.de -- Ehemalige Schachnation Russland: Wenn die Taktik nicht aufgeht
> Zu Sowjetunion-Zeiten galt Schach noch als Paradesportart. Doch
> spätestens der Überfall auf die Ukraine hat die russische Schachwelt
> völlig verändert.
(IMG) Bild: Schachnachhilfe an der Front – Großmeister Sergei Karjakin steht hinter dem russischen Regime
Im August 2025 war es so weit: Zum ersten Mal seit Einführung der
Schachweltrangliste 1971 befand sich kein russischer Spieler mehr in den
Top 10. Über Jahrzehnte hatte das sowjetische Schach das Geschehen im Sport
entweder schlichtweg dominiert – von 1948 bis 2007 stellte die Sowjetunion
nur in drei Jahren nicht den Weltmeister im klassischen Schach – oder,
später dann, zumindest maßgeblich geprägt. Diese Zeiten sind vorbei.
Schachnationen wie Indien, die USA, China und auch Usbekistan sind nun an
der einstigen Übermacht vorbeigezogen.
Das ist umso bemerkenswerter, als Schach in der Sowjetunion als eine der
Paradesportarten galt, die die Überlegenheit des sowjetischen Menschen
illustrieren helfen sollte, und auch jetzt, unter Putins Regime, zu
propagandistischen Zwecken verwendet wird. Tatsächlich gäbe es nämlich auf
Papier einen russischen Spieler, der nominell zur Weltspitze gehört, aber
sich aus dem aktiven Sport verabschiedet hat: Sergei Karjakin.
2016 noch war er Herausforderer im Match um die Weltmeisterschaft, verlor
dort aber gegen [1][Magnus Carlsen]. Inzwischen betätigt sich Karjakin (der
bis 2009 für den ukrainischen Verband spielte) hauptberuflich als
Propagandist und Kriegsapologet; [2][infolge des Überfalls auf die Ukraine
wurde er für sechs Monate vom Weltverband gesperrt] und hat seitdem kein
nennenswertes Turnier mehr bestritten.
Der Überfall auf die Ukraine hat die russische Schachwelt völlig verändert,
[3][mehr als ein Dutzend Topspieler haben den Verband verlassen], unter
anderem Nikita Vitiugov, der bis zu seinem Wechsel zum englischen Verband
Nummer vier der russischen Setzliste war, und Kirill Alexeenko, der
inzwischen für Österreich spielt. Dieser Aderlass spiegelt sich auch im
aktuell stattfindenden Kandidatenturnier wieder: Zwar ist Russland durch
Andrei Esipenko im Wettbewerb vertreten, der liegt aber nach der Hälfte der
Spiele abgeschlagen auf dem letzten Platz.
## Und die russischen Frauen?
Im Frauenschach stellt sich die Lage etwas stabiler dar: Mit Aleksandra
Goryachkina, Kateryna Lagno und Polina Shuvalova sind drei russische
Spielerinnen in den aktuellen Top 12 der Welt vertreten. Die ersten beiden
spielen auch im Kandidatinnenturnier mit, und beide liegen nur einen Punkt
hinter der Führenden, Anna Muzychuk aus der Ukraine.
Beide sind auch als Unterstützerinnen des Regimes aufgetreten, anders als
Andrei Esipenko, der offenbar eine gewisse Distanz zu wahren versucht. Zum
Beispiel, indem sie in von Sergei Karjakin veranstalteten
Propagandaturnieren antraten. Als im April 2022 schließlich 44 russische
Großmeister*innen einen öffentlichen Appell lancierten, um das Ende des
Angriffskrieges gegen die Ukraine zu fordern, fehlten ihrer beider
Unterschriften.
Auch anderweitig haben sie sich nie zum russischen Angriffskrieg geäußert,
was im Falle von Kateryna Lagno auch deswegen bemerkenswert ist, weil ihr
Lebensgefährte, der dreimalige Blitzschachweltmeister Alexander
Grischtschuk, sich mehrfach in sehr deutlichen Worten gegen die Politik im
eigenen Land gestellt hat. Er protestierte nicht nur gegen den
Angriffskrieg, sondern auch gegen die Verhaftung Alexei Navalnys und
kündigte 2022 an, den russischen Verband zu verlassen, sollte Sergei
Karjakin jemals Präsident werden.
Wie die Haltung von Aleksandra Goryachkina und Kateryna Lagno aussieht,
lässt sich nur zwischen den Zeilen herauslesen; dass der russische
Schachsport hochpolitisch bleibt, zeigte sich aber in den Spielen der
beiden gegen Anna Muzychuk. Beide Male fand der übliche Handshake vor und
nach der Partie nicht statt.
8 Apr 2026
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