# taz.de -- Klima-Aktivismus, aber richtig: Sein Freund, der Baum
       
       > Heinrich Strößenreuthers Kampagne BaumEntscheid Berlin führte zum
       > Berliner Klimaanpassungsgesetz. Kann der Klima-Aktivismus daraus lernen,
       > wie man Konservative für die Sache gewinnt?
       
 (IMG) Bild: Ein Grund zum Jubeln: Die Initiative BaumEntscheid feiert vor dem Berliner Abgeordnetenhaus
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Sind die Leute im Moment tatsächlich allergisch gegen
       alles, was mit Klimaschutz zu tun hat?
       
       Dafür spräche, zum Beispiel: beim Berliner Klima-Volksentscheid 2023 gelang
       es nicht, 25 Prozent der Wahlberechtigten für den Gesetzentwurf der
       Initiative „Klimaneustart“ zu gewinnen. Bei der [2][Bundestagswahl Anfang
       2025] wurden die [3][Grünen] für Ihren Einsatz für [4][Pariser
       Klimavertrag], [5][Wärmepumpe] und Windkraft eher abgestraft als belohnt.
       
       Und Politiker wie [6][Markus Söder] versprechen sich Popularität und
       Wählerstimmen als Retter des Verbrennungsmotors und der Gasheizung. Auch
       ist es für Initiativen wie [7][Fridays for Future] im Moment ziemlich
       mühsam geworden, die Leute auf die Straße zu bringen. Die „[8][Letzte
       Generation]“ hat Namen und Strategie aufgegeben. Zumindest „gefühlt“ ist
       Klimapolitik mediengesellschaftlich ziemlich out, wenn nicht sogar toxisch.
       Wobei Medien, die das behaupten, dieses Gefühl festigen oder verstärken.
       
       ## Stößenreuther und die breite Unterstützung für Klimaschutz
       
       Überraschenderweise zeigen die jüngsten Umfragen, dass der Klimaschutz
       dennoch immer noch breit unterstützt wird: das Forschungsinstitut
       Gesellschaftlicher Zusammenhalt kam im November 2025 wieder zu dem
       Ergebnis, dass sich über 70 Prozent der Bevölkerung Sorgen machen über
       negative Folgen des [9][Klimawandels].
       
       Eine deutliche Mehrheit wünsche sich sogar, dass die Politik beim
       Klimaschutz aktiver werde. Auch Heinrich Strößenreuther widerspricht der
       These von der gesellschaftlichen Abkehr.
       
       Strößenreuther, 58, ist jener Aktivist, der mit einem Volksentscheid dafür
       sorgte, dass Berlin 2018 ein fahrradfreundliches Mobilitätsgesetz bekamt.
       Der Erfolg damals kam ziemlich überraschend. Nicht mal die etablierten
       Umweltverbände wollten am Anfang daran glauben, dass Strößenreuthers
       konfrontative Strategie zum Erfolg führen würde. Dass der heutige Senat die
       Fahrradpolitik in Teilen sabotiert, steht auf einem anderen Blatt.
       
       An diesem Tag sitzt er in der [10][taz Kantine] in Berlin. Gerade hat er
       beim tazlab zur Frage des zeitgemäßen Klima-Aktivismus gesprochen.
       Strößenreuther ist in Ostfriesland aufgewachsen, hat Wirtschaftsinformatik
       studiert, arbeitete als Manager unter anderem bei der [11][Deutschen Bahn]
       und hat sein Wissen über erfolgreichen Aktivismus in verschiedensten
       Initiativen und Organisationen in der Praxis getestet und weiterentwickelt.
       
       Zeitweise war er auch in der [12][CDU], gründete 2021 die Klima-Union, trat
       aber 2025 wieder aus und kehrte zu den Grünen zurück.
       
       Die momentane Erzählung „Alle gegen Klimaschutz“ meint Strößenreuther, sei
       eher unter Hauptstadtjournalisten verbreitet. Diese Sicht hält sich im
       Moment in vielen Redaktionen. Von Bild, Welt und Nius wird sie strategisch
       verbreitet.
       
       Doch auch der gewonnene Klimavolksentscheid im Oktober 2025 in Hamburg hat
       gezeigt, dass trotz fehlender Medienkonjunktur immer noch Mehrheiten für
       weitergehenden Klimaschutz möglich sind. Im November letzten Jahres folgte
       ein weiterer Erfolg in Berlin, an dem Strößenreuther wieder maßgeblich
       beteiligt war: das war der ziemlich geräuschlose Sieg der Kampagne
       BaumEntscheid Berlin. Das Berliner Abgeordnetenhaus nahm das von der
       Initiative vorgeschlagene Gesetz als „Klimaanpassungsgesetz“ in weiten
       Teilen an.
       
       Erst im März 2024 hatte die Initiative, gestartet von Strößenreuther und
       Génica Schäfgen, ihren Gesetzesentwurf der Öffentlichkeit vorgestellt.
       
       Warum gelang es, dass kaum 20 Monate später die wesentlichen Punkte als
       Gesetz verabschiedet wurden? Was kann man daraus lernen?
       
       ## Der BaumEntscheid als Vorbild
       
       Zu erst ist da das sorgfältig gewählte Thema „Baum“. Auch jene, die
       Maßnahmen zur CO2-Reduktion eher skeptisch sehen, seien bei
       Klimaanpassungsmaßnahmen aufgeschlossener, sagt Strößenreuther. Das seien
       Leute, die beispielsweise wenig wüssten über die Klimakrise. Desweiteren
       sei auch das Thema „mehr Bäume“ und „weniger Hitzestress“ bis in
       konservative Kreise hinein anschlussfähig.
       
       Das bedeutet auch, dass die Kommunikation sorgfältig abgestimmt wurde:
       keine „rot-grüne Folklore“, sondern ein eher konservatives Logo, eine
       Wortwahl für alle Lager und im Gegensatz zum Radentscheid weniger
       konfrontativ. Deshalb, sagt Strößenreuther, hätte die Kampagne ein breites
       Bündnis ansprechen können von der [13][Evangelischen Kirche] bis zur
       Diakonie, von Kleingarten-Vereinigungen bis zu CDU-Mitgliedern.
       
       Und was ist mit dem Vorwurf, der Einsatz für Klimaanpassung sei ja an sich
       schon ein Eingeständnis des Scheiterns weitergehender Dekarbonisierung?
       Strößenreuther sieht gerade das als Strategie und spricht vom „trojanischen
       Pferd“. Wenn heute Berliner CDU-Politikerïnnen mit Blick auf den
       BaumEntscheid „Klima“ sagten, bekämen sie das nicht mehr differenziert
       zwischen Klimaanpassung und klassischer CO2-Reduktion. Hängen bliebe: Wir
       müssen mehr für‘s Klima tun. Das sei ein wesentlicher Gewinn in der
       öffentlichen Debatte.
       
       ## Strategiefragen des Klimaaktivismus
       
       Was bedeutet dies für heutigen Klimaaktivismus? Was funktioniert, was
       nicht? Beispiel Straßen-Blockaden. Als beim tazlab am 25. April diesen
       Jahres darüber diskutiert wurde, besetzten zeitgleich in Utrecht
       Aktivistïnnen von [14][Extinction Rebellion] eine Autobahn, 200 wurden
       kurzfristig von der Polizei festgehalten.
       
       Das Instrument „Autobahnbesetzung“ wurde in den [15][Niederlanden] sogar
       viel massiver eingesetzt als in Deutschland, mit gemischter Bilanz. 2023
       blockierte Extinction Rebellion 27 Tage lang die Autobahn im politischen
       Zentrum von [16][Den Haag] mit der Forderung, Subventionen für fossile
       Brennstoffe abzubauen.
       
       Tatsächlich kam es im damals noch klimafreundlicheren Parlament 2023 zu
       einer Mehrheit, die in einer Resolution die Regierung zum Subventionsabbau
       aufrief. Das wurde jedoch von der späteren rechten Regierung (mit
       Beteiligung der undemokratischen Partei von Geert Wilders) nicht umgesetzt.
       
       Schlimmer noch: die gesellschaftliche Mehrheit für Klimaschutz wurde in den
       folgenden Wahlen in Regierung und Parlament zu einer politischen Mehrheit
       gegen den Klimaschutz. Und es kam wie in Deutschland zu einer
       parteipolitischen Aufladung des Klimaschutzes und zu ähnlichen Formen des
       Kulturkampfes. „Klimafanatiker“ wurde ein Kampfbegriff der Rechten.
       
       Gleichzeitig waren die Niederländer erfolgreiche Vorläufer bei den
       sogenannten Klimaklagen. Die Klage gegen den niederländischen Staat von
       2013 war Vorbild für den deutschen Gang zum Bundesverfassungsgericht mit
       dem Urteil 2021. Dieses erklärte Bestimmungen des
       Bundes-Klimaschutzgesetzes (KSG) mit den Grundrechten für unvereinbar,
       weshalb die Regierung diese mit höheren Zielen anpassen musste.
       
       ## Volksentscheide und Mehrheiten
       
       So haben Volksentscheide und Klimaklagen eine wesentliche Gemeinsamkeit:
       sie bedienen sich der Instrumente von Demokratie und Rechtsstaat und
       basieren auf dem Vertrauen in die Institutionen. Mit einer selbstbewussten
       Haltung wird hier für die Mehrheitsgesellschaft gesprochen, wobei der
       Adressat die Politik ist. Beim Volksentscheid (beispielsweise um Bäume)
       geht es um den Streit für politische Mehrheiten, an die Regierungen und
       Parlament gebunden sind. Bei der Klimaklage wird die Regierung auf
       rechtstaatliches Handeln verpflichtet.
       
       Dagegen vermitteln Aktionen, die auf Regelverletzung bauen und diese gar
       mit einer Ausnahmesituation begründen, eher die Haltung einer Minderheit,
       die Politik und Mehrheitsgesellschaft zu ihrer eigenen Wahrheit zwingen
       müsse. Gerade dieser Rückfall in die Minderheitenhaltung war in Deutschland
       sicher nicht hilfreich, hatten es die Fridays doch bereits vor Jahren
       geschafft, glaubwürdig im Sinne der Mehrheitsgesellschaft den Klimaschutz
       von der Politik einzufordern.
       
       Diese gesellschaftlichen Mehrheiten gibt es auch in anderer Form:
       Energie-Genossenschaften haben insbesondere im ländlichen Raum jenseits von
       Parteizugehörigkeit viele Bürgerïnnen vom wirtschaftlichen Nutzen
       erneuerbarer Energien überzeugt. Da setzt sich auch der CSU-Landrat für die
       erneuerbare Wärmeversorgung vor Ort ein. Das ist das Gegenteil von
       Polarisierung.
       
       Bei Youtube gibt es viele Praktiker und auch viele Wissenschaftler, die zu
       Photovoltaik, Wärmepumpen und [17][Elektromobilität] praktisches Wissen
       vermitteln und gegen Desinformation angehen. Dort vernetzen sich Leute, die
       vielleicht noch nie auf einer Demo waren, aber heute schon fossil-frei
       leben.
       
       Auch das ist Klimaaktivismus. Gerade das Konzept der eigenen
       Energieautonomie ist im ländlichen Raum gesellschaftlich anschlussfähig.
       Und emotionale Anschlussfähigkeit, so betont der Baumfreund Heinrich
       Strößenreuther, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
       
       Zum Schluss geht es auch um Anschlussfähigkeit in einem anderen Sinne: wir
       leben in einem Land, in einer [18][EU], in der Demokratie und Rechtsstaat
       unter Druck stehen und die „Regelverletzung“ gerade von rechts massiv
       beworben wird. Deshalb ist auch bei Klimaaktionen die Frage: Verstärken sie
       gesellschaftliche Polarisierung und Kulturkampf oder festigen sie das
       Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit?
       
       Auf dem taz lab hielten Heinrich Strößenreuther, Martin Unfried und Hanna
       Gersmann ein Gespräch zu diesem Thema ab. Das Gespräch wurde von Martin
       Unfried mitgeschnitten und ist [19][hier] auf YouTube auffindbar. 
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°37
       mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ erscheint am 09.06.. Jetzt vorbestellen
       [20][im taz Shop].
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /taz-FUTURZWEI/das-magazin-fuer-zukunft-und-politik/!v=8ce19a8c-38e5-4a30-920c-8176f4c036c0/
 (DIR) [2] /Die-Bundestagswahl-in-Zahlen/!6062600
 (DIR) [3] /Buendnis-90/Die-Gruenen/!t5015715
 (DIR) [4] /Pariser-Abkommen/!t5301048
 (DIR) [5] /Waermepumpe/!t5993030
 (DIR) [6] /Markus-Soeder/!t5022389
 (DIR) [7] /Schwerpunkt-Fridays-For-Future/!t5571786
 (DIR) [8] /Letzte-Generation/!t6152616
 (DIR) [9] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
 (DIR) [10] /kantine/essen-und-event-location/!v=44afcac2-94aa-43cd-bc80-69fee4341dc4/
 (DIR) [11] /Deutsche-Bahn/!t5008760
 (DIR) [12] /CDU/!t5008617
 (DIR) [13] /Evangelische-Kirche/!t5011092
 (DIR) [14] /Extinction-Rebellion/!t5602581
 (DIR) [15] /Niederlande/!t5009406
 (DIR) [16] /Den-Haag/!t5012652
 (DIR) [17] /Elektromobilitaet/!t5033699
 (DIR) [18] /Europaeische-Union/!t5013441
 (DIR) [19] https://www.youtube.com/watch?v=xCcUNMLQSTQ
 (DIR) [20] https://shop.taz.de/product_info.php?products_id=245742
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Unfried
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA