# taz.de -- Die Wahrheit: „Wir geben dem Sand eine Chance!“
       
       > Das spannende Wahrheit-Interview zur Flächenversiegelung durch die Firma
       > Buy Billig im Landkreis Göttingen.
       
 (IMG) Bild: Kiro Gassmann auf der grünen Weise vor Göttingen
       
       Der Infrastrukturfonds der Bundesregierung machts möglich: Die Eichsfelder
       Firma Buy Billig errichtet endlich auf dem freien Feld bei Sattenhausen im
       Landkreis Göttingen ein Einkaufszentrum. Wir sprachen mit Kiro Gassmann,
       dem Geschäftsführer des eigens dafür gegründeten südniedersächsischen
       Start-ups. 
       
       taz: Herr Gassmann, Ihr geplantes Einkaufszentrum liegt auf halber Strecke
       zwischen Göttingen und Duderstadt. In beiden Städten gibt es bereits
       Geschäfte. Welchen Sinn hat dieser Neubau?
       
       Gassmann: Das liegt doch auf der Hand! Wenn ich es wirklich noch einmal
       erläutern muss: Wer etwas in Duderstadt nicht findet, muss nicht mehr nach
       Göttingen fahren, und wer in Göttingen nicht fündig wird, braucht nicht
       mehr nach Duderstadt zu zuckeln. Vielleicht findet er es hier.
       
       taz: Die Kunden gehen doch in einem solchen Fall gleich ins Internet, wenn
       sie nicht sowieso schon dort sind. 
       
       Gassmann: Und findet uns auch dort! Wir liefern innerhalb weniger Tage,
       wenn wir den gewünschten Artikel bei einem der amerikanischen oder
       chinesischen Netzanbieter finden. Kurz gesagt: Sie finden auch bei uns, was
       Sie wollen, ob Sie es brauchen oder nicht.
       
       taz: Herr Gassmann, Sie wollen aber doch die Leute nicht ins Internet
       locken, sondern zum Einkaufen vor Ort bewegen, genau genommen zum Einkaufen
       zwischen den Orten.
       
       Gassmann: Ja, wir wollen das händische, auf dem ganzen Körper basierende
       Einkauferlebnis. Wir setzen deshalb gezielt auf Unterhaltung, Musik und
       Show, um die Kunden sauber einzuspinnen und hochzustimmen. Wir nehmen
       namhafte Künstler unter Vertrag!
       
       taz: Namhafte Künstler kommen nach Sattenhausen, auf halber Strecke
       zwischen Göttingen und Duderstadt, wo sonst Fuchs und Hase wohnen? Haben
       Sie ein, zwei lebende Beispiele? 
       
       Gassmann: Aber klar. Aus Mingerode wollen in der Karnevalszeit die Zween
       Fastelmänneken auftreten, die in Mingerode bereits sehr beliebt sind. Jeden
       Samstag werden Peer und Pit aus Bremke auf ihren herrlichen Akkordeons vor
       den Toiletten aufspielen, zwei siamesische Zwillinge. Und an wechselnden
       Wochentagen wechselnde Künstler und Künstlerinnen! Meine Schwiegermutter
       Irmgard hat schon ungefragt zugesagt, die will unbedingt ihre tollen
       Kartentricks zeigen. Dazu kommt sie dann extra aus Lütkenhausen, weil ich
       doch ein Auto habe.
       
       taz: Zurück zum Geschäft! Seit Jahren schwächelt die Konjunktur. Wo soll
       die Kundschaft herkommen? Die Leute haben immer weniger Geld im Beutel,
       manche gar keines mehr! 
       
       Gassmann: Wir nehmen auch Kreditkarten.
       
       taz: Herr Gassmann, Umweltschützer laufen Sturm gegen den Bau dieses
       riesigen Komplexes inmitten einer menschenleeren Natur. Beton und Glas
       stehen bald dort, wo jetzt Bäume, Sträucher, Wiesen und Blumen sind. 
       
       Gassmann: Wir errichten, wie gesagt, ein Einkaufscenter mit allem Drum und
       Dran! Pflanzensamen und Blumenerde können alle Naturfreunde billig bei uns
       im Gartencenter kaufen. Wir laden jeden ein, der sich für eine grüne Umwelt
       begeistert! Selbstverständlich haben wir auch Brot und ökologisch angebaute
       Kartoffeln im Sortiment, die Sie, Stand jetzt, in dieser Umgebung selber
       aussäen und ausgraben müssten. Wir bieten ein sauberes, modernes und
       weniger zeitraubendes Einkauferlebnis!
       
       taz: Das wird engagierte Ökos nicht überzeugen. 
       
       Gassmann: Gerade engagierte Ökos, wenn Sie die so nennen wollen, wissen, ja
       wollen doch, dass der Tier- und Pflanzenwelt Grenzen gesetzt werden. Immer
       mehr invasive Arten kommen bei uns an. Wo jedoch ein Einkaufszentrum steht,
       haben weder der japanische Staudenknöterich noch der Neuseeland-Plattwurm
       eine Chance!
       
       taz: Aber ein Betonklotz, der hat eine Chance? 
       
       Gassmann: Der Sand, den wir für die Herstellung von und als Beimischung zu
       Beton brauchen, ist ein reines Ökologieprodukt und wird von den deutschen
       Nordseeinseln geliefert, die den Sand sowieso nicht mehr lange brauchen.
       Der Klimawandel, Sie verstehen? Hat alles seine guten und schlechten
       Seiten.
       
       taz: Außerdem legen Sie große Parkplätze an, die – 
       
       Gassmann: Da muss ich Sie gleich unterbrechen. Parkplätze, das Wort sagt es
       doch schon: Park! Platz für einen Park! Warum sollten Umweltschützer etwas
       dagegen haben? Die müssen doch auch ab und zu einkaufen fahren.
       
       taz: Sie mögen das so rechtfertigen. Aber ich bin sicher, dass viele
       Menschen das nicht so sehen. 
       
       Gassmann: Auch Blinde sind bei uns willkommen!
       
       taz: Das nehmen wir mal als Kommentar zur aktuellen Politik, Herr Gassmann.
       Vielen Dank für das Interview.
       
       3 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Köhler
       
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