# taz.de -- Liebe zum türkischen Nationalteam: Fragile Illusion
       
       > Die WM-Qualifikation der türkischen Fußballer ist erfreulich. Ein
       > Scheitern wäre aber auch nicht schlimm gewesen. Über die Zerrissenheit
       > eines Fans.
       
 (IMG) Bild: Kerem Aktürkoğlu feiert sein entscheidendes Tor für das WM-Ticket gegen den Kosovo
       
       Fußball-WM 2002. Viertelfinale gegen Senegal. In der Verlängerung flankt
       Ümit Davala von rechts. Beşiktaş-Stürmer Ilhan Mansiz löst sich von seinem
       Gegenspieler und verwertet die flache Hereingabe direkt beim ersten
       Bodenkontakt des Balls mit der Innenseite seines Fußes – eine meisterhafte
       Berührung und der einzig mögliche Abschluss, rechts am regungslosen Torwart
       vorbei ins Netz. Ein perfekter Treffer. Golden Goal.
       
       Die Türkei steht im Halbfinale. Ich bin zwölf Jahre alt und nehme die
       Begeisterung auf den Straßen, das Gefühl von Einheit und pures Glück in
       mich auf. Alles ist rot-weiß – ohne Hintergedanken. Vielleicht werde ich so
       etwas nie wieder erleben. Wenige Monate später kam die Partei an die Macht,
       die die Türkei bis heute regiert.
       
       Seit 2002 hat die türkische Nationalmannschaft keine Weltmeisterschaft mehr
       erreicht. Gewinnt sie an diesem Abend das Play-off gegen den Kosovo, fährt
       sie zu dem Turnier, das im Sommer auf dem amerikanischen Kontinent
       stattfindet. Das damalige Gefühl dazuzugehören, ist mir fremd geworden.
       Denn egal wie sehr Fußball dieses Gefühl zu versprechen mag – am Ende ist
       er immer von Politik und Korruption durchzogen. Anders als Mansız’ Tor
       gegen Österreich hinterließ der Treffer von Merih Demiral bei der EM 2024
       [1][wegen seines rechtsextremen Grußes einen bitteren Nachgeschmack.]
       
       Trotzdem sitzen wir heute Abend zu dritt in einer irischen Bar fernab
       unserer eigenen Kieze. Vielleicht wollen wir zurück in unsere Kindheit,
       während wir das Spiel schauen und zugleich davon träumen, zur
       Weltmeisterschaft nach Mexiko zu reisen. Könnten wir das? [2][Wenn wir
       10.000 Euro auftreiben könnten], wären wir dann in der Lage, die türkische
       Nationalmannschaft mit reinem Gewissen zu unterstützen? Wen kümmert’s!
       Dieses Land gehört auch uns.
       
       ## Jeder Sieg stärkt das System
       
       Mit der Mannschaft selbst haben wir kein Problem, wohl aber mit den Werten
       derer, die sie für sich vereinnahmen. Jeder Sieg stärkt ein autokratisches
       Regime, das Andersdenkende bestraft. Während Oppositionelle und befreundete
       Journalisten im Gefängnis sitzen, bleibt der Wunsch, Teil davon zu sein.
       
       Um diesen Widerspruch auszuhalten, täuschen wir uns selbst: Die Spieler
       sind – bis auf einen – eine saubere Generation, die sich bislang nicht
       instrumentalisieren ließ. Bislang! Einige Spieler der vorherigen Generation
       hatten beim Referendum, das den Übergang [3][zum autoritären
       Präsidialsystem in der Türkei ermöglichte], ein Unterstützungsvideo für die
       Regierung veröffentlicht.
       
       Um die Illusion für uns aufrechtzuerhalten, darf es keine rechtsextremen
       Grüße mehr geben, vielleicht relativieren wir sogar den von Demiral 2024.
       Schließlich gibt es in jedem Land Rechte und autoritäre Tendenzen. Diese
       Illusion ist so fragil, dass es, um sie im Namen der Liebe zum Fußball am
       Leben zu erhalten, zugleich bedeutet, ständig Zugeständnisse zu machen. Zum
       Beispiel, wenn bei einem Spiel gegen die USA politische Inszenierungen auf
       den Rängen stattfinden. Erdoğan und Trump zusammen. Während im Iran Krieg
       herrscht, müsste man gleichzeitig so tun, als sei nichts, und einem
       weiteren Autokraten Kredit gewähren.
       
       Letztendlich bleibt ein seltsamer Schutzmechanismus, von dem alle
       Fußballfans nur träumen können; eine Heuchelei, die ein Nebeneffekt all
       dieses Hin und Her ist: Gewinnt die Türkei, freuen wir uns. Verliert sie,
       sind wir nicht traurig. Wie bequem. Die Türkei trifft – 1:0, die Türkei
       fährt zur Weltmeisterschaft. Die Freude hält kurz. Stille am Tisch. War das
       wirklich unser Wunsch? Niemand spricht mehr von Mexiko, und das nicht nur
       wegen der 10.000 Euro.
       
       6 Apr 2026
       
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